Kultur

Im Kino | 27.08.2004 00:00 | Michael Esser

Der berührte Mann

Michael Klier zeigt in seinem neuen Film "Farland" die Mark Brandenburg als eine Art Grenzland in Western-Manier - eine Heimat ohne Geborgenheit

Eine attraktive junge Frau steht da auf der Bühne, in einem firlefransigen Westernkostümchen. Sie hat ihr männliches Publikum im Griff, stellt Fragen und belohnt richtige Antworten mit läppischen Geschenken und einem professionellen Lächeln. Eine Roadshow wird so eine Veranstaltung wohl genannt, in früheren Zeiten, in einem anderen Land und einem anderen Film hätte die junge Frau Wundertinkturen verkauft, hier und jetzt versucht sie ein Produkt namens Country-Haus an den Mann zu bringen.

Karla, die weibliche Hauptfigur in Michael Kliers neuem Film Farland, führt ein Leben auf Durchreise. Überall und nirgends ist sie schon gewesen, alle möglichen und unmöglichen Jobs hat sie schon gemacht. Eine Familienangelegenheit ruft sie zurück in ihre Heimat, ins Berliner Umland zwischen A10-Center und Schönefelder Kreuz. Ihre Schwester liegt nach einem Verkehrsunfall im Koma; im Krankenhaus hofft Karla, die Umtriebige, am Bett der Reglosen auf ein Lebenszeichen.

Ein Mann kommt ins Spiel, der Vater des im Nebenbett ebenfalls bewusstlos dahindämmernden jungen Fahrers des Unglückswagens. Die zu erwartende Affäre entspinnt sich gleichwohl nicht, es geht um anderes.

Farland bewegt sich durchs Grenzland, auf vagem Terrain. Vom Fahrland, dieser nordwestlich von Berlin gelegenen Brandenburger Garten- und Plantagenregion hat der Film seinen Namen übernommen - aber eben nicht ganz. Denn blühende Landschaften sind hier nicht zu sehen. Mit einem spektakulären Panoramaschwenk definieren Klier und sein Kameramann Hans Fromm ihre Sicht auf den Schauplatz des Geschehens: Bildfüllend schiebt das Teleobjektiv die Fassaden der Küchenstudios, Kamindiscounter, Einkaufzentren und Möbelmärkte an der Ausfallstrasse zu dicht gedrängten Vorposten merkantilen Treibens zusammen; dem distanzierten Blick offenbaren sie sich als schief zusammengezimmerte, schnell übertünchte Provisorien mit großsprecherischen Reklameschildern, hinter deren Kulissen sich unvermittelt eine weite Steppenlandschaft mit einem kleinem See unterm winterlich tiefen Himmel öffnet. The far country heißt ein amerikanischer Western von Anthony Mann aus den fünfziger Jahren, der erzählt von der Differenz zwischen Land und Stadt, von der Frontier, dem Grenzland zwischen Natur und Zivilisation. Western sind Heimatfilme ohne Gemütlichkeit.

Farland beschreibt eine Region, die kolonialisiert wird wie neu entdecktes Land. Siedlerhäuschen besetzen die Landschaft, Trampelpfade winden sich durchs Gelände und Wildschweine werden vor dem Garagentor erlegt. Daniel Brühl als sterblich verliebter Polizist trägt seine lederne Uniformjacke, als laste auf seinen Schultern das Erbe all jener Sheriffs, die das Gesetz über ihre persönlichen Interessen zu stellen hatten.

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Die Frontier bezeichnet den Raum, der von der Zivilisation noch nicht völlig erobert ist, in dem Individualität sich noch beweisen kann. Zugleich ist sie der Ort, wo die Familien auf festen Zusammenhalt angewiesen sind, um sich vor den Gefahren der Wildnis zu schützen. Daraus entstehen Konflikte, Geschichten, Geschichte. Geschichten wie die von Jack London, Joseph Conrad oder Albert Camus.

Und Geschichten wie diese: Karla, gespielt von der großartigen Laura Tonke, findet nach einiger Zeit der Unsicherheit ihren Weg zur Schwester. Sie erinnert sich an die gemeinsame Kindheit, an schmerzliche Erfahrungen, an Ängste, Hoffnungen, Trauer, an den Geschmack und den Duft der Dinge. In der Stille des Krankenzimmers öffnet sie sich ihrer eigenen Geschichte, kommt sie zur Ruhe. Ansonsten treibt sie Unrast, sie nächtigt lieber im anonymen Automaten-Hotel als in der mütterlichen Wohnung. Auf ihren Wegen erscheint sie als fragile und zugleich abweisende Silhouette, mit hochgezogenen Schultern im schmalen, zugeknöpften Mantel und in die Taschen gepressten Händen. "Rühr´ mich nicht an", bescheidet sie den armen Polizisten, der von seiner Liebe zu ihr nicht lassen kann. Sie war hier mal zu Hause, doch die alten Bindungen zählen nicht mehr. Fremdheit ist auch ein Schutz. In den Western waren es noch die Männer, heutzutage sind es die Frauen, die weggehen, um anzukommen.

Axel ist einer, der wegging und nirgendwo ankam. Richy Müller gibt dieser Figur die verzweifelte Härte eines Mannes, der seine Fehler nicht versteht, sie aber mit dem Leben bezahlt. Er ist der Vater des Jungen, der neben Karlas Schwester im Krankenhaus liegt. Er hat seine Familie im Stich gelassen, er kam mit seinem Geschäftspartner nicht zurecht. Er versucht die Ruhe zu bewahren, bis zur Gefühllosigkeit, bis zur Feigheit. Erst als er entdeckt, wie sehr sein Sohn ihn gebraucht hätte, beginnt er unbeholfen, sich aus seiner Steifheit, aus seiner Verpanzerung zu lösen. Er spürt etwas, einen Rest von Leben jenseits der bloßen Existenz.

In einer waghalsigen, intimen Sequenz bittet Axel in der Lobby des leeren Hotels Karla darum, ihn zu berühren, damit er wisse, ob er noch lebe. Karla streckt ihren Arm aus, legt ihre flache Hand auf seinen Bauch, rührt an die Stelle unterhalb des Zwerchfells, wo die Gefühle unter Verschluss gehalten werden. Die Kamera beobachtet das aus weiter Ferne so nah, hinter einem Pfeiler postiert in einer Totale. Es gibt nichts zu erklären, nichts aufzulösen.

Später kann Axel auf seine Frau zugehen, die schon die Möbel auf die Strasse gestellt hatte und alles loswerden, Tabula rasa machen wollte. Sie kommen noch einmal zusammen, denn dem Mann ist etwas klar geworden. Und ganz unzivilisiert vermengt sich das Begehren mit der Sehnsucht und der Liebe.

Farland ist ein Film für Erwachsene. Das betrifft nicht bloß die Story: Michael Klier bietet keine Bilder für den schnellen Verzehr. Die Einstellungen machen immer wieder deutlich, dass die Bilder, bei aller Authentizität, doch inszenierte sind, dass die Kamerastandorte der Geschichte ihre Perspektive geben.

Bilder, auch davon handelt Farland, können einen berühren, aber sie sind nicht die Berührung, nach der die Figuren sich sehnen, sie können nicht den Halt geben, nach dem wir suchen.

Michelangelo Antonioni hat solche Geschichten vom Scheitern der Intimität, von der Unfähigkeit zur Unmittelbarkeit erzählt. Und auch seine Geschichten oszillieren zwischen Stadt und Land, zwischen Innen und Außen, seine Po-Ebene ist Kliers Mark Brandenburg. Von der berühmten Schlussszene aus Antonionis Blow up mit dem Tennisspiel ohne Ball mögen Michael Klier und seine Drehbuchautorin Undine Damköhler inspiriert worden sein: Axel spielt mit verbundenen Augen Fußball, seine Mitstreiter sind Blinde, die auf ihr Gehör, ihr Gespür angewiesen sind. Ganz feine Bewegungen sind da nötig und ein zärtliches Verständnis für Nähe und Distanz. Die Begegnungen werden zu einem Tanz um den Ball, zu einem stillen Ballett. Die Bilder verlangsamen sich und eine große Ruhe scheint einzukehren.

Axel ist zu sich gekommen, ein berührter Mann. Ein Held am Anfang eines weiten Weges durch karge Landschaft.

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