Kultur

Kristall | 15.06.2007 00:00 | Michael Braun

Verbindung zur Mutterwurzel

Zum Tod des Dichters Michael Hamburger (1924-2007)

In seinem Garten im ostenglischen Middleton, wohin er sich 1976 zurückgezogen hatte, steht eine eiserne Wasserpumpe, auf der die Zahl 1770 eingraviert ist, das Geburtsjahr Hölderlins. Dieser Bezug zu einem Elementardatum im Leben des größten deutschen Dichters mag eine zufällige Korrespondenz sein. Gewiss aber ist, dass Michael Hamburger sein Leben lang mit dem Werk Hölderlins verbunden blieb. Seine Beschäftigung mit dessen Werk begann bereits 1939, als der emigrierte jüdische Arztsohn noch in London zur Schule ging. Als junger Soldat der englischen Armee veröffentlichte er 1943 ein erstes Buch mit Hölderlin-Übersetzungen. Eine seltsame Erweckung der Poesie, mitten im Krieg: Dem schüchternen Soldaten war von seinem Hauptmann befohlen worden, sich an der Feier eines Dichters aus dem Feindesland zu beteiligen.

1933, Michael Hamburger war gerade neun Jahre alt, hatte die Berliner Arztfamilie das Trauma der Entwurzelung erlebt; über Edinburgh gelangten die Hamburgers nach London. Diese Erfahrung des Landloswerdens versuchte er sehr bald durch die dichterische Einkehr in die Sprache seiner neuen Heimat, das Englische, zu kompensieren.

Mit seinen deutschen Verlegern und Übersetzern hatte Michael Hamburger lange Zeit wenig Glück. So wurde zum Beispiel seine lyriktheoretische Studie The Truth of Poetry (1969), die bis heute materialreichste und klügste Arbeit zur modernen Lyrik, gleich zweimal in abgelegenen Taschenbuchreihen veröffentlicht und verschwand alsbald in der Versenkung. Erst 1995 wurde sie im Rahmen der Werkausgabe des Folio Verlags wiederveröffentlicht; diese schöne Werkausgabe wurde 2004 mit dem sechsten Band Aus einem Tagebuch der Nicht-Ereignisse abgeschlossen. Als Übersetzer agiert der Dichter Peter Waterhouse, der mit seinem Verständnis vom mimetischen Übersetzen, das die Illusion der wörtlichen Übertragung auflöst, vielfach auf Befremden und scharfe Kritik stieß.

Waterhouse hat in einigen zauberhaften Essays das Naturverhältnis der Gedichte Michael Hamburgers beschrieben: Natur werde in ihnen nicht einfach nur abgebildet, sondern durch "freischwebende, unverankerte Bilder" zum Leuchten gebracht, bis das Gedicht zur "Lichtdurchlässigkeit eines Kristalls" finde. In über sechzig Jahren dichterischer Produktion hat Michael Hamburger diese poetische Durchlässigkeit immer weiter verfeinert: nicht nur in seinen großen Reise- und Jahreszeiten-Zyklen Travelling ("Unterwegs") und In Suffolk, sondern auch in seinen politischen Gedichten oder dem Traumtext Das Bäumchen aus dem Birnenkern, das von der neoliberalen Instrumentalisierung des Wetters handelt: "Es ist der öffentliche Garten, der verwelkt".

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Einer der großen Passionen Michael Hamburgers war das Gärtnern. "Die Wahrnehmung von Wachstum und Absterben", so hat er in einem Interview betont, "gehört einfach zu meinem Umgehen mit allem, was Landschaft ist." In seinem abgelegenen Dorf in Suffolk stellte er mit Landarbeit, mit Baum- und Pflanzenzucht jene enge Verbindung zur "Mutterwurzel" her, von der viele seiner Gedichte träumen. Dass Gedichte mehr wissen als ihr Autor, hatte er zur Maxime seiner Arbeit erhoben: "Eines der größten Glücksgefühle beim Gedichteschreiben besteht darin, dass Gedichte einem mitteilen, was man denkt oder fühlt, was man ist, war oder sein wird, woher man kommt und wohin man geht." In seinem letzten Buch Pro domo, das erst vor wenigen Tagen im Folio Verlag erschienen ist, hat Michael Hamburger diese existenzielle Funktion von Dichtung noch einmal bekräftigt. In einem Aufsatz über das Alter korrigiert er seinen Übersetzer Peter Waterhouse, der einer Hamburger-Auswahl mit späten Gedichten den Titel Todesgedichte gegeben hat. Hamburger weist hier milde darauf hin, dass bereits sein erster Gedichtbuch Flowering Cactus das Signum des Todes trug. Am vergangenen Freitag ist Michael Hamburger, der Dichter der Naturdinge, der große Hölderlin- und Celan-Übersetzer, im Alter von 83 Jahren gestorben.

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