Kultur

Sportplatz | 19.10.2007 00:00 | Martin Krauß

Lehrstück Dejagah

Die Meldung ist kurz, die sich daraus ergebende Debatte hingegen noch immer nicht zu Ende. Ashkan Dejagah, Stammspieler der Nationalmannschaft der ...

Die Meldung ist kurz, die sich daraus ergebende Debatte hingegen noch immer nicht zu Ende. Ashkan Dejagah, Stammspieler der Nationalmannschaft der unter 21 Jährigen, sollte in der letzten Woche am Qualifikationsspiel für die Europameisterschaft antreten, das die Auswahl des Deutschen Fußballbundes (DFB) im israelischen Ramat Gan gegen Israel entschied. Dejagah, der in Teheran geboren ist und zwei Staatsangehörigkeiten besitzt, sagte ab. Die iranische Nachrichtenagentur Irna zitierte Dejagah: Es sei "im Voraus gut bekannt gewesen", dass er nicht fliege. Der Bild-Zeitung sagt er: "Das hat politische Gründe. Jeder weiß, dass ich Deutsch-Iraner bin." In einer ersten Erklärung, die der Deutsche Fußballbund verbreitete, war von einer "grundsätzlichen Einstellung" des jungen Mannes die Rede, die der DFB akzeptiere. Der BZ gegenüber drückte er es so aus: "Ich habe mehr iranisches als deutsches Blut in meinen Adern. Außerdem tue ich das aus Respekt." Und fügte hinzu: "Ich habe nichts gegen Israel, befürchte aber, Probleme bei späteren Einreisen in den Iran zu bekommen." Dieser nachgeschobene Satz dominierte von nun an die Diskussion. Der DFB teilte mit, Dejagahs Gründe lägen "im Bereich des Privaten".

Als die Meldung noch jung war, dominierte in Deutschland die Empörung. "Was denkt sich Ashkan Dejagah nur dabei?" fragte die Bild, der CDU-Politiker Friedbert Pflüger sagte: "Wenn er politische Vorbehalte hat, darf er nicht für eine deutsche Nationalmannschaft spielen." Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland Dieter Graumann sprach von einem "privaten Judenboykott", den man nicht tolerieren dürfe.

Doch die Empörung dauerte nicht lang an. Bald überwog das Verständnis für den Fußballer, dem man bescheinigte, er mache sich um seine Familie Sorgen. Dejagahs Eltern waren zwar in den neunziger Jahren als politische Flüchtlinge aus dem Mullahregime gekommen, doch das änderte nichts. Von seinem Bruder hieß es, er spiele in Teheran Fußball - in Wahrheit lebt er in Berlin. Die Bereitschaft, Dejagahs Entscheidung, Israel zu boykottieren, verständnisvoll zu dulden, wuchs. Auf stern.de schrieb ein Autor, "diverse Organe und Institutionen in Deutschland", die er besser nicht beim Namen nennen wolle, hätten Dejagah "übertrieben schnell an den Pranger" gestellt. Unterstützt wurde Dejagah im Iran, dort bejubelte man ihn.

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Wie die öffentliche Diskussion in Deutschland verlief, lässt sich nachskizzieren: Als Ankläger war der Zentralrat der Juden wahrgenommen worden, dessen Vorsitzende Charlotte Knobloch einen Ausschluss Dejagahs aus der Nationalmannschaft gefordert hatte. "Apodiktisch, populistisch und überzogen" nannte die Süddeutsche Zeitung die Forderungen Knoblochs, im taz-Blog hieß es unter dem hart an der Geschmacksgrenze schrubbenden Titel "Volk ohne Raumdeckung", die Forderung habe "etwas von Schulterstücke von der Uniform reißen". Bestenfalls wurde dem Zentralrat bescheinigt, dass er zwar übertreibe, in seiner Rolle jedoch durchaus übertreiben dürfe.

Als Verteidiger fungierten allerlei Linksliberale. Der Grünen-Politiker Volker Beck nannte Dejagahs Absage "nachvollziehbar und legitim". Etliche Medien wie die Westdeutsche Allgemeine Zeitung, die Süddeutsche oder der Stern fanden, Dejagah hätte sich geschickter verhalten sollen: Der iranische Nationalstürmer Vahid Hashemian habe 2004 beim Champions-League-Spiel der Münchner Bayern, bei denen er unter Vertrag stand, gegen Maccabi Tel Aviv einfach "Rückenschmerzen" angemeldet, um nicht erscheinen zu müssen. "Bei Dejagah hätte es einfach eine Muskelverhärtung getan", meinte der Stern.

Als Sachverständige in diesem deutschen Diskurs traten aus dem Iran stammende Deutsche oder in Deutschland lebende Iraner auf, die, wie der grüne Bundestagsabgeordnete Omid Nouripour in der taz, die Frage beantworten sollten, ob die Weigerung eines Menschen, israelischen Boden zu betreten, antiisraelisch sei: Sei es nicht, beschied er. Er habe nur "versucht, sich an die iranischen Gesetze zu halten." Wie pikant dieses Argument war, und dass man mit seiner Hilfe auch jemandem, der sich nach 1935 in Deutschland aus rassischen Gründen von seinem Lebenspartner trennte, bescheinigen könnte, er sei kein Antisemit - er halte sich nur an die Nürnberger Gesetze - fiel nicht auf.

Zu klären bleibt in diesem Lehrstück noch die Rolle des Schiedsrichters. Sie wird von der deutschen Öffentlichkeit übernommen, die sich moralisch über den jüdischen und iranischen Streithähnen stehend wähnt: Die Iraner seien wegen der iranischen Gesetzeslage voreingenommen; die Juden seien es, wie man so sagt, "wegen ihrer Geschichte". Das abschließende Urteil wird wohl DFB-Präsident Theo Zwanziger persönlich verkünden.

Das Spiel in Ramat Gan endete, nebenbei gesagt, 2:2, für die sportlich favorisierten Deutschen kam das einer Schlappe gleich.

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