Kultur

EU-Bevölkerung | 02.11.2007 00:00 | Ulrike Baureithel

Schrumpf

Wie die Geburtenrate auf die große Politik durchschlägt

Bevölkerungszählung ist ein altes Geschäft. Schon die Bibel berichtet von einer Volkszählung des römischen Kaisers Augustus, in deren Folge Maria und Joseph nach Bethlehem aufbrachen, um sich in den Steuerlisten registrieren zu lassen. Doch erst seit dem 19. Jahrhundert stieg die Bevölkerungswissenschaft auf zu einer Disziplin im Dienste staatlicher Planung: Malthus entwickelte sein pessimistisches "Bevölkerungsgesetz", in dem er Fortpflanzung und Konkurrenz zum Überlebensschlüssel der menschlichen Spezies bestimmte.

Die Renaissance der Demographie in den letzten Jahrzehnten verdankt sich dem Umstand, dass die Politik seit den siebziger Jahren die demographischen Daten gerade nicht zu deuten wusste und es versäumte, auf das veränderte Fertilitätsverhalten zu reagieren. Schrumpfende Bevölkerung, wird uns allenthalben vorgerechnet, bedeute Mangel an Arbeitskräften, leere Sozialkasten. allgemein: sinkender Wohlstand.

Indessen, darauf macht das Max-Planck-Institut für demographische Forschung in Rostock - eine der demographischen Leitinstitutionen in Deutschland - aufmerksam, beeinflusst das persönliche Fortpflanzungsverhalten ganz unmittelbar auch die große Politik. Zusammen mit der Bundeswehruniversiät München haben die Rostocker Wissenschaftler untersucht, welche Auswirkungen die Bevölkerungsgröße künftig auf die Entscheidungsprozesse der Europäischen Union haben werden (vgl. Demographische Forschung 3/2007). Noch gut in Erinnerung ist der Streit um die im Ministerrat geforderte "Quadratwurzel", mittels der Polen den Einfluss der mittelgroßen Staaten hatte stärken wollen. Das Unternehmen ist zwar gescheitert, doch einige in den letzten Jahren getroffene Entscheidungen auf EU-Ebene - zum Beispiel die Einführung qualifizierter Mehrheiten und das ab 2009 geltende Staaten- bzw. Bevölkerungsquorum - werden dafür sorgen, dass Bevölkerungsveränderungen auf die europäischen Gestaltungsspielräume durchschlagen.

Von besonderem Interesse, so Harald Wilkoszewski und Ursula Münch, ist dabei die gegenläufige Bevölkerungsentwicklung in der EU: Die eine Hälfte der Mitgliedsstaaten, etwa Frankreich, Spanien, die skandinavischen Länder und die Benelux-Staaten, werden voraussichtlich zulegen, während die Bevölkerung in der anderen Gruppe (Deutschland und die Staaten Mittel- und Osteuropas) schrumpfen wird. Wenn demnächst aber qualifizierte Mehrheitsentscheidungen nicht nur 55 Prozent der Länder, sondern auch 65 Prozent aller EU-Bürger repräsentieren müssen und andererseits Vorhaben (von mindestens vier Staaten) nur dann blockiert werden können, wenn diese Staaten 35 Prozent der EU-Bevölkerung stellen, verschieben sich die künftigen Koalitionen.

ANZEIGE

Bislang verbündeten sich im Ministerrat beispielsweise Nettozahler gegen Empfängerstaaten, oder die Gruppe der Wachstumsstaaten beziehungsweise die neuen Mitgliedsländer versuchten ihre Interessen gemeinsam geltend zu machen. Wenn aber, wie die Schätzungen der Vereinten Nationen vermuten lassen, etwa die Bevölkerung in Osteuropa sinkt, vermindert dies auch das Standing der neuen EU-Länder, laut Studie der beiden Forscher von 21 Prozent (2009) auf 17 Prozent (2050). Für diese Gruppe ist der Beitritt der Türkei also von elementarer Bedeutung, weil sie sonst auf mehrere andere, möglicherweise nicht sichere Bündnispartner angewiesen wäre und selbst dann langfristig an Einfluss verlöre.

Die Autoren weisen darauf hin, dass die demographische Entwicklung in den jeweiligen Ländern auch neue Weichen für die europäishen Kerngeschäfte - zum Beispiel die Sicherheitspolitik - stellen könnte: Schrumpfende Gesellschaften, so die Hypothese, setzen andere Prioritäten als wachsende. Die Forscher ziehen die Schlussfolgerung, dass es im Europa der 28 (inklusive Türkei) immer schwieriger werden wird, Mehrheiten zu bilden, während sich Sperrminderheiten relativ einfach formieren lassen; das könnte einer Blockadepolitik den Weg ebnen.

Wahrscheinlicher wird diese Entwicklung noch, wenn man mit einbezieht, was Maria Rita Testa und Wolfgang Lutz in der gleichen Nummer des Bulletins festhalten, dass es in Europa nämlich einen Zusammenhang zwischen tatsächlicher Geburtenrate und Kinderwunsch gibt, das heißt junge Menschen, die in einer kinderarmen Umgebung groß werden, weniger Nachwuchs planen als andere. Das würde den oben aufgezeigten Trend noch einmal verstärken - einmal unterstellt, dass es bei den eingeübten Interessenskoalitionen bleibt. Und das ist im Planungskalkül der Demographen offenbar keine Frage wert.

'; $jahr = '2007

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
David Foster Wallace Das hier ist Wasser Kiepenheuer & Witsch 2012

64 Seiten. Kartoniert.

4,99
 
David Foster Wallace wurde 2005 darum gebeten, vor Absolventen des Kenyon College eine Abschlussrede zu halten. Diese berühmt gewordene Rede gilt in den USA mittlerweile als Klassiker und Pflichtlektüre für alle Abschlussklassen – eine kleine Anleitung für das Leben, die man jedem mit auf den Weg geben möchte >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

Augstein und Blome

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Die grüne Guerilla

Ausgabe 22/2012
31.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Tubuk

portlet_Tubuk.png

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Das Schema
Michael Rutschky, Kathrin Passig u. a.

nachtkritik.de
Unentbehrlich für Theaterliebhaber

Umblätterer.de
Feuilletonbeobachtung. Intelligent und ironisch

Matthias Matusseks Video-Blog
Das deutsche Videoblog von Weltformat.

herthabsc.blogspot.com
Marxelinhos Blog über Hertha und Arsenal

flasher.com
Künstler über Künstler. Auf Englisch

The New Republic
Das US-Magazin

readme.cc
Die virtuelle Bibliothek

Kulturministerium.ch
Wahlrecht für die Schweiz

Parallelfilm
Notizbuch Christoph Hochhäusler

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG