Kultur

Kino | 18.01.2008 00:00 | Tim Slagman

"Once" von John Carney

John Carney ist ohne Zweifel ein Wagnis eingegangen. Er hat Glen Hansard die Hauptrolle angeboten, dem Bandleader der irischen Rockgruppe The ...

John Carney ist ohne Zweifel ein Wagnis eingegangen. Er hat Glen Hansard die Hauptrolle angeboten, dem Bandleader der irischen Rockgruppe The Frames, in der Carney früher selbst den Bass gezupft hat. Er hat Hansard die tschechische Pianistin Markéta Irglová zur Seite gestellt, die zuvor noch nie vor der Kamera gestanden hat. Er hat Hansard komponieren und die beiden im Film die Stücke interpretieren lassen, in voller Länge, und Tim Fleming hat die Geschichte in einem Neo-Dogma-Stil aufgenommen, direkt, roh, mit plötzlichen Perspektivwechseln und ohne künstliche Beleuchtung.

Herausgekommen ist Once, ein wunderbarer Film. Ein Stück Kino, das mit Bildern und Klängen, aber ohne störrischen Vorwärtsdrang erzählt, einen emotionalen Zustand herstellt zwischen Melancholie und Aufbruch, zwischen trauriger Reflexion und Sinnesfreude - und dabei niemals abstrakt wird. Die Handlung ist im Nu erzählt: In Dublin trifft ein Straßenmusiker eine Blumenverkäuferin, beide bleiben namenlos bis zum Ende der Geschichte. Sie, die eigentlich Pianistin ist, sich aber kein eigenes Klavier leisten kann, gibt ihm, der im richtigen Leben Staubsauger repariert, den Mut, ein Album aufzunehmen. Eine Verflossene im fernen London und ein bodenständiger, ebenfalls Staubsauger reparierender Vater schweben über der Situation, ein anfänglich zynischer, bald begeisterter Produzent und eine skurrile Band aus Straßenmusiker-Kollegen gesellen sich hinzu. Der Rest ist Melodie, Gefühl, sind Gesichter in Großaufnahme.

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Dieses Storygerüst, in seinem Gehalt und seinem Mangel, erweist sich als Glücksfall. Denn natürlich muss der Filmemacher Carney sich der Frage stellen, ob er die Suggestion von Nähe in seiner dokumentarischen Ästhetik nicht zu forciert einsetze, den Bruch mit den stilistischen Konventionen des Genres nicht allzu gewollt betreibe: Warum ausgerechnet in einem Musical Wirklichkeit simulieren, einer Gattung, zu deren spezifischen Merkmalen das Spiel mit den Zeichen der Bühne und der Popkultur zu gehören scheint - und das seine Künstlichkeit stets eher ausgestellt als verlogen kaschiert hat? Musik und Geschichte aber sind bei Carney eins, er hat keine Nummernrevue gedreht, sondern entwickelt die Lieder schlüssig aus der Situation, aus dem Fragment seiner Geschichte - sei es die melancholische Ballade Falling Slowly oder das etwas zupackendere When Your Mind´s Made Up, das stilistisch irgendwo zwischen Oasis und James Blunt liegt. Auch diese Logik hat er sich bei Lars von Trier geborgt, dem Mitverfasser von Dogma 95, diesem puristischen Manifest eines Kinos, das Unmittelbarkeit herstellen und die Kamera als Mittler bloßstellen will. Mit von Triers Dancer in the Dark hat sein Film überdies die Solidarität mit Arbeitern und ihren großen Träumen gemein. Einen Jungen, der dem Straßenmusiker sein sauer zusammengespieltes Geld aus dem ausgeklappten Gitarrenkoffer klaut, verfolgt der durch die halbe Stadt. Und als beide nicht mehr können - "Lass doch den Scheiß!" -, bekommt der Bestohlene sein Geld wieder ausgehändigt.

So sabotiert ein listiger, niemals aufgesetzter Humor die Bedeutungsschwere, die sich in den engen, dunklen Räumen manchmal einzunisten droht, in einem kleinen Zimmer im väterlichen Haus oder einem Wohnesszimmer, das sich drei Generationen zur Fernsehzeit noch mit den Nachbarn teilen. Herrlich dann, wie die junge Frau ihren Staubsauger am Schlauch durch die Fußgängerzone führt wie einen Hund, weil die zwei nicht sofort in die Werkstatt, sondern erst in ein Musikgeschäft gehen, an den einzigen Ort, an dem sie spielen kann.

Und auch das vielleicht größte Risiko, die Besetzung mit der 17-jährigen Debütantin Irglová und mit Hansard, der bislang nur in Alan Parkers Commitments von 1991 als Schauspieler zu sehen war, hat sich gelohnt Der knabenhaft-naive Blick des Gitarristen unter den roten Locken zeigt eine ganze Welt aus Hoffnung und erfahrener Härte, das spitzbübische Lächeln der zierlichen Blumenverkäuferin eine seltsame Mischung aus lebenskluger Ironie und strahlender Freude. Zwei, die sich verlieben müssen, so wollen es die Regeln des Kinos seit je. Aber so einfach macht Carney es sich und den Zuschauern dann doch nicht damit.

 
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