Kultur

Alltag II | 29.02.2008 00:00 | Annett Gröschner

Amüsieren wie Bolle

Berliner Abende

Ich möchte nicht in Pankow begraben sein. Nicht in Pankow I, nicht in Pankow II, nicht in Pankow III. Aber so ein Ausflug nach Pankow, wie Bolle dazumal, kann ganz amüsant sein, zumal an diesem Sonntagvormittag im Bötzowviertel "Brunch mit Gott" angesagt ist. Da will man doch lieber nicht im Weg stehen.

Jörg Schröder sagt nicht Pankow. Er sagt Niederschönhausen, wenn unsereins, um Großpankow von Altpankow zu unterscheiden, den Ort als Pankowpankow bezeichnet. Zu Jörg Schröders Kindheitszeiten war Niederschönhausen noch fein säuberlich von Pankow getrennt, obwohl beide damals zusammen mit acht anderen ehemaligen Dörfern den 19. Verwaltungsbezirk, Pankow, bildeten. Solcherart verwaltungstechnische Raffinessen interessieren Jörg Schröder nicht besonders, obwohl er ein Beamtenkind war. Die Bismarckstraße, in der er die ersten Jahre seiner Kindheit verbrachte, heißt heute Hermann-Hesse-Straße. Hermann Hesse ist einer der wenigen deutschen Autoren, die Jörg Schröder nicht verlegt hat.

Im Allgemeinen verbindet man mit ihm und seinem Märzverlag eher Frankfurt am Main als Pankow und statt Beamtentum Anarchismus. Die literarische Postmoderne wurde durch den Vertrieb von pornographischer Literatur querfinanziert. Ja, auch solch große Söhne hat Pankow hervorgebracht.

1938 ist der Amtsrat Kurt Schröder mit seiner jungen Familie in den Neubau am Bismarckplatz gezogen. Im Aufgang 36 b wohnten neun andere Mietparteien, die bis auf den Hauswart, der Kommunist war, dem Reich als Doktoringenieure, tuberkulöse Kammermusiker, Reichsräte oder - wie Nachbar Rinklef in vollem Wichs - als Reichsredner nahestanden. Ingenieur von Stetten soll so maulfaul gewesen sein, dass seine Frau einmal aus Ärger den Braten aus dem Fenster warf und von Stetten ihn wortlos wieder heraufholte, abwusch und aufaß. Heute schaut keiner aus dem Fenster, geschweige denn wirft er etwas hinaus. Selbst der Zugang zu den Mülltonnen ist mit einem Sicherheitsschloss versperrt.

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Der Einmarsch der Russen brachte das bürgerliche Leben so durcheinander, dass Jörg Schröder mit seiner Mutter zu Filou Siegfried in das Gründerzeithaus gegenüber und von da in den Westen umzog. In der Vertiefung zum Keller vermutet er heute noch den Dolch, den er vor den Russen vergrub. Er traut sich nicht, danach zu graben, stattdessen lässt er das Kind in sich noch einmal den Geruch der Leichensammelstelle in der Schule nebenan riechen und über den Bismarckplatz hin zur ehemaligen Kommandantur laufen, an deren Fassade immer noch steht: "Dieses Haus Gott bewahr vor falschen Freunden und Gefahr". Vor dem Kino "Blauer Stern" spielt Schröder eine Szene aus seinem Lieblingsfilm Die Frau gehört mir nach. Um die Ecke geht es zum Schloss, in das die Königin von ihrem Gemahl Friedrich II., "ausgelagert wurde", wie Schröder es nennt. Weder legen wir uns wie Bolle auf die Schienen der Straßenbahn, keilen uns nicht, das linke Auge bleibt unmarmoriert und Kinder kommen auch nicht weg, trotzdem amüsieren wir uns köstlich und zuletzt noch auf Kosten des Militärs. Das hat sich nämlich auf dem Schlossgelände eine Sicherheitsakademie eingerichtet. Vielleicht um die beiden nahezu identischen Häuser nicht zu verwechseln, das deutsche Militär hat es ja nicht so mit der Orientierung, haben sie Namen bekommen - links ist Haus Bonn und rechts Haus Berlin. Berlin sieht im Gegensatz zu Bonn aus wie poliert, aber bei näherem Hinsehen ist es nur die abendliche Sonne, die sich in der Schrift spiegelt.

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