Kultur

Kino | 12.09.2008 00:00 | Claudia Lenssen

Gomorrha von Matteo Garrone

Ein Jahr nach seinem Bestsellererfolg ist Roberto Savianos zorniger Reportageroman über die neapoletanische Mafia verfilmt worden. Gomorrha - Reise ...

Ein Jahr nach seinem Bestsellererfolg ist Roberto Savianos zorniger Reportageroman über die neapoletanische Mafia verfilmt worden. Gomorrha - Reise ins Reich der Camorra brauchte einen für Filmprojekte ungewöhnlich kurzen Anlauf, die Zeit scheint reif für das Thema. Savianos Pamphlet gegen die kriminellen Systeme in seiner Heimat hat durch wiederholte Müllskandale und Mordserien in Neapel einen traurigen Wahrheitsbonus verbuchen können.

Die Katastrophenportraits in Gomorrha geben über die Elendsfakten hinaus ein Bild von der Mentalität, die das kriminelle Rad der Camorra tagtäglich am Laufen hält. Die kleinen Camorristi haben Kino im Kopf, sie bilden sich die Aura von Gangstern à la Scarface oder Der Pate ein. Die Kinomythen führen bei "Soldaten" und Eingeweihten der Clans zu Brutalität, behauptet Saviano. Heute würden die Pistolen wie in einem Tarantino-Film schräg gehalten, die Schüsse so gesetzt, dass man das lange Sterben der Opfer in Kauf nehme oder mit Genickschüssen abkürze. Wie also einen Film drehen, der die reale Grausamkeit nicht als coolen Trip verherrlicht?

Matteo Garrones Gomorrha-Adaption entlässt einen nach einem mehr als zweistündigen ruhelosen Streifzug durch Neapels nördliche Slum-Vorstadt Scampia wie aus einem ausweglosen Höllenkreis der Erbärmlichkeit, Gewalt und Geschäftemacherei. Welch unermessliche Profite die Camorra aus den illegalen Branchenmonopolen abschöpft, wie sie sich zum Krebsgeschwür der internationalen Wirtschaft entwickelt und welche Macht die Chefs anhäufen - diese Zusammenhänge beschreibt der Roman. Das Filmskript, das Saviano mit dem Regisseur verfasste, konzentriert sich auf das untere Ende der Hierarchie. Gomorrha ist entsprechend der biblischen Titelmetapher das Sittenbild einer Welt, in der die Unterscheidung von Recht und Unrecht nicht existiert.

Fünf parallele Erzählstränge werden scheinbar kunstlos zu einem Mosaik zusammengeführt, jeder ein exemplarisches Beispiel für die Verstrickung ins System. Wenn anfangs ein paar nackte Kerle mit Sonnenbrillen in blauem Licht erscheinen, spielt der Film auf den Gangsterkult des Kinos an. Doch Milieu­genauigkeit, Physiognomien und Sprach­idiome wirken fast dokumentarisch, was die Wucht des Erzählten steigert. Die Szene in einem Sonnenstudio endet im Massaker, ein verfeindeter Clan lässt die Männer auf dem Teppichboden verbluten.

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Man folgt den rastlosen Figuren (fast ausnahmslos Männer) auf ihren Wegen; einer der abgewirtschafteten Schauplätze ist eine gigantisch verschachtelte Wohnmaschine, auf deren Korridoren Jugendliche die Reviergrenzen der Clans mit Handys und Schusswaffen kontrollieren. In dieser Kriegszone trägt der 13-jährige Totò (Salvatore Abruzzese) Lebensmittel aus, beobachtet die Drogenhändler und macht Pläne. Sein Vater sitzt im Knast, der Clan finanziert die Familie, doch das Kind übt, wie ein Gangster auszusehen hat und schließt sich unter Lebensgefahr dem gegnerischen Clan an.

Der alte Ciro (Gianfelice Imparato) zahlt die Gehälter der Mafia an die Frauen einsitzender Mitglieder aus. Im Bandenkrieg verliert er den Überblick, wessen Befehle es auszuführen gilt. Autoritätshörig gibt sich ein Vater, der für seinen Sohn nach dessen Examen um Arbeit bittet. Er soll für einen dreisten Subunternehmer Lagerplätze für Giftmüll auftreiben und rekrutiert Kinder, die die toxische Fracht in einen Steinbruch manövrieren. Zwei magere Teenager ballern drauflos, um mit Drogen und Waffendeals auf eigene Rechnung an Ruhm, Geld und Frauen zu kommen, werden jedoch selbst wie Müll entsorgt. Anders als sie steigt der junge Müllmanager Roberto am Ende erleichtert aus dem System aus.

Wie nah sich bürgerliche Normalität und Verbrechen berühren, zeigt die berührende Episode um Pasquale (Salvatore Cantalupo), einen verhärmten Schneider, der in einem der illegalen Ateliers von Neapel für einen Hungerlohn Haute Couture-Mode näht. Als er sein Können an einen chinesischen Sweatshop verrät, um seine Familie zu stützen, folgt die Rache. Pasquale entkommt und sieht im Fernsehen, wie Scarlett Johannsen sein Modellkleid auf dem roten Teppich der Oscar-Verleihung trägt. Gomorrha führt mit der Kühle des Zeitzeugenblicks in ein Stück Europa ein, in dem die Zivilisation aufgegeben hat. Der Ratlosigkeit und Empörung des Films kann man sich kaum entziehen.

 
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