Kultur

Film | 26.12.2008 00:00 | Paul Neumann

Oury Jalloh von Simon J. Paetau

Wie ist Oury Jalloh zu Tode gekommen, der in Deutschland geduldete Mann aus Sierra Leone, der an Händen und Füßen gefesselt mit einem Feuerzeug nach ...

Wie ist Oury Jalloh zu Tode gekommen, der in Deutschland geduldete Mann aus Sierra Leone, der an Händen und Füßen gefesselt mit einem Feuerzeug nach Leibesvisitation eine schwer entflammbare Matratze in einer Polizeizelle in Brand gesteckt und sich selbst verbrannt haben soll? Das konnte der jüngst zu Ende gegangene Dessauer Prozess nicht zweifelsfrei aufklären und der Film, der den Namen Jallohs als Titel trägt, versucht sich vernünftigerweise erst gar nicht an dieser Frage abzuarbeiten. So wie der Prozess aber zutage gebracht hat, dass etwas faul ist im Polizeiapparat des Landes Sachsen-Anhalt, so zeigt dieser Film, dass etwas faul ist in dem "Land der Ideen" als das sich das unsere am liebsten begreift. Der Film zeigt, wie Schwarze und Asylbewerber schikaniert werden. Und er füllt damit einen kleinen Teil jener Lücke, die nach dem Abebben der Medienwelle über die "No-go-Areas" im WM-Jahr entstanden ist. Denn das Medieninteresse ist wieder weg, die "Areas" aber sind geblieben oder sogar zahlreicher geworden.

Der weiße deutsche Zuschauer kommt bei dem Film Oury Jalloh nicht zu billig davon. Es ist für ihn kein Spaß, sich diesen Film anzuschauen, der beruhigende "Siehste"- oder "Hab´-ich-doch-immer-Gesagt"-Effekt will sich nicht recht einstellen. Viele Bilder, wie auch der Soundtrack, rufen ein gesteigertes Unwohlsein hervor. Ein starke Szene liefert etwa Britta von Gehlen, die Jallohs Frau spielt und wortlos, aber mit sprechender Miene auf dem Wochenbett liegend die Vorhaltungen ihres Vaters ("Wie stellst Du Dir das vor? Was soll nun werden?") über sich ergehen lässt.

Der Clou des 30-Minuten-Films ist die Idee, die Hauptrollen von Jallohs Freunden spielen zu lassen, Oury Jalloh wird etwa von Moussa Conde dargestellt. Zwar entscheidet sich der Film damit für eine Perspektive, erfreulicherweise wird auf eine Helden- oder Märtyrer-Stilisierung verzichtet. Um so plastischer sind die Szenen gelungen, die Asylbewerber heute bei Ankunft und Aufenthalt in diesem Sommermärchenland über sich ergehen lassen müssen - ob bei der Sprachschulung, beim Einkaufen oder in beziehungsweise fern der Käffer, in denen sie auszuharren gezwungen sind. In Diskos dagegen sind vor allem Afrikaner gern gesehene Aufreisserinnenbeute; wer auch sonst nichts weiß über die "Fremden", ihr "tolles Rhythmusgefühl" bewundert man gern.

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Oury Jalloh ist ein semidokumentarischer Film und "fast ohne Geld" entstanden. Er basiert auf Jallohs Geschichte, wie sie den Filmemachern (Regie: Simon Jaikiriuma Paetau; Produktion: Martin Backhaus) von seinen Freunden erzählt wurde. Das Experiment mit den Laiendarstellern ist gelungen. Zu den Dreharbeiten gehörte sogar praktische Staatsbürgerkunde: Nur knapp konnten die Filmemacher vor einem Überfall durch Neonazis fliehen. Vor ein paar Tagen haben sie den Deutschen Menschenrechtsfilmpreis in der Kategorie "Amateur" erhalten.

Es ist Regisseur Paetaus dritter Film, auch die Vorgängerproduktionen wurden bereits mit Preisen ausgezeichnet. In diesem Wintersemester hat der 21-Jährige sein Studium an der Kölner Kunsthochschule für Medien begonnen. Es bleibt zu hoffen, dass ihm seine politischen "Flausen" dort nicht ausgetrieben werden.

Oury Jalloh ist bislang nur zu beziehen über die Internetseite der Evangelischen Medienzentrale Bayern (www.emzbayern.de), die als Mitveranstalter des Deutschen Menschenrechtsfilmpreises eine DVD der Amateurfilmproduktionen 2008 in ihrem Shop anbietet für 5 Euro anbietet. Für 2009 ist ein kostenloser Download geplant, mehr Informationen unter www.ouryjalloh-derfilm.de

 
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