Kultur

Kolumne | 21.01.2009 16:50 | Katrin Schuster

Hörbar

Hörbücher muss man hören. Die beliebte Freitag-Kolumne "Hörbar" erscheint jetzt auch im Netz - mit Hörbeispielen.

Ein paar Jahre dauert der Boom des Hörbuchs nun schon an, und der Verlust, den diese Karriere bedeutet, wird jährlich besser kenntlich. Regelgerechte Hörspiele sind zu Liebhaberprodukten geworden, deren Herstellung den meisten Verlagen als zu aufwändig und zu teuer gilt. Entsprechend häufig wird – nicht zu Unrecht, das muss man zugeben – deren Innovationsunlust beklagt. Doch weniger die Zukunft als vielmehr die Vergangenheit haben die mittlerweile zahllosen „Audiobook“-Verlage aus dem Auge verloren: Eben weil sie die Tradition ihres Mediums immer vehementer ignorieren, erscheinen ihre Produkte beständig gleichförmiger und einfallsloser. Da muss erst der kleine Hamburger Mairisch-Verlag auftreten und das Neue in Form einer „Anthologie der freien Hörspielszene“ beschwören, um uns die Geschichte endlich wieder einmal ins Gedächtnis zu rufen. So also gibt sich der Fortschritt heute.

Tonbänder und Telefonate

20 Stücke versammelt die zweite „Pressplay“-Anthologie auf einer MP3-CD, die erste Folge dieser – so steht zumindest zu hoffen – Reihe erschien vor gut zwei Jahren. Auch diesmal, auf „Pressplay 2“, ist die Tradition so präsent wie sonst höchstens noch im Radio. Die Stimme, das Hören, die Räumlichkeiten – oder anders gesagt: das Nachdenken über das Medium – sind gewichtige Verhandlungsgegenstände dieser Sammlung. Es wird mit Frequenzen, Umfängen, Dopplungen und Chören gar bis zur Unverständlichkeit experimentiert; man erzählt von der Liebe zu einer Haltestellen-Durchsagerin („Nächster Halt“), von mysteriösen Tonbändern, von Telefonaten, Gebeten in dunklen Nächten und polizeilichen Verhören; mit großer Lust wird sinnfällig gemacht, dass Erinnerung nicht allein eine optische Angelegenheit, sondern auch eine akustische ist.

Womöglich hindert das Auge sogar die Evokation vergangener Gefühle: Wenn zu Beginn von „Der schlechteste Film aller Zeiten“ das pathetische Intro der Kinofilm-Produktionsfirma 20th Century Fox ertönt, ist die Popcorn-Atmosphäre einfach da; ein Betrachten des Logos hätte nicht annähernd denselben Effekt. Und wenn in „Den einen, die eine“ von ehemaliger Liebe die Rede ist, erkennt man das Geräusch im Hintergrund unschwer als das Zerreißen von Fotos – und hat selbstredend auch sofort eine Vorstellung von dem, was darauf zu sehen war. Auch in „A Comedy of Danger“ (BBC, 1924), das gemeinhin als allererstes Hörspiel gilt, ging es vor allem um die Blindheit seiner Zuhörer, die Handlung spielte im Dunkel eines Bergwerks und wusste von Sichtbarem nur wenig zu berichten.

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Erfundene Wirklichkeit

Und noch eine weitere Urszene des Hörspiels erfährt auf „Pressplay 2“ neue Auslegungen. Hans Flesch, künstlerischer Leiter der Südwestdeutschen Rundfunkdienst AG ab April 1924, ist sicher nicht annähernd so bekannt wie Orson Welles, jedoch ging seine Verwirrung von Realität und Fiktion, eine Montage avant la lettre namens „Zauberei auf dem Sender“, 14 Jahre vor dem „Krieg der Welten“ auf Sendung. Darin enterte eine Märchentante das Studio und störte den regulären Ablauf.
Das In- oder Durcheinander von Dokumentarischem und Inszeniertem hat bis heute offensichtlich nichts von seiner Faszination eingebüßt, die „Pressplay“-Anthologie präsentiert es in den verschiedensten Formen: als Arrangement von echten oder erfundenen Bruchstücken, die eine Biografie ergeben („Sibylle“, „Junge“); als absichtsvoll hilflose Klassifikation typischer Bahn-Szenen („Pendel, Baby!“) oder Einholungsversuch früherer Zeiten („Siberstreif“); als Kombination von wütenden Monologen und Entspannungs-CD-Texten („Gelöst, entspannt und locker“) oder sinnvolle Semantik einzelner Fragmenten („Der schlechteste Film aller Zeiten“).

Auch aufgesagten Statistiken – deren Vermitteltheit akustisch als solche kenntlich gemacht wird – begegnet man immer wieder. Dass das schönste Stück dieser CD, „Die Stadt der Hundert-Meter-Menschen“, die Virtualität der Wirklichkeit selbst zum Thema macht, indem es Shanghai als erfundene Stadt vorstellt, kann mithin kaum verwundern: Das ist Hörspiel, genau!

Pressplay 2, Hg. von Claes Neuefeind. 1 MP3-CD, ca. 380 Minuten. Mairisch Verlag, 15,90 Euro.

 
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