Kultur

| 15.02.2009 11:00 | Jonathan Jones, The Guardian

Staatsknete zu Spraydosen

In der gegenwärtigen Finanzkrise könnte der amerikanische New Deal ein Vorbild abgeben: Wie man mit der Förderung von Graffiti-Kunst Kreativität entfachen könnte

Am vergangenen Sonntag versuchte der Autor Will Hutton in der britischen Wochenzeitung The Observer den Geist des New Deal heraufbeschwören. Ein Äquivalent zu Präsident Roosevelts staatlichem Arbeitsbeschaffungsprogramm Work Progress Administration könne, so schrieb er, dem Leben in Zeiten neuerlicher Massenarbeitslosigkeit Hoffnung und Sinn verleihen. Mir scheint dies eine brillante Erkenntnis zu sein. Doch wie sähe, speziell im Bereich der bildenden Künste, die Umsetzung in die Praxis aus?

Hutton erinnert daran, dass die radikale Wohlfahrtspolitik, die in den dreißiger Jahren in den Vereinigten Staaten verwirklicht wurde, den Menschen nicht in zynischer Weise als lumpenproletarische Arbeitskraft missbrauchte, sondern vielmehr individuelle Talente zu fördern suchte. So finanzierte der Staat die Gestaltung von Flughäfen und Bibliotheken durch Maler – und beauftragte etwa den großartigen Arshile Gorky, einen armenischstämmiger Vertreter der abstrakten Malerei, im Flughafen Newark im Bundesstaat New Jersey eine Wanddekoration zu schaffen.

Jackson Pollock und anderen Künstlern seiner Generation sicherte der WPA nicht nur das physische Überleben – es inspirierte sie auch nachhaltig zur Arbeit in großen Formaten. In späteren Meisterwerken wie Pollocks One, Barnett Newmans Vir Heroicus Sublimis oder Mark Rothkos Seagram Murals wirkte die Vision des US-Staats der dreißiger Jahre fort.

Wie ließe dieses Programm sich nun auf die heutige Situation übertragen? Für uns ist Kunst im öffentlichen Raum nichts Neues. Nun müssen mehr, nicht weniger staatliche Mittel für die Kunst im öffentlichen Raum zur Verfügung gestellt werden. Dabei versteht sich von selbst, dass dieses Geld nicht bloß einzelnen Künstlerberühmtheiten zufließen kommen darf, sondern umgelenkt werden muss, um jungen arbeitslosen Menschen kreative Tätigkeit zu ermöglichen. Der Staat sollte Jugendliche für das Sprayen bezahlen!

Die moderne Graffitikunst und die amerikanischen Wandgemäldeprojekte der dreißiger Jahre sind insofern analog, als dass auch das Grafitti eine Form der Wandmalerei ist – eine unerlaubte allerdings. Dieser Tage könnte es in einer arbeitslosen Generation den Funken der Kreativität entfachen.  Um im Wortlaut am WPA zu orientieren: Gibt man jemandem Arbeitslosengeld, tut man nichts für sein Selbstwertgefühl. Gibt man jemandem eine Spraydose (und Zugang zu kostenloser Kunsterziehung) wird aus ihm vielleicht der nächste Jackson Pollock.

Übersetzung: Zilla Hofman
 
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Artikelaktionen
Kommentare
blunez schrieb am 15.02.2009 um 12:57
abgesehen davon, dass ich persönlich begeistert von der idee bin, nicht zuletzt weil wohl auch versuche wie der konsumgutschein bei mir in artikeln wie dosen gelandet wären, stellt sich mir vor allem eine frage:
wie verändert man das öffentliche bild der graffitikunst?
;)
marsborn schrieb am 15.02.2009 um 17:24
Was für ein Schwachsinn. Mit soviel kunstpädagogischem Elan und noch mehr fetter Staatsknete wird das Sprayen so sicher bald zum Lieblingssport für engagierte Kunstlehrer und alternde Sozialpädagogen... Cool! Ich freu mich schon auf noch mehr Sozialkitsch im öffentlichen Raum. Aber bitte mit Biospray ohne CO2, ja?


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