Kultur

Schweiz | 30.04.2009 18:00 | Rudolf Walther

Wer die Wildschweine stört...

...macht von seiner Freiheit Gebrauch. Kleine Einführung in direkte Demokratie oder wie im Appenzell Innerrhoden das Nacktwandern in den Bußgeldkatalog aufgenommen wurde

Wie zusammenkommt, was zusammengehört, ist – trotz Willy Brandts vereinfachender Behauptung von 1989 – eine ziemlich komplizierte Sache. Vergleichsweise einfach regeln das die Appenzeller – und zwar die aus dem mehrheitlich katholischen Teilkanton in der Schweiz, der offiziell Appenzell Innerrhoden heißt. Das sind 173 Quadratkilometer Hügel- und Bergland, in dem etwa 15.000 Menschen wohnen. Die Mehrzahl sind Ureinwohner, also katholisch und konstitutionell eher klein gewachsen, aber mit Witz und einer guten Portion Selbstironie ausgestattet. Schwer vorzustellen, irgendwo auf der Welt auf 173 Quadratkilometern mehr kauzige Kerle und Weiber anzutreffen als dort. Der berühmteste Einwohner war bis zu seinem Tod 2005 Peter Glotz, aber den Appenzellern war der „fremde Fötzel“, wie Nicht-Appenzeller dort genannt werden, eher egal.

Zum kauzigen Appenzeller gehört auch, dass Frauen dort erst seit 1990 – 20 Jahre nach der Einführung des allgemeinen Wahlrechts auch für Frauen auf Bundesebene – mitmachen dürfen in der Politik. Und zwar bei der jährlich stattfindenden Landsgemeinde unter freiem Himmel.

Die Vorfahrt der "Freiheit" vor der Ruhe

Ende April kamen sie wieder zusammen, die Appenzellerinnen und Appenzeller und regelten ihre politischen Sachen bei schönstem Wetter. Erstes Thema war das Jagdgesetz und damit der freie Zugang zu den Jagdgründen. Die Interessenten von Tourismus, Gewerbetreibenden und Blochers Volkspartei waren sich schon im Vorfeld darin einig, Ruhezonen für Wildtiere fielen unter die Freiheitsberaubung für Wanderer und Skifahrer: „Wir wollen keine weitere Einschränkung unserer persönlichen Freiheit“. Die Opfer dieser rabiaten Freiheitsbewahrung sind die ziemlich unschuldigen Wildtiere, die an der Landsgemeinde nicht zugelassen sind und keine Stimme haben wie die Frauen bis 1990. Eine Mehrheit der Landsgemeinde beschloss, keine Wildruhezonen einzurichten, obwohl das genau von Fachleuten (Jägern, Biologen und Naturschützen) verlangt wird, weil Rehe, Hirsche und Wildschweine besonders im Winter der Ruhe bedürfen. Hilft nichts, die Appenzeller wollen die Vorfahrt der „Freiheit“ vor der Ruhe.

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In einer elementaren Freiheitsfrage war der Appenzeller Souverän weniger nachsichtig. Der Häuptling der Regierung: „Viele fühlen sich regelrecht angewidert“. Der Leser fragt sich, wo und wovon? Antwort: Appenzellerinnen und Appenzeller sind „angewidert“, wenn „sie in der Öffentlichkeit nackten Wanderern begegnen.“ Ohne Diskussion stimmte eine Mehrheit der Landsgemeinde zu, nackte Wanderer fortan mit einer Buße von 200 Franken (etwa 140 Euro) zu bestrafen – falls Polizisten sie erwischen.

Das Wild bleibt frei von Schutz und Ruhe, aber der textilfreie Wanderer kriegt die Härte des Gesetzes und der Blocherschen „Freiheit“ wenn nicht körperlich, so doch kontomäßig zu spüren. Merke: Es gibt keinen vernünftigen Grund, Formen der direkten Demokratie zu verspotten. Aber diese neigt im Appenzellerland dazu, dafür selbst zu sorgen. Und nicht einmal die Appenzellerinnen konnten das verhindern.

 
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hdz schrieb am 30.04.2009 um 19:42
>Es gibt keinen vernünftigen Grund, Formen der direkten Demokratie zu verspotten.

Warum tut der Autor es dann trotzdem?


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