Kultur

Iran | 16.06.2009 14:40 | Fahimeh Farsaie

Eine Million Unterschriften für die Frauenrechte

Fast alle Gesetze im Iran betrachten die Frauen als ein zweitrangiges Geschlecht – aber immer weniger Iranerinnen finden sich mit dieser Situation ab

Wir sind die Hälfte der iranischen Bevölkerung lautet der jüngste Dokumentarfilm von Rakhshan Bani Etemad, der bedeutendsten Regisseurin Irans. Mit beeindruckenden Bildern zeigt sie in ihrem Film, wie die Menschen- und Frauenrechte im Iran verletzt werden. Die Protagonistinnen dieser bewegenden Dokumentation sind alle Frauen; bekannte und unbekannte Frauen, die selbstbewusst oder schüchtern, herausfordernd oder zurückhaltend wirken. Manche verbergen ihr Gesicht; aus Angst erkannt zu werden und manche schauen direkt in die Kamera. Einige erzählen von ihren bitteren Schicksalen und andere stellen eine einzige Frage: „Wie wollen Sie die Menschenrechte im Iran bezüglich der Frauenrechte praktizieren?“

Die Adressaten dieser Frage sind die vier Präsidentschaftskandidaten: Mahmud Ahamadinedschad, Mir Hossein Mussawi, Mehdi Karrubi und Mohsen Rezai. Rakhshan Bani Etemad leitet die Frage stellvertretend nach einer privaten Vorführung des Filmes an die Kandidaten weiter und dokumentiert ihre Antworten. Nur der – laut offiziellen Angaben der iranischen Behörden – „Sieger der Präsidentschaftswahlen“ am 12. Juni ist im Film abwesend: Mahmud Ahamadinedschad. Er hatte in seiner Amtzeit in vier vergangenen Jahren schon gezeigt, wie seine Regierung mit Frauenforderungen umgeht: rücksichtslos, willkürlich und brutal.

Brutalität ist ein Bestandteil des islamisch-iranischen Strafgesetzes. Demnach ist etwa ein neunjähriges Mädchen vollständig strafmündig. Wenn das Mädchen eine Rechtswidrigkeit begeht, die mit der Todesstrafe geahndet wird, kann das Gericht die Todesstrafe verhängen. Zuletzt hat etwa ein Gericht im Norden Irans am 2. Mai dieses Jahres von diesem Gesetz Gebrauch gemacht: Nach dessen Urteil wurde eine zum Tatzeitpunkt noch minderjährige Straftäterin hingerichtet. Ihr Name: Delara Darabi. Sie sollte eine Verwandte umgebracht haben. Sie wurde gehängt, obwohl der Iran die UN-Konvention über die Rechte von Kindern unterzeichnet hat. Demnach sind Hinrichtungen nicht erlaubt, wenn die zugrunde liegende Tat noch vor dem achtzehnten Geburtstag begangen wurde.

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Institutionalisierte Diskriminierung

In Wir sind die Hälfte der iranischen Bevölkerung kommt auch eine junge Frau zu Wort, die vor ihrem achtzehnten Lebensjahr und damit minderjährig mehrmals von ihrem Stiefvater vergewaltigt wurde. Als die Mutter vom Verbrechen erfährt, tötet sie ihren Ehemann in einer Auseinandersetzung. Sie wurde nach dem Gerichtsurteil hingerichtet. Die verzweifelte Tochter fragt vor der Kamera weinend: „War es nicht die ‚Ehre meiner Mutter’, die verteidigt werden musste? Wenn die Männer ihre ‚Ehre verteidigen’ und ihre Ehefrauen töten, werden sie freigesprochen, ja als Helden bezeichnet, das gilt aber für die Frauen nicht. Ist das nicht Diskriminierung?“

Institutionalisierte Diskriminierung ist das wichtigste Motto, dem die islamischen Gesetzgeber immer gefolgt sind. Fast alle Gesetze im Iran betrachten die Frauen als ein zweitrangiges Geschlecht, obwohl mehr als 60 Prozent der immatrikulierten Studenten weiblich sind. Das Gesetz zum „Schutz der Familie" ist ein eklatantes Beispiel. Die kritischen Stimmen nennen es „das Gesetz zum Schutz der sexuellen Gelüste des Mannes“. Demnach dürfen Männer gleichzeitig mit mehreren Frauen verheiratet sein und dürfen ihre Frauen verstoßen, d. h. sich scheiden lassen, sobald ihnen danach zumute ist. In das aus grauem Beton gebaute Teheraner Familiengericht, das am Vanak-Platz im Norden der Stadt liegt, pendeln stets Frauen, die sich mit dieser erniedrigenden Situation nicht abfinden wollen. Einige von ihnen traf die Regisseurin Bani Etemad in langen Fluren des Familiengerichts. Auf einer Wartebank hockend, blätterten sie nervös in einem Stapel Dokumente auf ihrem Schoß und erzählten vor der Kamera von ihren trostlosen Leben.

Steinigungen stoppen

Da die zahlreichen Frauen, die angeblich wegen des „Ehebruchs“ gesteinigt worden sind, ihre Geschichten nicht selbst erzählen konnten, stellen die Aktivistinnen der Kampagne "Eine Million Unterschriften für mehr Frauenrechte" ihre Schicksale in Bani Etemads Dokumentation vor. Eine von ihnen ist die Anwältin Shadi Sadr, Chefredakteurin der Webseite Women in Iran. Sie sagt in einem Interview: Unter der Regierung Ahamadinedschads wurden erstmals seit circa 15 Jahren Steinigungen wieder durchgeführt, immer wieder. "In den letzten vier Jahren gab es ungefähr acht Steinigungen, und es gibt jetzt noch viele Menschen, die in Gefängnissen sitzen und damit rechnen müssen, bald gesteinigt werden." Laut Amnesty International sind es sieben Menschen; sechs Frauen und ein Mann. Shadi Sadr: „Wir haben eine Kampagne gegründet zum Stopp aller Steinigungen. Eine Gruppe freiwilliger Anwälte hat es in letzter Zeit geschafft mit ihrer Kampagne, neun Frauen und zwei Männer vor der Steinigung zu bewahren.“

Shadi Sadr ist wie die Nobelpreisträgerin Shirin Ebadi, eine der Gründerinnen der Kampagne Eine Million Unterschriften für mehr Frauenrechte, die nach einer von der Polizei gewaltsam aufgelösten Demonstration im Juni 2006 auf dem Haft-e Tir Platz im Zentrum Teherans ins Leben gerufen wurde. Ihre Hauptforderung: Anerkennung der Frauenrechte als Menschenrechte und „die Abschaffung der Diskriminierung von Frauen auf allen Ebenen des Gesetzes.“ Die Aktivistinnen dieser Kampagne werden immer wieder massiv unterdrückt, bedroht, vor Gericht gestellt und zu Haftstrafen verurteilt. „Einschüchtern können uns Ahamadinedschads Diener nicht“, lautet die Devise.

Auf ihrer Webseite läuft ein Banner mit ermahnendem Slogan: „Gefängnis ist keine Antwort auf Forderungen der Frauen.“ In den vergangenen Jahren wurde die Homepage der Kampagne mehrmals blockiert. Der Redaktion wird vorgeworfen, eine von den USA finanzierte Revolution anstiften zu wollen. Trotz all dieser Repressalien entwickeln die Frauenrechtlerinnen stets Ideen und Initiative. Sie setzen auf Solidarität aller Menschen und die „Ansteckungskraft“ der gerechten Forderungen: „Wir sind die Hälfte der iranischen Bevölkerung“.
 

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Rahab schrieb am 16.06.2009 um 16:36
was ich jetzt nicht ganz verstehe ist: wieso steht dieser artikel in der abteilung "kultur"? - für erklärungen wäre ich dankbar.
Ingo Arend schrieb am 16.06.2009 um 16:59
liebe(r) rahab, der artikel steht in der kultur, weil ihn eine befreundete schriftstellerin aus köln für uns geschrieben hat, mit der wir schon lange und gern zusammenarbeiten. sie werden eine menge artikel von fahimeh farsaie im freitag finden. er hat zudem einen dokumentarfilm zum ausgangspunkt, insofern schien es uns gerechtfretigt, ihn in der kultur zu publizieren. man findet zwar viele fakten darin. aber es geht doch in erster linie um die reflektion des themas menschenrechte in der kultur.
outnumber schrieb am 16.06.2009 um 19:02
mädchen sind also im iranischen strafgesetzbuch ab 9 jahren straffähig, wie sieht es bei jungen aus? sind speziell mädchen davon betroffen? und ganz ehrlich, schon bei den ersten zeilen erwartete ich mindestens eine geschichte von einer vergewaltigten frau wenn es um geschlechterdifferenzierungen geht. man wird aber auch nicht ein einziges enttäuscht. vielleicht sollte man künftig bei den meisten artikel egal aus welchem kulturkreis zum thema feminismus, frauenrechte-etc einen link zum blog "definitionsmacht 1+2" erstellen, nur so als vorschlag.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 16.06.2009 um 22:03
Jungen gelten im Iran ab 15 als strafmündig. Lässt sich leicht ergooglen.
Wenn ich richtig informiert bin, gilt im Iran auch der Grundsatz, dass zwei weibliche Zeugen so viel zählen wie ein männlicher und dass das "Blutgeld" für eine getötete Frau nur halb so viel beträgt wie für einen getöteten Mann.
Rahab schrieb am 17.06.2009 um 14:25
die liebe Rahab dankt!
und: ich habe garnichts dagegen, auch recht und politik unter kultur zu fassen; ich tue das auch.
es hat mich nur etwas gewundert, denn ich hätte diesen artikel vorgängig unter politik vermutet.
und: vielleicht hält die einordnung unter 'kultur' ja den eine und die anderen davon ab, den artikel überhaupt zu lesen? was ich ausgesprochen schade fände!

@outnumber: ich gebe zu bedenken, dass eingeschränkte rechte von frauen immer und überall nichts anderes sind als der spiegel der eingeschränkten rechte von männern. ausgenommen sind da nur die, welche im besitz von privilegien sind; und das sind bekanntlich immer (und auch hier und heute) die allerwenigsten.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 17.06.2009 um 23:13
@Rahab

Das mit dem Spiegel ist schon richtig. Ich würde aber sagen, es ist mehr als das. Die wenigen Privilegierten bzw. die Herrschenden können die männliche Bevölkerung besser unterdrücken, wenn die Männer sich damit trösten können, zu Hause wenigstens ihre Frauen zu unterdrücken. Daher würde der "Gottesstaat" iranischer Prägung auch kaum ohne die massive Unterdrückung von Frauen auskommen.
Das Private ist politisch. So ähnlich wie bei uns zu vordemokratischen Zeiten: der allergrößte Teil der Männer hatte praktisch kein politisches Mitspracherecht. Darüber tröstete aber die Hausväter-Ideologie hinweg, wonach jeder Mann ein kleiner König war - ähnlich den wirklich Mächtigen, nur auf niedrigerer Stufe. Selbst nur Befehlsempfänger, durften die Männer wenigstens zu Hause ihren Frauen Befehle erteilen und sie bei Ungehorsam "züchtigen".
Goofos schrieb am 22.06.2009 um 22:18
@Rahab
Wie soll ich das verstehen, dass die eingeschränkten Rechte der Frauen zugleich der Spiegel der eingeschränkten Rechte der Männer darstellen soll? Trotzdem zentriert man das Thema eingeschränkte Menschenrechte auf die Frauenrechte und meint damit irgendwo ungenannt im Entferntesten auch Männerechte?

Das gibt mir tatsächlich zu denken. Bis vor Kurzem dachte ich ja auch in Iran würden mehr Frauen als Männer hingerichtet. Natürlich nur weil ich auch bei diesem Thema nur immer über Frauen gelesen habe, wo die Männer ungennant irgendwie mitgemeint sein sollen.
outnumber schrieb am 16.06.2009 um 18:54
nur ein hinweis zum photo bei diesem artikel,
kein einziger gläubiger praktizierender muslim, kein einziger, in keiner der vier großen schulen und schiiten ganz besonders nicht, würden sich beim beten von vorn photographieren lassen. niemals. unter keinen umständen. entweder schauspieler, angeblich in einer moschee, oder ohne erlaubnis und wissen der betenden frauen photographiert. ich wüsste nicht, was mehr die urheber diskreditiert.
Jörn Kabisch schrieb am 16.06.2009 um 19:25
Ein guter Hinweis, danke. Hier die ursprüngliche Agentur-Information zum Foto: "Young Iranian girls attend the weekly Friday prayer at Tehran University". Grüße, JK
Ingo Arend schrieb am 17.06.2009 um 22:59
liebe rahab, wir haben ein ausgesprochen politisches verständnis von kultur. der freitag steht für die "politik der kultur" und die "kultur der politik". gerade beim thema menschenrechte (im iran) kann man sehen, wie schwer die beiden seiten zu trennen sind. sonst würden ja nicht solche filme entstehen wie fahimeh farsaie sie beschreibt. ausserdem können wir uns natürlich nicht damit zufrieden geben, dass die leute lieber politik lesen und deshalb alle wichtigen themen, nur weil sie da vielleicht eher wahrgenommen werden, in der politik landen. alle politik zielt letztlich auf was? genau: kultur! in diesem sinne. bleiben sie unseren seiten treu!


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