Kultur

Kleine Verlage | 20.07.2009 14:00 | Ingo Arend

Bücher kochen für kleine Momente des Glücks

Noch hat sie die Wirtschaftskrise nicht erwischt. Aber sie rüsten sich schon für schlechtere Zeiten: Die kleinen Verlage treffen sich am Großen Wannsee in Berlin

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Eine Mischung aus Adelssitz und Landschulheim: Das Literarische Colloquium (LCB) am Berliner Wannsee (Foto: Ingo Arend)

„Krise? Was für eine Krise?“. Von Katastrophenstimmung im Buchhandel war wenig zu spüren am Wochenende am Berliner Wannsee. Zwar traut man der Gesundbeterei des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels nicht so recht, der kürzlich von einem „Sommerhoch am Buchmarkt“ sprach und Umsatzzuwächse von knapp sieben Prozent bekanntgab. Doch wen man vergangenes Wochenende auch fragte von den „Kleinen Verlagen am Großen Wannsee“. So richtig besorgt war eigentlich niemand. „Die 19,90 haben die Leute denn doch immer noch übrig. Da wird nicht gespart“, weiß Harald Loch von der kürzlich in Berlin-Friedenau neu eröffneten Zauberberg-Buchhandlung zu berichten. Aber vielleicht ist die Krise ja nur noch nicht richtig angekommen.

Das alljährliche Treffen von rund zwanzig Kleinverlagen aus dem deutschsprachigen Raum, zum vierten Mal von Berlins Literarischem Colloquium (LCB) veranstaltet, darf man sich nicht als eine jener coolen Parties vorstellen, wie sie in den letzten Jahren bei den Buchpräsentationen der Verlage in Berlin-Mitte Mode geworden sind: Promis stellen in angesagten Locations neue Titel vor und DJs heizen dem Publikum nach kurzem Smalltalk ordentlich ein. Am Wannsee sitzen ordentlich gekleidete Verleger hinter Tapeziertischen in dem holzgetäfelten Versammlungssaal der Literaturherberge und geben freundliche Auskunft über ihre – mehr oder weniger bibliophilen – Kostbarkeiten. Es gibt Kaffee und Kuchen. Es riecht nach gegrillten Würstchen. Frei nach Kurt Tucholsky könnte man sagen: "Hier können Familien Bücher kochen".

An diesen Wochenende trifft sich sich eher die grassroot-Leseszene; jenes durchschnittliche Lesepublikum, ohne das es vermutlich überhaupt keinen Buchmarkt mehr gäbe. Für die kleinen Verlage ist der direkte Kontakt mit den Lesern (über)lebenswichtig. Der interessierte No-Name-Leser aus Zehlendorf trifft auf den Kleinverleger aus München: Wolfgang Farkas vom kleinen, agilen Blumenbar-Verlag hält seinen zweieinhalbjährigen Sohn auf den Knien, während er einem Mann mit Sonnenhut den prächtigen Bildband Mjunic Disco ans Herz legt. Das Ganze wirkt wie eine Mischung aus Kindergeburtstag und Flohmarkt. Man kann sich vorstellen, was es für diese gutbürgerliche Klientel aus dem Berliner Westen bedeutet, wenn hier plötzlich ein echter Dandy mit Frack, Zylinder und rotlackierten Fingernägeln aus Großbritannien auftaucht und die  Frage: „Anybody here, who wants to fuck me?“ stellt. Die Aufforderung zu sexuellen Handlungen, mit der sie der 46-jährige Sebastian Horsley, Autor der Autobiografie Dandy aus der Unterwelt, schockieren wollte, ließen die Zuhörer allerdings unbeantwortet.

Abseits der Genres

Für dieses Publikum spielt es auch keine Rolle, ob es regnet und dunkle Wolken über dem riesigen Garten aufziehen, wie in diesem Jahr. Und die Lesungen, die sonst in malerischer Kulisse am Wannseeufer stattfinden, im Saal stattfinden müssen. Es ist erstaunlich interessiert an dem, was man gern „Nischenprodukte“ nennt. Von dem österreichischen Verlag Luftschacht, der „Belletristik abseits der Genres“ pflegt, hatten selbst Bibliomanen bis zum letzten Samstag womöglich noch nie gehört, obwohl er schon seit acht Jahren existiert. Oder von dem Verlag von Max Marek. Der 1957 geborene Illustrator, der schon bei Pina Bauschs Tanztheater Skizzen machte, hat sich zunehmend aufs Büchermachen spezialisiert. Mit spitzen Fingern und weißen Handschuhen präsentierte er stolz seine Künstlerbücher oder die aufwändig gestalteten Bücher in Blindenschrift namens Terra Incognita. Denn zumindest dieses Gefühl haben Sehende und Blinde gemeinsam, wenn sie ein Buch in die Hand nehmen: Das Gefühl, Neuland zu betreten.

Natürlich ist die Minibuchmesse auch eine Informationsbörse. Bei der man erfährt, dass die Leute von Blumenbar nun auch nach Berlin ziehen. Man kann hier sein Netzwerk an Kontakten dichter knüpfen. Selbst abgebrühte Rezensenten finden hier noch mal ein Buch, das noch nicht neben ihrem Schreibtisch stapelt. Zum Beispiel das lustige Booklet Angies Dress Book des kleiner Berliner Verlages Onkel&Onkel, wo man die Kanzlerin nach Art von Schnittbogen neu einkleiden kann. Die Kanzlerin hat jedenfalls schon eins. Und soll sehr amüsiert gewesen sein.

Vor allem ist das Treffen ein Versuch, der Verdrängung der Independents – so nennen sich die Kleinen gern – aus den großen Buchhandelsketten entgegenzuarbeiten. Eigentlich sind die Hefe des Betriebs. Trotzdem gehen viele Buchhändler sträflich mit ihnen um. Inzwischen verlangen sie sogar Werbekostenzuschüsse, damit Bücher überhaupt präsentiert werden.

Gemeinsam stark und trotzdem unabhängig

„Märkte wie „Kleine Verlage am Wannsee“ sind eine nötige Antwort auf diese Entwicklung, aber sie allein reichen bei weitem nicht aus“ erklärt die 35-jährige Daniela Seel, deren vor sechs Jahren gegründetes Label „Kookbooks“, sich einen Namen als Netzwerk für junge Prosa und Lyrik gemacht hat. Die Antwort auf diese Vertriebsprobleme ist die Aktion "Goldader:" Acht der Independent-Verlage, darunter Kookbooks und Blumenbar, bieten dem Buchhandel ein Paket ihrer Spitzentitel zu Sonderkonditionen an. Auch die Unabhängigen sind nur gemeinsam stark.

Selbstausbeutung, die Triebkraft hinter all den unzähligen Kleinverlags-Projekten, ist bei diesen Treffen kein Thema. Die meisten der Verleger sind geübt im Multitasking, arbeiten nebenbei als Journalisten oder im Copyshop. Keiner von ihnen kann sagen, wie lange das noch gut geht. Bei einem hat es jetzt nicht mehr gereicht. Der Basler Kleinverleger Urs Engeler Editor muss Ende des Jahres schließen. Ein ungenannter Mäzen ist abgesprungen. Ob das schon ein Zeichen der ganzen großen Krise ist, weiß man nicht. Vielleicht ist es einfach ganz normal, dass auch mal ein Kleinverlag stirbt. Aber wenn ein Kunde an den Stand kommt und dem Verleger ins Gesicht sagt, was für ein schönes Buch er da gemacht hat, ist das eben etwas, was nicht mit Geld aufzuwiegen ist. Sebastian Wolter vom Dresdner Verlag Voland&Quist nennt es die „kleinen Momente des reinen Glücks“.
 

 

 

 

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Deaktivierter Nutzer schrieb am 31.07.2009 um 19:37
Ich glaube das alles nicht.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 31.07.2009 um 19:38
Und wo war der November-Verlag?
Megan Fox-Smith schrieb am 12.12.2009 um 18:47
ich auch nicht.
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