Kultur

Distanz | 05.09.2009 14:30 | Wieland Elfferding

Die Logik des Stammtisches

Eine Antwort auf die Bitte, beim "Freitag" zu bloggen und Anmerkungen zur Kommunikation im Netz: "Ein Text schafft Distanz. Bloggerei ist das genaue Gegenteil"

Liebe Redaktion,

Der Freitag bringt mich in Verlegenheit. Ich soll mich in die Bloggerei zu meinem Ökotext einmischen. Ich nehme aber auch an keinem Stammtisch teil. Warum sollte ich mich also hier einmischen? Andererseits verweigere ich ungern Kommunikationen.

Ich habe mir die Oberfläche zu meiner Rezension eines kulturwissenschaftlichen Fachbuches über ökologische Fragen ausgedruckt. Das sind allein über zwanzig Seiten. Wann soll ich das lesen? In der Zeit hätte ich ein Kapitel Goethe oder Marx gelesen. Welche Verschwendung von Lebenszeit, gegen die sowieso keiner mehr protestiert.

Was die Blog-Beiträge zu meiner Rezension anbetrifft: In Wahrheit machen im wesentlichen zwei Männer mittleren Alters Smalltalk über alles Mögliche, am wenigsten über meinen Text. Was soll's?. Es kommt ja allerhand zu allem Möglichen zusammen – aber was hat das mit mir zu tun?

Ein Columbus der Hermeneutik (C.) wirft mir mangelnde „Ernsthaftigkeit bei der Recherche“ vor, was den Regenwald angeht, - eine Recherche, die unternommen zu haben ich nie beansprucht habe. Stattdessen habe ich einen Beitrag des besprochenen Buches unter einem bestimmten Aspekt ausgewertet.

C. ging es, wie überhaupt dem gewöhnlichen Blogteilnehmer, sowieso nur darum, die eigenen Kenntnisse zu irgendeinem Thema, das egal wie, oder auch nicht mit dem Bloganlass zusammenhängt, möglichst vollständig auszubreiten.

Ein paar Zeilen

Ein Mitbürger Hirschel geht mit meinem Text folgendermaßen um: Er liest offenbar einen Absatz, ärgert sich total und haut schon `mal ein paar Zeilen in das unendliche Zeichenuniversum. Eine Stunde später kommt die nächste Eruption und so weiter und so fort.

Da kann ich echt nichts zu sagen. Alle nehmen offenbar Texte wie Realia, naturalistisch, etwa als hätte ich über den Regenwald Tatsachenbehauptungen aufgestellt, die nun bestritten werden könnten.

Zum ABC des sinnerschließenden Textumgangs: ganzer Text als Intervention in ein Feld von Kommunikationen, Text als Handlung, Kernaussage, Textintention, Adressaten, Textstruktur, Schreibstrategie. Das ist das Mindeste, was man bei einer Antwort bedenken sollte. Und?

Komme mir albern vor, aber sei's drum: Ich entdecke eine interessante Parallele zwischen dem Eingriff der Trepl-Truppe in das Feld der Ökologie (als Wissenschaft und als Praxis des Naturschutzes) und der Entwicklung der grünen Politik.

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Sie versuchen, das Ökodenken aus all den Einseitigkeiten herauszuholen, die sich politisch bei den Grünen ergeben haben, indem sie ein Feld nach dem anderen räumten. Diese Parallele arbeite ich aus. Von all dem keine Spur in den Blogs.

Text als Text

Haben Redaktion und Herausgeber eigentlich jemals noch Zeit, über ihr Handwerk und insbesondere über die Eigenart von Texten zu reflektieren?

Der erste Begriff, der mit dem Text als Text zusammenhängt, ist „Distanz“. Ein Text schafft Distanz und entsteht aus Distanz. Die Bloggerei ist das genaue Gegenteil, sie ist distanzlos, sie zieht jegliche Distanz ein. Zum Beispiel die Unterscheidung eines Textes von den Bezugstexten „dahinter“ – auch das ist eine Distanz.

Das fängt schon einmal damit an, dass ich eine Strecke zurückgelegt habe, bevor der Text im Freitag steht. Texte zu den Grünen und zur Naturpolitik über Jahre, eine Tagung Ende 2008, Lektüre des Buches, langsam entsteht ein Gedanke, wie das Buch im politischen Feld platziert werden könnte.

Es folgt Textarbeit, mindestens drei Versionen, Kürzungen. Da ist im Kopf und auf dem Papier jedes Wort dreimal umgedreht worden, wie früher der Groschen, bevor er ausgegeben wurde. Meilenweit entfernt von den verbalen Anrempeleien des Netzes.

Text schafft Distanz: der Abstand zu anderen Texten, der Schutzraum, der durch redaktionelle Regeln behütet wird, die Transposition von Tatsachen und Gedanken in ein Medium mit seiner eigenen Logik – diese Distanz zur übrigen Welt wird bei Lektüre immer mitgedacht. Genau diese Distanz schafft das, was einmal Öffentlichkeit genannt wurde.

Öffentlichkeit, kritische – ein Raum, der dem Machtdruck (der Ökonomie, der Politik, der Psyche) ein Stück weit entzogen ist und wo die Konflikte nach eigenen Regeln, die kontrolliert und beherrscht werden wollen, ausgetragen werden können. Allgemeiner Zugang und Verpflichtung auf den common sense, den verallgemeinerbaren Sinn – an alle, für alle. Allerdings auch mit einer eigenen Machtlogik der Exposition, des Skandals, des Prangers.
Die Logik des digitalen Smalltalks oder auch des Stammtischs ist dem diametral entgegengesetzt, das mal schnell zu verbinden – reine Illusion. Eine gefährliche Illusion. Aber macht nur! Nichts für ungut.

Beste Grüße

Wieland Elfferding

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Streifzug schrieb am 05.09.2009 um 16:02
Der Autor, der im besprochen Artikel an der Diskussion nicht teilnahm, äußert sich nun hier im durch redaktionelle Regeln behüteten Schutzraum über die Diskutanten in einer Weise, dass ich frage: "Ist der Text mehr als eine distanzlose verbale Anrempelei?"
kay.kloetzer schrieb am 05.09.2009 um 20:53
Lieber Streifzug,
einen Schutz durch die Redaktion hätte ich darin gesehen, Wieland Elfferding vor diesem seinem Text zu schützen. Ich finde, die Einmischung des Autors in den Kommentierungen, womöglich gar eine Moderation, sollte freiwillig sein. Was mir auffällt, ist eine Hilflosigkeit der Redaktionen im Umgang mit Print und Online. Beim Versuch, ungeachtet der jeweiligen Kompetenz gedruckten Freitag, Online-Auftritt und Community einander anzunähern, verlieren im Moment alle. Da unterlaufen Kommentare wie der zu Kehlmanns Salzburg-Rede oder jetzt der Michael Angeles über Bekenntnisliteratur. Sie sollen wohl mutig sein, verwässern aber das Profil. Dabei sehe ich die Themen meist gut platziert, mich enttäuscht jedoch mitunter die journalistische Qualität. Der Freitag sollte sich von einer Tageszeitung auch darin unterscheiden, dass alle Beiträge, nicht nur Reportagen, Feuilletons oder Analysen, aus der Gründlichkeit des Denkens schöpfen und von einem Stil geprägt sind, der Handwerk verrät. Slow Food statt Fast Food sozusagen. Die Höhe, zu der sich die Redaktion einer Wochenzeitung in sieben Tagen aufschwingen kann, zeigt sich am ehesten noch im ersten Buch. Im Kultur-Teil jedoch schwankt das Gesamt-Niveau zuweilen zu stark, abhängig vom Können der einzelnen Autoren. So auch auf den Alltag-Seiten. Je bunter ein Thema, umso kleiner wird es gefahren, umso nachlässiger aber wird es auch bearbeitet. Und es bleibt bunt. Hier gibt es wenig Überraschendes, zu wenig Eigenes. Vergleichbar ist der Umgang im Online-Auftritt. Beim Lesen der Überschriften weiß man eigentlich schon, welche Herangehensweise in welcher Länge zu erwarten ist. Da fehlt mir der Mix der Genres, ein Wechsel des Tons.
Für Letzteren sorgt die Community. Doch das ist nun wieder etwas ganz anderes, und manchmal passt es eben nicht zusammen, muss ja auch nicht. Den immer wieder formulierten Anspruch auf Aufmerksamkeit und Zuspruch durch die Redaktion empfinde ich zuweilen als anmaßend. Wir sind Leser und Blogger, keine Kollegen.
So irritierend bis in Teilen arrogant ich Elfferdings "Logik des Stammtischs" lese, offenbar in Wut geschrieben, so orientierungslos wirkt die Platzierung an dieser Stelle. Ich bin jedenfalls gespannt, wie es weitergeht mit diesem doch vielversprechenden Projekt.
Herzlich
kk
Michael Angele schrieb am 06.09.2009 um 12:05
Lieber Kay Klötzer,

merken Sie eigentlich nicht, dass Ihr Posting hier Teil des von Herrn Elfferding formulierten Problems ist? Statt hier zu einer Blattkritik des Freitag anzusetzen, um die Sie – an dieser Stelle! – niemand gebeten hat: Wie wär's, wenn Sie einen Beitrag formulierten zu den, meines Erachtens, substantiellen Fragen, die Herr Elfferding aufgeworfen hat. Stichwort: Was ist ein Text?
Beste Grüße
Michael Angele
Magda schrieb am 06.09.2009 um 13:31
Also jetzt verstehe ich gar nichts mehr. Ich fand kay.klötzers Überlesgung recht schlüssig. Ich spüre aber auch, dass das Verhältnis zwischen Redaktion und Community eine schwierige und nicht so einfach zu lösende Geschichte ist und Empfindlichkeiten auf allen Seiten herrschen. Es hat was mit Überforderung zu tun, denke ich. Mit Grenzüberschreitungen, die man will aber nicht so...

Anders kann ich mir den Ton jetzt nicht erklären.
kay.kloetzer schrieb am 06.09.2009 um 13:39
Lieber Michael Angele,
warum darf ich nur posten, worum ich gebeten werde? Nun gut, dann für Sie zu "Was ist ein Text?":
Ich beziehe mich auf die Textsorten wie sie bei derFreitag in Print und Community zu finden sind. Für mich beginnen die Unterschiede mit Adressat und Zeit. Im gedruckten Blatt ist die Distanz zum Adressaten am größten, dem unbekannten Leser in einer Gruppe links geprägter Intellektueller, politisch aufgeschlossen und vielseitig gebildet. Hierfür entstehen Texte ist klassisch journalistischer Arbeit, wie Elfferding sie beschreibt. Je nach Thema dominiert mal natur- oder geisteswissenschaftliche Präzision, mal ein feuilletonistischer Zugriff auf gesellschaftlich Relevantes. Hier ist ein Text ein Text, wenn er mit der Absicht der Information, Aufklärung, Unterhaltung, Einordnung, Herausforderung Ereignisse ebenso spiegelt wie er sie in größere Zusammenhänge stellt. Dabei spielen Recherche, Originalität und Sprachstil bestenfalls so zusammen, dass die Rezeption gleichermaßen mit Wissenszuwachs und Lesevergnügen bereichert. In ihrer Gesamtheit - der Zeitung - bieten sie den Adressaten ein Spektrum an Themen, Stimmen und Stilen, in dem der einzelne Text auch Teil dieses Ganzen sein sollte. Der Zeitraum ihres Entstehens ermöglicht eine längerfristige Gültigkeit.
Die Diskussion über gedruckte Beiträge bleibt meist am Tisch - der Redaktionskonferenz oder dem des Lesers. Denn der Autor hat in seiner Arbeit bereits gedanklich vorweggenommen, was die Lektüre nun auslöst. Was der Leser in Zustimmung oder Empörung zu diskutieren sich inspiriert fühlt, findet sich in den Kommentaren der Community, ergänzt von eigenem Wissen und Erfahrungen. Die Blog-Beiträge wiederum sind zu oft ähnlichen Themen, jedoch in anderer Absicht geschrieben, sind mal der Analyse, mal dem Erzählen, mal der Satire oder der Provokation verpflichtet, selten jedoch einem journalistischen Anspruch, wie wir ihn bisher kennen. Dennoch sind es Texte, die in einem ihren Inhalten entsprechenden Rahmen erscheinen.
Spätestens in den Kommentaren bestimmt der Meinungsaustausch den Ton. Ein Ton, den auch Elfferding anschlägt, doch tut er dies nicht in der Community. Wie er halte ich die Verbindung beider Textsorten für eine Illusion, die Öffnung beider Räume wie bei derFreitag jedoch für eine Erweiterung - solange die Unbekümmertheit des Bloggens nicht die Sorgfalt des Schreibens übertönt.
Sie sehen, meine nicht erbetene Blattkritik hat durchaus etwas mit Elfferdings Text zu tun.

Herzlich
kk
Zhou er ge schrieb am 06.09.2009 um 10:33
Sie haben recht, Herr Elfferding. Danke fürs Augen öffnen!
Rahab schrieb am 06.09.2009 um 13:22
ich find ja auch, dass all dieses dem "gewöhnlichen Blogteilnehmer" mal gesagt gehörte! ts. was sich diese "gewöhnlichen" doch immer wieder herausnehmen!manche berühmen sich sogar "eigener Erkenntnisse". potzblitz aber auch! da sieht mann mal wieder, wie übel sich die allgemeine schulpflicht auswirkt...

und richtig froh bin ich ja, dass ich ne frau bin. da kann ich ja schon von naturs wegen kein "gewöhnlicher Blogteilnehmer" sein!
mh schrieb am 06.09.2009 um 13:40
wie gut war ein artikel geschrieben, wenn ich gedanklich nur dazu in der lage bin mich mit themenverwandten themen auseinander zu setzen?

ein artikel ist auch führung des lesers hin zu dem, wo man ihn hinhaben will.. das möchte kein leser wirklich wissen, ändert aber nichts an der tatsache.

der artikel da oben ist eine ausrede und zwar zu lasten anderer.

läuft bei mir unter: es gibt immer viele gründe dafür, dinge nicht zu tun.

typisch menschlich und ineffizient.

gleichwohl, die community darf sich das ruhig mal anhören. selbstreflexion ist nie verkehrt .. den stil finde ich allerdings nicht sonderlich erhebend.

mfg
mh
Michael Angele schrieb am 06.09.2009 um 14:00
@MH
der Text von Herrn Elfferding war von diesem ursprünglich an ein Redaktionsmitglied adressiert, wir haben mit seinem Einvernehmen beschlossen, ihn zu veröffentlichen. Das mag die eine oder andere Sache erklären, die Sie ansprechen.

@kk

danke. Ich bin in manchem völlig d'accord mit Ihnen. Es ist klar: das Bloggen und Kommentieren verfolgt die von Ihnen benannten Zwecke, die sich vom journalistischen Kerngeschäft unterscheiden und sie haben ihr Gutes. Es bleibt aber das Faktum, dass über den Kommentaren ein so genannter Referenztext steht, der dann im Extremfall die Diskussion gleichsam nur noch stört (als etwas, das da gar nicht mehr hingehört). Darauf sollte man auch eine technische Lösung finden. Ich glaube, es wird daran gearbeitet.
Ihr MA
mh schrieb am 06.09.2009 um 14:15
ich halte es für irrelevant wer der eigentliche adressat ist. das spricht ein grundsätzliches empfinden.

der stil wäre direkt nach außen hin vielleicht besser gewesen .. wäre das ehrlicher? die denkweise jedenfalls keinesfalls anders.

mfg
mh
kay.kloetzer schrieb am 06.09.2009 um 14:50
Lieber mh,

"ich halte es für irrelevant wer der eigentliche adressat ist. das spricht ein grundsätzliches empfinden."
Ich denke schon, dass ein Adressat für den Text relevant ist. Davon hängt doch schon ab, in welcher Größe welches Thema wo platziert wird oder was der Autor voraussetzen kann (an Bildung, Zeit, Bereitschaft, Gewohnheit). Verständlichkeit und Qualität allerdings sollten sich nicht unterscheiden.
Dass der Adressat dieses Textes eigentlich ein Redaktionsmitglied war, dass es sich quasi um einen Brief handelt, konnten wir nicht wissen. Mit diesem Wissen jedoch verändert sich der Text. Meine Maßstäbe an den Stil sind nun andere und bestätigen mein Gefühlt, dass der Beitrag in der Community besser aufgehoben gewesen wäre, weil er als Teil des Freitag-Online-Auftritts diesen nicht schmückt).
Gerade hat Michael Angele in der "Wer hat geil Krebs"-Diskussion die unglückliche Überschrift entschuldigt, die nicht im Interesse der Redaktion sei. Genau diese Vermischung meine ich: ein gedruckter Kommentar wird mit einem online-Lasso an die Grenze des Bouladard geführt.
Herzlich
kk
mh schrieb am 06.09.2009 um 15:13
mit dem stil bezog ich mich alleinig auf meine feststellung

"läuft bei mir unter: es gibt immer viele gründe dafür, dinge nicht zu tun."

war zugegebenermaßen nicht sonderlich gut dargestellt.

mfg
mh
Deaktivierter Nutzer schrieb am 06.09.2009 um 14:46
Ich sag mal was zum konkreten Anliegen von W. Elfferding. Auf die zur Debatte stehende Buchrezension ist tatsächlich von einigen Kommentatoren in der beschriebenen Art und Weise ein- bzw. an ihr vorbeigegangen worden, vor allem von den beiden genannten. Da kann der Autor sich zu Recht missverstanden, über den Mund gefahren oder, sagen wir es deutlich, beserwisserisch abgekanzelt fühlen. Deshalb aber gleich die ganze Community, das Bloggen an sich und die 'digitalen' Stammtische zu verunglimpfen, geht ein wenig übers Ziel hinaus. Wer allein in Printmedien veröffentlicht, bekommt mal vereinzelt von Redaktionen gefilterte Leserbriefe, die ihn beschäftigen oder kalt lassen können. Vielleicht kann man das ja bei einer Online-Veröffentlichung mit Kommentarschwanz auch so halten, wenn man eine Stammtischallergie hat. Die Freitag-Redaktion hätte dem Autoren also besser das 'Einmischen in die Bloggerei' nicht abnötigen sollen.
Matthias Dell schrieb am 07.09.2009 um 10:13
abgenötigt hat ja keiner. es nötigte sich ab. ob das veröffentlicht werden soll - wer weiß? es gibt so reflexe: elfferdings text ist einer, der eine - womögliche berechtigte – kritik derart pauschaliert, dass sie garantiert nicht stimmt. andererseits kann man, in dem wissen, ja auch gelassen damit umgehen. meine zweifel driften ins sybillinische.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 07.09.2009 um 15:05
Ja, Gelassenheit ist ratsam. Konkretheit statt Pauschalisierung auch. Außerdem hat jeder das Recht zur Verweigerung, allerdings ohne anderen ihre Nichtverweigerung übel zu nehmen, jedenfalls, wenn es um so harmlose Dinge geht.
Skepsis schrieb am 07.09.2009 um 06:43
Ehrlich gesagt halte ich schon den Denkansatz dieses Artikels für fragwürdig!

Was ist denn bitte so schlimm an Stammtischen?

Stammtische sind urdemokratische Erscheinungen, die eng verbunden sind mit der Idee des zivilgesellschaftlichen Diskurses!

Die Diskreditierung des Prinzips des Stammtisches hängt nach meiner Überzeugung damit zusammen, dass die gesellschaftspoltisch relevanten Themen in den deutschen Obrigkeitsstaaten traditionell immer von den Eliten diskutiert und entschieden wurden, wohingegen man den "Massen" Dumpfheit und chronische Inkompetenz unterstellte. Mehr noch: Man hielt Stammtische für die Brutstätte subversiven Gedankengutes. (siehe Gustave Le Bons Buch "Psychologie der Massen")

Einen weiteren wichtigen Punkt sehe ich diebezüglich in einer etwas schrägen Interpretation der jüngeren deutschen Geschichte - so wird des öfteren suggeriert, dass Hitler von den "Massen" demokratisch in sein Amt gewählt worden sei (was historisch nicht stimmt).

Daher rührte im Nachkriegsdeutschland das Mißtrauen der Eliten gegenüber der direkten gesellschaftspoltitischen Einflussnahme des Volkes durch plebiszitäre Elemente, Vereine (bzw. Bürgerinitiativen) und eben politischen Stammtischen.

Kurz gesagt: Nach meiner Meinung ist das pauschale "Stammtisch-Bashing" Ausfluss einer elitär-versnoben, überheblichen und latent undemokratischen Weltsicht.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 07.09.2009 um 15:00
Ganz allgemein gebe ich Dir Recht. Im Konkreten, wenn man selber Gegenstand eines 'Stammtischdiskurses' geworden ist, muss man sich natürlich über das möglicherweise fehlende Niveau o.ä. beklagen dürfen.
Columbus schrieb am 11.09.2009 um 15:13
Lieber Herr Elfferding,

Vorweg, es geht ja um einen Text und dann um den Dialog, ich heiße nicht „Columbus“, sondern kann mit meinem Klarnamen angesprochen werden. Ich bringe mich auch nicht in Verbindung mit einem Stammtisch oder mit einer Stehbar. Das aber, wollten Sie jetzt, in gänzlich polemischer Absicht, tun.

Nun zum Text, besser zu den zwei Texten, die von Ihnen hier geliefert wurden.

Sie beziehen sich ja auf die Kulturwissenschaflter um Herrn Tepl und formulierten, deren gesammelte Erfahrungen führten zu einer Art Selbstaufklärung aus der Sprache und der semantischen Analyse, aus der Kultur und der Geschichte, über die Verwendung derselben in der heutigen Diskussion.

Unter der Überschrift "Grüne Götterdämmerung", und dem Teaser, "Wissenschaftler versuchen eine Neu(be)gründung der Ökologie aus dem Geiste der Kulturgeschichte.", schreiben Sie „Dabei scheute die grüne Bewegung die Theorie wie der Teufel das Weihwasser“. Das ist, ich wollte es ihnen freundlichst an einigen sachlichen Beispielen vorführen, sachlich falsch.

Die erste beachtenswerte Theoriebildung in dieser Frage ist nämlich die der Naturwissenschaften und da hilft es nicht, die Ökologie neu begründen zu wollen, sondern höchstens kann es kulturwissenschaftlich gelingen, die vielfältigen Ansätze in der Geschichte und Wissenschaftsgeschichte, auch in der Literatur oder Musik, aber auch in der alltäglichen Einwirkungsgeschichte auf die Landschaft und im historisch gewachsenen sprachlichen Bild von ihr deutlich zu machen.

Das bewegt sich auf den Spuren einer Tradition, die Alexander von Humboldt exemplarisch vorlebte, der beschreibende Sprache und naturwissenschaftliche Grundlage zusammen brachte, das bewegt sich auf dem Niveau der Marxschen Frühschriften, die den Menschen als Gattungswesen fassen.

Die Theorie, auch die Kulturtheorie geht völlig baden, wenn eben die einfachen Basics der Grundannahmen, sie stammen alle aus den Bio- und Naturwissenschaften, aus der Systemtheorie und aus einer mehr als 150 -jährigen Tradition der Umweltwissenschaften, angefangen z.B. bei Adalbert Stifter, nicht stimmen oder falsch angegeben werden.

Die Gründungsväter der Ökologiebewegung, gerade die aus Deutschland, kannten aber auch ihren Aristoteles und ihren Hippokrates, wenn es um solche Worte wie „Klima“ oder nur um die Beschreibung der Elemente „Feuer, Erde, Wasser, Luft“ geht. - Wenn Sie also kulturwissenschaftlich den Begriff und die Verwendung der Begriffe, z.B. „Ökologie“, „Nachhaltigkeit“, „Autopoesis“ oder etliche andere analysieren oder beschreiben wollen, dann müssen Sie von den Wissenschaften und Erkenntnissen ausgehen, in denen die Begriffe formuliert wurden und werden. Sonst erzählen Sie eben, bis zum Kindergarten hinunter nur Quatsch.

Siehe:

„Lernen nicht schon Schulkinder, wie der tropische Regenwald funktioniert und warum er, einmal zerstört, nicht wiederhergestellt werden kann? Pustekuchen, der Regenwald erweist sich bei näherem Hinsehen nicht als Ökosystem, sondern als historisch-kulturelles Produkt wechselnder Interessen und Perspektiven.“

Dabei verhält es sich eben genau anders:

Bei „nährem Hinsehen“ bleibt der Regenwald ein Ökosystem, das von wechselnden menschlichen Interessen und Perspektiven angegriffen und verändert wird, aber niemals wird der Regenwald ein „historisch-kulkturelles Produkt“.

Sollte das einmal eintreten, es ist der derzeitige Haupttrend, dann verschwindet er auf Nimmerwiedersehen. - Sie wollen doch mit Ihrer Buchempfehlung, die Autoren dort argumentieren ja nicht so, wie sie es hier beschrieben haben, die Kindergärtner und Kindergärtnerinnen, die auch „Der Freitag“ lesen, aber vielleicht nicht zur kulturwissenschaftlichen Fachliteratur neigen, auf falsche Fährten setzen? - Lassen Sie es doch ruhig dabei, sie, die Erzieher, die Wahrheit, das Regenwald als Ökosystem nicht ersetzbar ist, zu lehren.

Ich hoffe, ich konnte Ihrer doch eingermaßen hochnäsigen Verbalattacke einige Lichtlein aufstecken, ohne mich von Ihnen, -Wer sind Sie, dass Sie sich das gestatten?-, an einen Stammtisch gestellt zu sehen. Bleiben Sie locker und argumentieren Sie redlich, so wie es sich unter gebildeten Leuten gehört.

Sie traten in Ihrem ersten Text, der ja wie eine kleine Rezenzsion daher kommt, z.B. mit den oben von mir genannten rhetorischen Figuren auf, so als bräuchte die Ökologiebewegung, sagen wir einmal die Leute, die in ihr die Konzepte entwickeln, ein Belehrung dazu, was Ökologie bedeutet, ja sie müssten sich eine Neubestimmung und Besinnung gefallen lassen, hätten über ihre Wurzeln nicht zusammenhängend nachgedacht.

Der Ansatz, sich über die ersten Formulierungen einer Ökologie, ohne das Wort selbst zu verwenden, Gedanken zu machen, nachzuforschen, wo denn so etwas wie eine Ökologie des Geistes oder eine umfassende reale Ökologie im Entstehen begriffen war, der ist natürlich lobenswert. Nur, das war der freundliche, eben nicht böswillig gemeinte Hinweis, sollte man dann nicht die falschen und irreführenden Bilder verwenden (s.o. und "Pustekuchen"). Das zeugt nämlich nicht von Durchblick, sondern von mangelnder Recherche.

Sie können davon ausgehen, dass auch ich meinen Goethe und Marx, durchaus gelesen habe und jetzt sogar von Ihnen lerne.
Drehen Sie den Spieß um, lernen Sie von mir, wie ich von Ihnen weiter gebracht werde. Am Stammtisch endet Alles im Nebel der durchzechten Nacht und am nächsten Tag eilt die Vergesslichkeitskurve auf kulturwissenschaftlich niedrigstes Niveau. - Das habe ich hier bei "Der Freitag", gerade in Ihrem Thread aber nicht erlebt.

Liebe Grüße
und hoffentlich weiter produktive Diskussion, sendet Ihnen

Christoph Leusch


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