Kultur

SPD-Wahlkampf | 21.09.2009 12:40 | Michael Ernst

"Recht haben macht keinen Spaß"

Auch in diesem Wahlkampf warb Günter Grass auf mehreren Veranstaltungen für die Sozialdemokratie, obwohl er aus der Partei ausgetreten ist. Was treibt ihn an?

Freitag:  Der Nobelpreisträger macht Wahlkampf – wie nah dürfen sich Kunst und Politik Ihrer Meinung nach denn überhaupt kommen?

Günter Grass: Es darf zwischen dem einen und dem anderen keine Abhängigkeit entstehen. Ich spreche ja, zwar Schriftsteller und Grafiker von Beruf, vor allem aus der Position als Bürger dieses Landes heraus. Da ist ein mittlerweile jahrzehntelanges kritisches, aber von Sympathie getragenes Verhältnis zur Sozialdemokratie, das meinen politischen Überzeugungen entspricht. Die müssen nicht zu hundert Prozent deckungsgleich sein. Ich bin auch mit mir selbst nicht immer hundert Prozent einverstanden, wie sollte ich es denn mit einer Partei sein?

Dieser Wahlkampf erinnert mich ein bisschen an die 1969er Situation, als Willy Brandt und Karl Schiller aus einer Großen Koalition heraus Wahlkampf machen mussten – einerseits die fortlaufende Regierungsarbeit leisten und gleichzeitig die Unterschiede deutlich machen. Das ist nicht einfach. Aber weil ich diese Unterschiede sehe, trete ich dafür ein, dass es nicht zu einer schwarz-gelben Regierung kommt. Das hielte ich für verhängnisvoll. Es ist nicht einzusehen, dass ausgerechnet die Leute, die uns mit ihrem Neoliberalismus die Finanz- und Wirtschaftskrise und damit bedrohliche Situationen für viele Arbeitnehmer geschaffen haben, jetzt die Regierung übernehmen. Das hieße den Bock zum Gärtner zu machen. Und dagegen wende ich mich.

Ihr Engagement für die SPD, obwohl Sie kein Mitglied der Partei sind?

Da bin ich ausgetreten, als diese Partei zu meinem großen Entsetzen der CDU beim Asyl-Paragrafen zugestimmt hat, der seitdem aus der Verfassung herausgebrochen ist. Das war aus meiner Sicht ein Kronjuwel. Und da ich Verfassungspatriot bin, reagiere ich auf sowas sehr empfindlich.

Wenn Sie jetzt Wahlkampf machen, ist die Enttäuschung nicht groß genug?

Man kann Sozialdemokrat sein, ohne der Partei anzugehören. Ich habe aus meinem Geschichtsverständnis eine große Bindung an diese Partei. Mit ihren Fehlern und Macken ist sie unterm Strich immer der Garant für demokratische und soziale Verhältnisse gewesen. Das bindet mich. Und deswegen habe ich mich seit 1961 in fast allen Wahlen engagiert. Übrigens nicht nur für Brandt, sondern auch für Helmut Schmidt und Gerhard Schröder Wahlkampf gemacht.

Wenn sozialdemokratische Prinzipien aufgeweicht werden, heißt es oft „Wer hat uns verraten? – Sozialdemokraten!“

Das ist eine Schweinerei ohnegleichen. Das kommt immer von Leuten, die aus sehr gutem Haus stammen und das den Arbeitervertretern dann ins Gesicht schreien. Das hab ich seit '68 immer wieder erlebt. Das ist nicht hinzunehmen!

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Es gibt in jeder Partei wunde Situationen, für mich ist natürlich eine Figur wie Gustav Noske eine schmerzliche Sache innerhalb der Geschichte der Sozialdemokratie. Aber es gab auch einen Otto Wels, der als letzter Demokrat gegen das Ermächtigungsgesetz gestimmt hat und da muss ich mich daran erinnern, dass der erste Präsident der Bundesrepublik, Theodor Heuß, damals für das Ermächtigungsgesetz gestimmt hat! Das ist die Tragik der Weimarer Republik gewesen, daraus habe ich meine Lehre gezogen.

In der aktuellen Politik sind unter Beteiligung der Sozialdemokratie die ersten Kriegseinsätze erfolgt, gab es enorme Abstriche in der Sozialgesetzgebung ...

Ich muss gleich sagen, ich bin kein Pazifist, Die Bundesrepublik ist seit 1990 souverän. Gerhard Schröder hat von dieser Souveränität erstmals Gebrauch gemacht und sich dem Irak-Krieg verweigert, weil es dafür kein UNO-Mandat gab.

Afghanistan ist etwas anderes. Da gibt es ein klares Mandat. Der Ansatz ist richtig gewesen, wir müssen uns aber fragen, was da falsch gelaufen ist. Es ist sicher die Schwäche Europas gewesen, das militärische Kommando ohne richtiges Mitspracherecht den Amerikanern überlassen. Die haben bis vor kurzem noch ihre Raketenschläge mit sehr vielen zivilen Toten gemacht, was seit Obama nun endlich anders läuft. Man kann jetzt nur versuchen, alles zu tun, dieses Land baldmöglichst in eine Lage zu versetzen, dass es sich selbst gegen die Taliban wehren kann.

Es gibt sicherlich keinen Menschen, der nicht darunter leidet, dass deutsche Soldaten dort in Kriegskämpfe verwickelt sind und ihren eigentlichen Aufgaben für den Aufbau des Landes nicht nachkommen können.

Was halten Sie von der Eierei, das Ganze nicht als Kriegseinsatz zu bezeichnen?

Minister Jung machte da eine ganz unglückliche Figur. Das war eine geradezu Orwellsche Sprache, in der das Verteidigungsministerium etwa Ministerium für Frieden heißt. Was in Afghanistan geschieht, das ist natürlich Krieg.

Ich habe gesagt, ich bin kein Pazifist. Gewiss bin ich in erster Linie für Friedenspolitik, also auch dafür, solange es möglich ist, zu verhandeln. Es gibt aber Situationen, wie beispielsweise in Simbabwe, wo das Unrecht so deutlich Menschenrechtsprinzipien missachtet und die Opposition tagtäglich verfolgt wird, da wäre ich für einen Einsatz unter UN-Mandat. Nur – in Simbabwe gibt es kein Öl und keine sonstigen Interessen. Das ist ein merkwürdiges Auswahlprinzip, absolut durchschaubar.

Den ersten Kampfeinsatz der Bundeswehr gab es unter Rot-Grün im ehemaligen Jugoslawien.

Da war ich auch dafür, weil das serbische Unrecht so offenkundig war. Was aber dann geschah, auch wieder unter amerikanischer Oberaufsicht, etwa das Bombardement dieser Brücke und all die getöteten Zivilisten, das ist einfach abzulehnen. Da fehlt mir von europäischer Seite nach wie vor der kritische Einspruch. So kann die Zusammenarbeit mit den USA nicht aussehen. Ich kann nur hoffen, dass sich unter Obama solche Dinge nicht wiederholen.

Aber das ist etwas, wo ich im Nachhinein an mir selber zweifle, ob es richtig war, das militärische Eingreifen im Kosovo zu bejahen. Dass sich die Amerikaner nach bekanntem Muster verhalten, hätte auch ich voraussehen müssen.

Allgemein gefragt, was würden Sie dem nächsten Bundeskanzler bzw. der Bundeskanzlerin mit auf den Weg geben?

Lehren aus Finanz- und Wirtschaftskrise zu ziehen! Das Wort Soziale Marktwirtschaft nicht nur als Lippenbekenntnis in Sonntagsreden zu verkünden, sondern strikt darauf achten, dass Eigentum sozial verpflichtet ist, wie es im Grundgesetz verankert ist.

Und was den Wählerinnen und Wählern?

Zu überlegen! Sich Gedanken zu machen, wer uns diese Krise eingebrockt hat! Welche Ideologie war das? Neoliberalismus, Marktwirtschaft ohne Rücksichtnahme; das sollte man sich bei der Wahlentscheidung überlegen.

Kritiker werfen Ihnen gerne vor, Rechthaber und Hellseher zu sein.

Das ist eine Gratisbehauptung. Ich will mich nicht mit Kassandra vergleichen, aber es wäre vielleicht ganz gut gewesen, wenn die Politiker manchmal auf die jeweiligen Kassadra-Rufer hören würden.

Manchmal lohnt es sich, bei diesen rechthaberischen Schriftstellern einmal nachzuschlagen, ich denke etwa an Halldor Laxness oder Alfred Döblin. Es macht mir doch kein Vergnügen, dass ich in manchen Prognosen wie zum Beispiel angesichts der Folgen dieser überstürzten Einheit vor einer deutschen Einigung mit dem Bruch des Grundgesetzes recht behalten habe. An den Folgen kranken wir bis heute.

Das Etikett „Gewissen der Nation“ haftet Ihnen ebenfalls an …
Ach, damit hat man schon Heinrich Böll gelangweilt. Man kann das gar nicht einer einzelnen Person übertragen. Ich kann nur wiederholen, ich bin Schriftsteller und engagiere mich, weil ich meine Lehren aus der Geschichte gezogen habe. Das kann ich nur allen Menschen, egal welchen Berufes, dringend empfehlen. Dieser Ruf „Wir sind das Volk“ war eine Kurzfassung demokratischen Begehrens und der Hinweis darauf, wer – auch laut Verfassung – der eigentliche Souverän im Lande ist, nämlich das Volk.

 
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Kommentare
mh schrieb am 21.09.2009 um 13:22
die bösen neoliberalen hedgefonds wurden unter schröder, also spd, ins land gelassen. grass agiert doch nur noch aus der gewohnheit heraus.

nicht zuletzt, weil die vergangenheit aus der man gelernt haben sollte, nicht nur vor jahrzehnten stattfand.

mfg
mh
Pjotr 'Petka' Pustota schrieb am 22.09.2009 um 21:17
Günter Grass wie er leibt und lebt. Sicherlich kann man ihm den Vorwurf machen, nicht aus aller Geschichte ein Fazit gezogen zu haben, daraus gelernt zu haben; andererseits kann in einem Interview ja nur ein Teil der Reflexionen abgebildet werden.
Früher habe ich immer weg geschaltet, wenn Herr Grass im Fernsehen zu sehen oder im Radio zu hören war. Aber beim Nachlesen musste ich des Öfteren feststellen, dass er mit seinen Aussagen gar nicht so falsch lag. Vielleicht lag es daran, dass er immer so präsent ist und einem gerade deswegen auf den Zeiger geht.
Er ist nicht ein Gewissen der Nation - was auch immer das sein mag -; er sagt einfach das Richtige zur rechten Zeit.
Rainer Kühn schrieb am 22.09.2009 um 21:34
"Günter Grass wie er leibt und lebt. Sicherlich kann man ihm den Vorwurf machen," mit der Grammatik und dem sinnigen Sinn im Krieg zu stehen; aber bei den Guten ist er trotzdem, irgendwie, am literarischen Rande.


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