Die eigene Verblödung wird uns indes langsam unheimlich. Es geschieht so vieles in der Demokratie, was uns Unbehagen, Angst bereitet. Und an allen Orten gibt es auch defensive Impulse, Widerstand, Einspruch. Aber vor der letzten Konsequenz, dies alles zusammen zu denken und es zu beschreiben nicht als Schwächen in einem System, sondern als schleichenden Systemwechsel, das Wechseln zu einem System, in dem die Banken systemrelevant sind und nicht die Bürger, dazu fehlt uns der Mut. Das würde vielleicht auf den vernichtenden Satz hinauslaufen: Das Projekt einer demokratischen Gesellschaft ist kurz davor zu scheitern.
Nirgendwo als in Zeiten „wichtiger“ Wahlen wird uns so sehr bewusst, wie mittendrin wir in diesem Scheitern sind. Verblüffend ist nicht, wovon in diesem Wahlkampf die Rede ist, verblüffend ist, worüber Parteien, Staat und Gesellschaft übereingekommen sind, nicht zu reden. Wir scheinen uns damit abgefunden zu haben, dass wir „Demokratie spielen“ müssen, damit niemand die Erosion des Systems bemerkt, wir selber am wenigsten.
Wir müssen uns unser System demokratischer einbilden, als es in Wahrheit ist, weil wir die zwei wichtigsten Subjekte in der Welt damit blenden und bannen müssen. Auf der einen Seite: Den Feind der Demokratie. Wer das ist? Na, der Kommunist, der Faschist, der Islamist, der Terrorist, der Fatalist, die Spacken des Bösen. Und auf der anderen Seite: uns selber. Denn wenn es nichts geworden wäre mit der Demokratie, wer hätte dann Schuld daran, außer den Spacken des Bösen? Eben. Und deshalb ist ein bisschen Demokratie immer noch besser als gar keine Demokratie. Also wäre eine Wahl, die nichts ändert, obwohl man es „eigentlich“ will, immer noch besser als gar keine Wahl, oder?
Demokratie und Freiheit sind nicht dasselbe. Freiheit meint die Möglichkeit und die Fähigkeit des Individuums, sich zu bewegen, sich zu entfalten und zu kommunizieren und von willkürlichen Eingriffen des Staates wie anderer Institutionen in seiner Lebensgestaltung sicher zu sein. Demokratie meint die Möglichkeit und die Fähigkeit des Individuums, in Entscheidungen und Kontrollen von Staat und Gesellschaft einzugreifen, alle Vorgänge der legislativen, exekutiven und judikativen Institutionen informiert zu ein. Demokratie und Freiheit sind nicht dasselbe, sie bedingen einander, geraten manchmal aber auch in Widerspruch.
So entstehen die Paradoxien auf dem Weg zur Postdemokratie: Eine Demokratie, die, um sich selbst zu erhalten, Freiheiten ihrer Bürger abbauen will. Eine Gesellschaft, deren Mitglieder sich die Freiheit nehmen, auf Demokratie zu pfeifen. (Übrigens: Waren nicht Wahlen einmal die Praxis dafür, Wesen und Grad der wechselseitigen Abhängigkeiten mitzubestimmen? Wer keine Abhängigkeit mehr kennt, interessiert sich nicht mehr für Wahlen, aber genau so verliert jener, dessen Leben aus einer feudalistisch-mafiösen Überdetermination der Abhängigkeit besteht, seinen Glauben: Es bleibt ihm nichts übrig, als gleichsam als Wähler neben sich selbst zu stehen und belustigt den Umfragen, den Mediencoaches, den Experten zu lauschen. Der Medienpopulismus macht den Wahlkampf zu einem Spektakel, bei dem eines nicht mehr vorkommt: der freie Wille.
Die Postdemokratie ist das ideale Gesellschaftssystem für den globalen Finanzkapitalismus. Auf dem Weg dahin sind viele Menschen bereit, dem Selbstabbau und den Verwandlungen der Demokratie zuzusehen, da sie einerseits ihre persönliche Freiheit nicht bedroht sehen, andrerseits aber von dem (post-)demokratischen Staat nichts mehr erwarten, was ihre Interessen anbelangt. Der Staat rettet Banken. Das heißt umgekehrt: Dieser Staat lässt Menschen im Stich – denn die Interessen der Bank können nicht die Interessen von uns „normalen“ Menschen sein.
Der weite Weg zum Neustart
Das Modell für die äußere Entwicklung der Postdemokratie ist ebenso bekannt wie die sie begleitenden apokalyptischen Szenarien: Die demokratischen Gesellschaften fühlen sich bedroht von Migrationsströmen, von internationalem Terror und von „Schurkenstaaten“, und um sich gegen deren Angriffe zu wappnen, bleibt nichts anderes übrig, als einen Teil der demokratischen Rechte zu relativieren oder gleich abzuschaffen. Polizei, Geheimdienste und Verwaltungen arbeiten so, als gäbe es nur die Bedrohung, nicht aber das Gut, das bedroht werden könne.
Zur gleichen Zeit gibt es eine innere Entwicklung der Postdemokratie. Die Symptome dafür sind in einer Erosion der Sprache zu sehen. Das politische Nullsprech und die Verwischung der Sachverhalte durch Euphemismen und Werbe-Talk sind ja nicht nur kleine Täuschungsmanöver. Es geht darum, dass die Grundlage einer demokratischen Gesellschaft Einigung und Klarheit über Begriffe ist. Für uns aber haben selbst die fundamentalen Begriffe – sagen wir: „Krieg“ – ihren diskursiven Charakter verloren. An ihre Stelle treten Bilder, die – und hier schließt sich erneut ein Kreis – nur in einem Regelkreis der Abhängigkeiten kursieren. Die Bilder werden im Verhältnis zur Sprache in gleichem Maße, aber in anderen Dimensionen korrupt. So entscheiden wir uns nun bei der Wahl nicht mehr zwischen Begriffen und Ideen, sondern zwischen Bildern und Erzählungen. Aber Postdemokratie hin oder her – muss nicht dennoch gewählt werden?
Die drei „alten“ Parteien, CDU, SPD und FDP haben sich wohl mehr oder weniger bedingungslos den postdemokratischen Strömungen überlassen. Keine von ihnen ist willens oder in der Lage, auch nur das Tempo der Postdemokratisierung zu drosseln. Die beiden vergleichsweise neuen Parteien, die Grünen und die Linken richten ihr Hauptaugenmerk eher auf die Diskurse der Fürsorge (Umwelt beziehungsweise soziale Gerechtigkeit), Freiheit und Demokratie als umfassendes Gesellschaftsmodell spielen in diesem Zusammenhang auch bei ihnen eher eine zweitrangige Rolle. Man ist bereit, das eigene Diskursfeld zu „demokratisieren“ Ökologische Basisdemokratie, Gender-Emanzipation, Stärkung der Verbraucher-Rechte, Mitbestimmung am Arbeitsplatz und vieles mehr. Aber man ist nicht in der Lage, das System als ganzes zu überprüfen. Von einem Neustart für das Projekt Demokratie ist man weit entfernt.
Vielleicht müssten wir ihn aber auch erst einmal verlangen.
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Das liest sich ja sehr beeindruckend, ist aber nicht so wahnsinnig neu. Hat nicht schon Orwell irgendwo geschrieben, dass die Politik vor allem eine Sache der Mittelklasse sei?
Trotzdem verstehe ich einiges nicht. 1. Dass wir untereinander (also nicht den Konzernen gegenüber) feudalistisch oder mafiös abhängig sind, leuchtet mir nicht sofort ein. Ich hätte da gern nähere Erläuterungen, z.B. Beispiele. 2. In welchem Zeitraum soll die Demokratie in einem besseren Zustand als heute gewesen sein? Zu DDR-Zeiten? Davor? Oder danach, als Schröder nichts ändern, sondern nur selbst "Sultan anstelle des Sultans" sein wollte? 3. Von welchem geographischen Raum ist hier die Rede? Beobachten wir nicht gerade ein fulminantes Auftreten der Demokratie in verschiedensten Ländern wie Bolivien, Südafrika oder Japan? Wird nicht sogar in den konzern- und fernsehgeplagten USA in einer erbitterten Weise um wichtige Inhalte gestritten, die sogar vor Rufmord nicht zurückschreckt? Ein Text, der so vage ist, erlaubt uns Lesern nicht das kritische Mitdenken. Man kann nur über die Wortgewalt staunen und am Ende "früher war alles besser" nicken. |
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ich find den text klasse. die verbale macht kann man ausblenden und es bleibt recht viel spielraum für eigenes denken .. va nachdem vorweg gesagt wurde, dass eine "pessimistische bemerkung" sein soll.
mfg mh |
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Sehr geehrter Herr Seeßlen,
am Schluß schreiben Sie: Von einem Neustart für das Projekt Demokratie ist man weit entfernt. Vielleicht müssen wir ihn aber auch erst einmal verlangen. Exakt das verlange ich. Dazu aber benötigt man als Demokrat neue Gesetzesvorlagen. Zum Beispiel zum Grundübel Habgier. Habgier – das Turbotreibmittel unserer Gesellschaft, verbrämt genannt: kapitalistisch, ist nicht sehr demokratisch. In der Realität, in seinen Auswirkungen, der Existenzvernichtung, auf den einzelnen Menschen, auf die Firma, auf die Gesellschaft, dem Staat, die Demokratie, nichts anderes als blanker, nackter Wirtschaftsterror, eben „Kalter Kannibalismus!“ Der historische Kannibalismus ist (scheint) überwunden. Wird in der Strafjustiz sogar als kriminell verfolgt und verurteilt. Das Treiben der Boni-Bankster-Kapitalisten, denen die Vernichtung von Existenzen schnurzpiepegal ist, wenn nur ihr persönlicher Gewinn, ihr finanzieller Vorteil gewährleistet ist, haben nicht die Spur von Einsicht in das Kriminelle ihres Tuns, wie die praktische Erfahrung zeigt. Genau so wenig wie die historischen Völkermörder. Völkermord aber ist international geächtet. Boni-Bankster kleiden sich genau so zivil wie die Taliban, nur ihr Zwirn ist eleganter. Arbeitslose sind Wirtschaftsleichen. Durch Heuschrecken ausgeplünderte Firmen sind Wirtschaftsleichen. Abgezockte Kleinkapital-Anleger sind Wirtschaftsleichen. Demokratische Staaten werden in ihren Fundamenten durch diese ‚Kalten Kannibalisten’ in ihrer Substanz gefährdet. Unsere Demokratien sind gefährdet, weil der wirtschaftliche Schaden morgen nicht mehr zu beheben (zu bezahlen) ist. Und den das ewig zahlende Volk, die Demokraten, morgen nicht mehr bezahlen will. Bevor also Charles Lynch sein Haupt erhebt, sollten wir uns ganz schnell auf einen Strafrechtsparagraphen des ‚Kalten Kannibalismus’, analog dem Völkermord, da diese Dimension schon erreicht ist, einigen. Günter Neumann Ökosoph |
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