Kultur

Bildungsnot | 20.11.2009 16:30 | Max Wolf, Martin Wetzel u.a.

Angst und Gereiztheit

An der TU Chemnitz haben Studierende der Geisteswissenschaften versucht, auf ihre miserable Situation aufmerksam zu machen. Wir dokumentieren ihr Anliegen

Die Technische Universität Chemnitz ist eine ganz normale deutsche Universität. Sie hat ca. 10.000 Studierende, die sich zum großen Teil aus dem Umland rekrutieren. Sie war einmal eine Kaderschmiede für Ingenieure, aber nach der Wende brachen die Studierendenzahlen so massiv ein, dass die Schließung unvermeidlich schien. Zur Rettung wurden 1993/1994 die Fakultät für Wirtschaftswissenschaften und die Philosophische Fakultät gegründet. Diverse Fachhochschulen und Pädagogische Hochschulen aus der Region wurden Zug um Zug arrondiert und in Chemnitz zusammengezogen.

Seit Mitte der neunziger Jahre wird deutlich, dass die Philosophische Fakultät dieser Universität nie etwas anderes gewesen ist als ein Steigbügelhalter der technischen Fächer. 1997 fiel nach zähen Kämpfen die Lehramtsausbildung weg. Damit öffnete man den Streichungen von Stellen und Mitteln Tür und Tor.

Und dann kam Bologna: aus den traditionellen Studiengängen wurden Monstren aus bürokratischer Hochrüstung, flottem Design und intellektueller Verwahrlosung. Außerdem trat 2009 das neue Sächsische Hochschulgesetz in Kraft, das die Hochschule in eine Präsidialinstitution verwandelt, die ihrerseits von Politik und Wirtschaft gelenkt wird. Der Hochschul-Heterokratie steht nun nichts mehr im Wege.

Kürzlich hat an der TU ein Teil der Philosophische Fakultät auf den Legitimationdruck, der auf ihr lastet, reagiert und sich abgespalten. Der Kopf des Regenwurms heißt nun „Fakultät für Human- und Sozialwissenschaften“, der abgeworfene Schwanz, in dem die unprofitablen Fälle untergebracht werden, muss den leidigen Namen „Philosophische Fakultät“ weiter tragen.

95 Thesen für die Universität

Spaltungen setzen sich in den Spaltprodukten fort. Das führt dazu, dass sich ein Teil der Geisteswissenschaften immer stärker am naturwissenschaftlichen Erkenntnisprinzip ausrichtet. Kern dieses Prinzips ist das Experiment, durch das eine These verifiziert oder falsifiziert wird. Vollkommen anders liegen die Dinge bei den Geisteswissenschaften. Hier gibt es Gedankenexperimente und Ideen, Thesen und Interpretationen. Dabei geht es nicht um einen absoluten Geltungs- bzw. Wahrheitsanspruch, sondern darum, die menschliche Natur und Kultur zu pflegen. Sinn der Kommunikation ist ihre Weiterführung: Der Weg ist das Ziel.

Produktion von Kommunikation - genau das hätte auch das Motto der „Reforma(k)tion“ sein können. Die „Reforma(k)tion“ war der Versuch einer Gruppe von Studierenden im Jahr 2009 eine Diskussion über die Situation an der TU Chemnitz in Gang zu bringen. Sie fragten schlicht die universitären Akteure, was denn so schief läuft.

ANZEIGE

95 Thesen für Deine Universität hieß die zweiwöchige, direkt auf dem Campus gestartete Aktion. Der organisatorische Ablauf war denkbar simpel: Rote Kärtchen wurden verteilt, die an vielen auffälligen Standorten der Chemnitzer TU in ebenfalls rote Kästen mit der Aufschrift "Trash Under Control? Tell Under Cover!" eingeworfen werden konnten. Es gab keine standardisierten Fragen. JedeR konnte sich ohne Vorgaben äußern.

Mittel und Ziel der Aktion war es, das Prinzip der Evaluation gemäß ihrer ursprünglichen Absicht zu nutzen: über Missstände aufzuklären, die Finger in die Wunden zu legen, Öffentlichkeit herzustellen, kurz: Aufklärung zu betreiben. Es war die Hoffnung, eine kritische Masse zu erzeugen, um damit die fällige Reformation anzustoßen.

Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Die gesammelten Thesen wurden, wie es sich gehört, von 300 Demonstranten vor dem Rektorat angeschlagen. Es folgten vereinzelt inoffizielle Zustimmungs- und Interessebekundungen. Von offizieller Seite: keine Reaktion, keine Stellungnahmen, Terminverschleppungen – das Problem wurde ausgesessen.

Dabei hätte es eine Menge zu besprechen gegeben, wie ein Blick auf die Thesen zeigt. Ganz oben rangiert die Einführung und Umsetzung der Bachelor- und Masterstudiengänge, die sich vor allem in einer miserablen Situation der Lehre niedergeschlagen haben:

- Die Stundenpläne sind so überfüllt, dass Freiwilligkeit und Motivation weitgehend auf der Strecke bleiben.

- Gleichzeitig erscheint das Lehrangebot lückenhaft und es herrscht eine allgemeine Unsicherheit darüber, was für ein Fach zu wissen wichtig und notwendig ist.

- Der zeitliche Druck ist omnipräsent und verhindert, sich auch nur auf eine einzige Sache so einzulassen, wie sie es verdiente und wie das Interesse, um zu erwachen, es nötig hätte.

- Die Seminare sind häufig von Konkurrenzdruck bestimmt. Es gibt keine Diskussionskultur, stattdessen herrscht ein autoritärer Unterrichtsstil, der so hingenommen wird. Ohne jede juristische Grundlage herrscht Anwesenheitspflicht. Viele Studierende fühlen sich an ihre Schulzeit erinnert.

- Viele Seminare sind überfüllt. Deshalb müssen einige Dozenten das gleiche Seminar zwei- dreimal die Woche geben.
Andere Dozenten wirken oft desinteressiert und schlecht vorbereitet; sie kaschieren das nicht selten durch unnötig autoritäres Auftreten.

- Die extrem kurzen Arbeitsverträge im Mittelbau vereiteln die Kontinuität der Lehre. Darüber hinaus setzen sie die Lehrenden unter Druck, sich durch Forschungspublikationen zu profilieren – zuungunsten ihres Engagements in der Lehre. Berufungen werden vor allem an der Philosophischen Fakultät systematisch hinausgezögert; manche Arbeitsverträge enden mitten im Semester. Die Krönung sind Zwei-Monats-Verträge für Familienmütter und -väter.

- Die bürokratischen Auflagen des Studiums sind kompliziert und verschlingen unnötig viel Zeit. Sorgfältig studiert werden nur noch Studien- und Prüfungsordnungen, die exakt vorgeben, wer wann was wo, warum und vor allem: wie lange zu tun hat.

Insgesamt: Gehetztheit und Angst auf allen Seiten. Alle scheinen zu befürchten, dass Kritik persönliche Nachteile zur Folge hat. Vielleicht war deswegen die Reaktion auf die 600 verteilten Flyer eher zurückhaltend. Viele Studenten gaben an, dass sie die Reforma(k)tion zwar prinzipiell befürworten würden, mochten sich aber nicht beteiligen.

Was folgt daraus?

Die Wurzel des Problems scheint dabei im Verhältnis zur Zeit zu liegen, von dem die Lehr- und Studiensituation determiniert wird. Die immer engeren Strukturen, die zunehmende zeitliche Verkürzung, die ökonomisch effiziente Personalplanung etc. führen nicht dazu, selbstständige, zukunftstragende Persönlichkeiten in Forschung und Lehre hervorzubringen, sondern halbgebildete, desinteressierte Dutzendware.

Umgekehrt bedeutet das, dass eine systematische, institutionell verankerte Entschleunigung der Kern jeder Universitätsreform sein muss, die ihren Namen verdient. Ohne Verlangsamung kann es keine vernünftige Lehre geben. Ohne Zeit für eigene Arbeit, für das Gespräch und auch für das Nichtstun, das der Hof der Innovation ist – kurzum: ohne Freiheit kann die mésalliance aus Angst, Stress, Mißtrauen, Inkompetenz und fehlender Motivation, die in der Lehre allenthalben regiert und Lehrende und Studierende miteinander verbindet, nicht in das Bündnis zwischen ihnen überführt werden, das allein das Fundament einer Universität ist. Das wäre Wissenschaft als gelebte Kommunikation, von der alle Beteiligten profitieren würden.

Alles weitere, was zu fordern wäre, leitet sich mehr oder weniger aus dieser einen Rahmenbedingung ab: Abschaffung der Zeitverträge und der Altersgrenzen für die Lehrenden, weitgehende Entfristung des Studiums, Ernstnahme der studentischen Interessen und thematische Mitbestimmung der Studierenden in der Lehre, demokratische Mindeststandards in der universitären Selbstverwaltung, größere Kontinuität bei den Lehrveranstaltungen, Verkleinerung der Seminare, Erprobung anderer Unterrichtsformen, Einführung einer didaktischen Grundausbildung der Lehrenden usw. usf. Dies alles würde zu einer Universitätsreform gehören, die ihren Namen verdient, weil sie die Qualität von Lehre und Forschung nicht systematisch verschlechtert wie gegenwärtig, sondern nachhaltig verbessert.

Max Wolf, Martin Wetzel, Celia Rothe, Holm Krieger, Wolfram Ette
reformaktion@googlemail.com

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen
Kommentare
sianasta schrieb am 21.11.2009 um 03:54
Sehr schön, eine gute Herleitung der Probleme, die sich genau so an vielen anderen Unis ebenso darstellt.
Ich frage mich bloß - bei der hervorragenden Arbeit die hier gemacht wurde, wo bleibt da die Konsequenz? Wollt Ihr auf der Fahrt zur Demo am 24.11. in Leipzig nicht vielleicht auch mal über eine Streik-VV nachdenken? Die Gelegenheit ist günstig, jetzt oder nie!
Fro schrieb am 23.11.2009 um 16:43
Ich finde die Aktion, Misstände abzufragen - differenziert und authentisch nieder zu schreiben - und den Verantwortlichen zur Kenntnis zu bringen – sehr gut.
Vollkommen verständlich aber, dass solch ein trauriges Schriftstück, die Betroffenen nicht begeistern kann – das sind so viele schreckliche Missstände, und so viele unfähige und ignorante Politiker und Beamte, die das zu verantworten haben, wie kann da jemand glauben, dass sich da etwas verändern ließe.

Diese Aktion war aber m.E. kein Misserfolg – sie ist einfach noch nicht zu ende. Das ist doch eine sehr differenzierte Bestandsaufnahme der reformbedürftigen Zustände an eurer Uni.
Ich würde diese Thesen zusammen mit einem Zettel an die Studenten zurückgeben (bzw alles übers Internet veröffentlichen)- auf dem könnte ungefähr Folgendes geschrieben sein:

„Unsere Politiker und Beamten können es nicht -
wir machen es jetzt selbst...
Eine grundlegende Reform der Uni-Chemnitz
Wahrscheinlich hat jeder irgend einen praktischen oder den Lerninhalt betreffenden Verbesserungsvorschlag für unseren Hochschulbetrieb - in kleinen oder auch grundlegenden Angelegenheiten. Die wollen wir sammeln und der Studentenschaft online zur Prüfung und Ergänzung präsentiert. Dann können sich Interessierte daran machen, daraus ein rundes Reformkonzept – in einem öffentlichen Verfahren zu erarbeiten und zu formulieren.... „

Da sollte man sich allerdings die nötige Zeit geben, um zu guten Ergebnissen zu kommen.

Das deutsche Bildungssystem braucht ein gründliches Update –und warum nicht auch Vorschläge für eine Reform – oder Neuerfindung – eines zeitgemäßen Bildungssystems für ganz Deutschland sammeln?
Für ein ganzheitliches Reformkonzept eines gut ausgestatteten, effektiven, stressvermeidenden und demokratischen Bildungssystems für alle.
Im Ausland kann man sicher auch einige nützliche Anregungen finden.

Beste Grüße Fred
dynamo schrieb am 24.11.2009 um 18:21
Haben die Studierenden der Geisteswissenschaften nichts Besseres zu tun, als sich als Opfer darzustellen und die anderen Fachrichtungen als Täter? Die durch den Bologna-Prozess und dessen Umsetzung verursachten Probleme sind gravierend - das betrifft die ganze Universität und nicht nur die Geisteswissenschaften. Aber anstatt gemeinsam mit allen anderen Studierenden gegen die Probleme vorzugehen, wird die geradezu lächerliche Behauptung aufgestellt, die Geisteswissenschaften müssten allein die Probleme ausbaden. So macht man sich die anderen Studenten (deren Probleme auch nicht geringer sind) zum Feind - es ist daher nicht verwunderlich, dass diese gesamte Aktion nichts gebracht hat.
Man sollte endlich mal zur Kenntnis nehmen, dass alle im selben Boot sitzen und nur gemeinsam rudernd voran kommen.


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
David Foster Wallace Das hier ist Wasser Kiepenheuer & Witsch 2012

64 Seiten. Kartoniert.

4,99
 
David Foster Wallace wurde 2005 darum gebeten, vor Absolventen des Kenyon College eine Abschlussrede zu halten. Diese berühmt gewordene Rede gilt in den USA mittlerweile als Klassiker und Pflichtlektüre für alle Abschlussklassen – eine kleine Anleitung für das Leben, die man jedem mit auf den Weg geben möchte >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Die grüne Guerilla

Ausgabe 22/2012
31.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Tubuk

portlet_Tubuk.png

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Das Schema
Michael Rutschky, Kathrin Passig u. a.

nachtkritik.de
Unentbehrlich für Theaterliebhaber

Umblätterer.de
Feuilletonbeobachtung. Intelligent und ironisch

Matthias Matusseks Video-Blog
Das deutsche Videoblog von Weltformat.

herthabsc.blogspot.com
Marxelinhos Blog über Hertha und Arsenal

flasher.com
Künstler über Künstler. Auf Englisch

The New Republic
Das US-Magazin

readme.cc
Die virtuelle Bibliothek

Kulturministerium.ch
Wahlrecht für die Schweiz

Parallelfilm
Notizbuch Christoph Hochhäusler

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG