Wochenthema

Medientagebuch | 25.11.2009 11:20 | Dietrich Leder

Das ZDF war noch nie staatsfern

Der Fall Brender oder ein ZDF-Chefredakteur soll auf Wunsch eines Ministerpräsidenten keine Vertragsverlängerung erhalten. Über die Spätfolgen einer Zangengeburt

Der 6. Dezember hätte besser gepasst als der 27. November. Der Tag des heiligen Nikolaus hätte der Abstimmung im Verwaltungsrat des ZDF über den Antrag des Intendanten, Markus Schächter, den Vertrag des Chefredakteurs Nikolaus Brender um weitere fünf Jahre zu verlängern, das richtige Umfeld geboten. Denn das konservative Lager im Gremium um ­Roland Koch sieht in Brender so etwas wie den Teufel in Fernsehgestalt. Die politische Gegenseite wiederum hat Brender zum Symbol der Rundfunkfreiheit erhoben. Dabei weiß auch Brender, wie man Strippen zieht und Allianzen schmiedet, sonst wäre er heute nicht da, wo er ist. Aber jetzt kann er zum Ausgangspunkt eines Rechtsstreits werden. In einem Offenen Brief haben 35 Staats- und Verfassungsrechtler an die konservative Mehrheit des ZDF-Verwaltungsrats appelliert, sich „nicht an der beabsichtigen staatlichen Einflussnahme auf die Wahl des Chefredakteurs“ zu ­beteiligen. Sie betonen, dass „zur ­Garantie der Staatsfreiheit“, wie sie das Grundgesetz für den Rundfunk vorsieht, „eine Begrenzung der Stimmanteile der staatlichen Vertreter in den Aufsichtsgremien als auch im Verwaltungsrat“ gehört. Tatsächlich sind ­weder der Fernseh- noch der Verwaltungsrat „staatsfern“ besetzt. Im ­Gegenteil: So delegiert die Bundesregierung, die in Sachen Rundfunk nichts zu sagen hat, weil sie Ländersache ist, Ver­treter in den Fernsehrat. Die Bundesländer bestimmen fast unisono über den Rest der Fernseh- und Verwaltungsräte; so sitzen im Verwaltungsrat vier amtierende und ein ehemaliger Ministerpräsident.

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Diese Konstruktion ist eine Folge der Geburtswehen des ZDF. Konrad Adenauer schwebte Ende der fünfziger Jahre ein privatwirtschaftliches, aber staatlich gelenktes Fernsehen vor, als Konkurrenz zum existierenden, vermeintlich zu linken Deutschen Fernsehen. Dagegen zogen von der SPD regierte Bundesländer mit Erfolg vor das Bundesverfassungsgericht (BVG). Um einerseits dem Gericht Genüge zu leisten, und andererseits Adenauer nicht endgültig zu desavouieren, kam es zur Gründung des Zweiten Deutschen Fernsehens – einer Veranstaltung aller Bundesländer unter Beteiligung des Bundes. Der politische Formelkompromiss wurde so bis heute geltende Struktur in den Aufsichtsgremien. Gegen diese Bestimmung im Rundfunkstaatsvertrag könnten nun ein Bundesland oder ein Drittel der Abgeordneten des Deutschen Bundes Normenkontrollklage beim BVG erheben. Mit Aussicht auf ­Erfolg, das deuten die Staatsrechtslehrer in ihrem Brief an. Doch die Bundesländer haben den Staatsvertrag selbst ­abgeschlossen. Gegen sich selbst zu ­klagen: Das klingt absurd. Und viele ­Politiker, die sich Kochs Intervention ­verwehren, haben an sich nichts gegen die Präsenz der politischen Macht in den Gremien des Senders. Also ist auch hier keine Klage zu erwarten, so wie der ZDF-Intendant auf eine aussichtsreiche Klage verzichtet, weil sie ihm seine ­letzte Amtszeit verhagelte. Vermutlich bleibt deshalb alles, wie es ist. Nur hat das ZDF bald einen Chefredakteur, der sich der Gnade Kochs ­sicher ist, und ­Nikolaus Brender wird ­heilig gesprochen.

 

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Ludwig Hasselberg schrieb am 27.11.2009 um 13:15
Was mich brennend interessieren würde: welche konkreten Schritte Brenders für Koch nun ein Dorn im Auge waren? Das liest man irgendwie gar nicht. Ich kann mir den konservativen Geist nicht vorstellen, dem das aktuelle ZDF zu unzuverlässig und links wäre.
SteinMain schrieb am 27.11.2009 um 14:21
Och gottchen, der Arme, hat sich ein bisschen zu weit rausgelehnt, vieleicht sogar nen Ministerpräsident der Lüge bezichtigt (Kochs Nachtflugverbot), jetzt mittellos auf der Strasse ? Na da wird doch aber ein ordentliches Pensiönchen fällig sein ! Von dem ein normaler Mensch mit 50 Jahren Beitrag aber nur träumen kann.
Und wer ZDF einschaltet, und denkt er kriegt neutrale Information und nicht den CDU-Sender, sollte mehrfach mit dem Klammersack verpudert werden.
Maike Hank schrieb am 27.11.2009 um 15:03
In der Politikarena wird gerade zu diesem Thema auch die Freitagsfrage debattiert:
"Hat die Politik zu viel Einfluss auf den öffentlichen Rundfunk?" --> www.freitag.de/arena/debatte?id=1038
Holmeor schrieb am 28.11.2009 um 23:57
Diese nunmehr schier endlose Debatte zeigt im Grunde nur einmal mehr einen akuten Strukturmangel (Konstruktionsfehler?) dessen auf, was sich von Tag zu Tag leichtfertiger Demokratie nennt: Eine Veranstaltung, die allein unter dem Aspekt der Brauchbarkeit durch Interessengruppen (Netze und Netzwerker) "ausgeübt", eigentlich "verübt" und entsprechend bewertet wird. Seit sich die Ostler vor zwanzig Jahren die Freiheit haben schenken lassen, werden sie immer wieder dafür angemacht, ja als behindert und unreif angesehen, dass sie nicht allesamt in ultimativ eingeforderter Dankbarkeit Helmut Kohl & Nachf. wählen, und die Völker Osteuropas wählen von Fall zu Fall auch mal "falsch": Wahlbetrug gibt es nur im Iran, im benachbarten Afghanistan oder Georgien schon nicht mehr.

An Nikolaus Brender, der einst den damals gerade gefallenen Schröder "publikumswirksam" und doch gratismutig ans Bein pinkelte, als übrigens die Stunde der Kochs schlug, war rein gar nichts links: ein durch und durch biederer Mann, eher das Fleisch gewordene ZDF, der Lerchenberg in Person - genauso wenig links wie die Altherrenriege um Deppendorf und Roth im WDR...) Journalisten, die sich gern unabhängig nennen und in Wahrheit sich noch lieber gleich als politische Klasse sehen. Peinlich eitle Männer mit extrem abgehobenen Privilegien, unbotmäßigen Gehältern, riesigen Dienstwagen, aber eben absolut bar jeder Legitimation seitens jener, die sie schon lange nicht mehr sehen wollen...

Wenn die Menschen in Hessen so frei waren (oder "so doof"), Roland Koch zu wählen, dann ist Koch im Verwaltungsrat nunmal ein verlängerter Arm dieses Wahlkreuzes, ob das einem passt oder nicht. Auch dieses System kann nicht erst oder nur dann als untauglich qualifiztiert werden, wenn es die "falschen Ergebnisse" ausspuckt. Oder haben alle schon vergessen, wie der Planungsbürokrat Schächter zum Intendanten "geschlagen" wurde, nur um Leute auszuhebeln, die von diesem Job etwas verstanden hätten? Die Alleinbestimmung über den "neuen Chefredakteur Brender" durch ihn wäre eine fatale Fortschreibung der Farce von vor acht Jahren. Wenn Schächter es ernst meint mit seinem Bemühen, die "Handlungs- und Zukunftsfähigkeit des ZDF sicherzustellen“, dann sollte er besser heute noch zurücktreten und so diese ganze Schande, auch die seiner Wahl zum Intendanten 2001, tilgen. Einen glaubwürdigen, frei zu wählenden neuen Chefredakteur findet er, obwohl dieser dem ZDF gut zu Gesicht stehen würde, sowieso nicht mehr. Diese Pauke ist schlicht durchgehauen...

Und das ZDF geht ohne den selbstherrlichen Nikolaus Brender nicht unter - es ist schon lange untergegangen: als Europas größte Verwaltung einer Pensionskasse mit eigenem Fernsehen.

Ich meine, Küppersbusch und/oder Droste sollten neue Chefredakteur/e werden; das wäre der einzige glaubwürdige Neuanfang fürs ZDF, und Roland Koch wird ihn/sie auch nur noch durchwinken können!

Im Ernst: warum eigentlich nicht?!
rusti schrieb am 29.11.2009 um 09:19
Ich fänd dies auch suboptimal. Am Besten Beide zu Anfang, denn es würde bei vielen Redakteuren zu akuten Atemstillständen kommen. Das iss wie mit der Blondine, der man die Kopfhörer abnimmt.
Gegebenenfalls sollte man eine journalistische Frühchen Station vorher installieren.
Aber mal Spaß bei Seite. Ich denke auch, daß dieser spießbürgerliche Muff vertrieben werden muß, um mal wieder Leben in die Datscha ZDF zu bringen. Dies geht nun mal nur mit Standpunkten die polarisieren, um überhaupt eine Diskussion zu Stande kommen zu lassen.
Bei diesem Friede – Freunde - Natoeinheitsbrei kann normalen Menschen eigentlich nur schlecht werden. Es sei denn, man hat diesen Schiet von klein auf mit der Muttermilch aufgenommen - siehste und da fällt mir spontan der kochende Koch ein und Realsatire. ;-)


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