Kultur

Medientagebuch | 08.12.2009 15:45 | Klaus Ungerer

Jack Bauer als Symptom

Anschauungsmaterial für Gesellschaftskritiker: Die amerikanischen Crime- und Actionserien zeigen den Menschen bei der Arbeit, und nur noch dort

Viele nicht ganz so genaue Hingucker glauben ja immer noch: Selbst in den besseren Crime- und Actionserien gehe es um Crime und Action. Es gehe um terroristische Bedrohungen, um Morde aus Eifersucht oder aus einem gesunden Wahnsinn heraus. Diese nicht ganz so genauen Hingucker verwechseln den Inhalt mit dem Inhalt, die süße Füllung mit der Botschaft. Sie sind Opfer von Jahrzehnten des ARD-Tatort-Guckens. Dort filetiert man ja am liebsten eine der Säue, die in den letzten Monaten durchs Mediendorf gescheucht worden sind. Ausländerhass, Pädophilie, Praxisgebühr, her damit, wir stricken draus einen Kriminalfall, lassen in der Mitte des Films einen Experten die nötigsten Daten raushauen und halten das dann für sozialkritische Volksaufklärung.

Da kann man nun drüber streiten. Man kann aber auch zu einer der besseren amerikanischen Crime- oder ­Actionserien schalten. Wie viel weiter sind doch die! In ihnen erhebt das Böse nicht nur ein Mal pro Woche einen seiner vieltausend Köpfe, welcher dann abgehackt und eingebuchtet wird. In den paar Serien, die man schauen mag, wohnen die Ermittler mitten im Herzen der größten aller heutigen Bestien, der Hochdruckgesellschaft mit ihren drei Geboten:

Du musst schneller sein.

Du musst deinen Kollegen ausbooten, ehe er dich ausbootet.

Es gibt keine anderen Götter neben mir, deinem Job.

Das ist ja der einzige Glaubenssatz, auf den die Medien sich noch verständigen mögen: Froh sei, wer immer feste arbeiten darf, er mache sich also lang.  Im Weltbedrohungsepos 24, gerade erst mal wieder abgelaufen, ist dieses Credo zur Karikatur geworden, Held Jack Bauer muss stets vier Killerprobleme gleichzeitig lösen, und seine Kollegen stehen umschichtig unter Verdacht, in all die irren Bedrohungen verstrickt zu sein. Jack ist jetzt schon da, wohin der Wachstumswahn uns bringen will. Verunsichert to the core, beheimatet allein im Arbeitsleben, bleibt ihm der nächste wichtige Termin als einziger Ankerplatz: In zehn Minuten trifft das Spezialkommando ein, in einer Stunde sollen die Geiseln erschossen werden, heute um drei muss die Präsentation fertig sein.

Einen Schritt weiter sind sie sogar schon bei Navy CIS, das uns bei Sat.1 den Sonntag Abend versüßt. Leichter und komödiantischer gehalten, singt diese Serie dasselbe Lied: Der ermittelnde Mensch ist existenzberechtigt nur am Arbeitsplatz, den er auch nur widerwillig verlässt, um an Tatorten seinen Jux mit den Kollegen zu treiben. Erwachsenes Privatleben gibt es keins.

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Entweder wohnt man in einer spätpubertären Gamerbude oder man schnitzt frührentnermäßig vereinsamt an einem Boot im Hobbykeller herum. Familienleben hat man nur, wenn man Israelin ist und der Herr Vater einen – streng dienstlich – zum Mossad einberuft. Kurz gesagt: Hier hat das Ameisenleben sich schon behaglich am Arbeitsplatz eingerichtet, der dauerhafte Erfolgsdruck ist längst internalisiert und wird von allen mit Begeisterung gelebt. Hündisch verehrt von allen Beteiligten, schwebt Papa Chef, der Ameisenkönig, immer aus höheren Ebenen hernieder, er sieht alles und hat alles gehört. Die Abteilung hat das Sozialleben ersetzt, geschwistergleich kabbeln sich alle. Und im Keller der Behörde schließt sich der große Kreis des Lebens. Gut gelaunt werden hier die Leichen seziert, gut gelaunt blickt man der Tatsache ins Gesicht: Niemand hier wird jemals erwachsen werden. Niemand hier wird sich jemals abnabeln von der großen Idee unserer Zeit: Dass ohne Unterlass effizient gearbeitet werden müsse.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
mh schrieb am 08.12.2009 um 16:00
gerade bei 24 ist das privatleben von jack immer wieder thema. es wird gezeigt, wie sein job es immer zerstört. 24 ist vieles, aber sicher keine huldigung dieses berufes...

während bei NCIS, wenn man es denn in diesem schema sehen möchte, viel mehr gezeigt wird was dazu gehört, wenn man zu den besten in seinem job zählen will. auch das, was es kostet ...

ich hoffe, das buch wird besser in der analyse als dieser artikel.^^

mfg
mh
Lethe schrieb am 08.12.2009 um 16:47
Navy CIS ging bislang erfolgreich an mir vorüber, der Analyse von "24" stimme ich teilweise zu

Das "teilweise" bezieht sich darauf, dass derartige Serie meiner Ansicht nach nicht einer einzigen einzelnen Absicht folgen. Die von Ihnen beschriebene Absicht der Darstellung der Arbeitswelt als einzig angemessenem Lebensraum könnte im Rahmen dieser Gemengelage sogar ein Nebenprodukt sein, man sollte nicht vergessen, dass "24" Foltermethoden zu einem Zeitpunkt partyfähig machte, als die amerikanischen Militärs und Geheimdienstler wegen Anwendung von Folter international massiv unter Kritik gerieten.

Noch ein Wort zu der "spätpubertären Gamerbude"^^ gibt es Ihrer Ansicht nach irgendwo ein inhaltlich gültiges Begründungssystem, welchem zu entnehmen ist, auf welche Weise Menschen sich die Zeit bis zu ihrem Tod zu vertreiben haben? Im Spiel ist ein Mensch nur sich selbst und bestenfalls seinen freigewählten Mitspielern verpflichtet. Schon im Rahmen einer Familie ist er fremdbestimmmt zu Absichten, die nur im idealen Fall seine eigenen sind^^ ist das nicht wichtigster Aspekt Ihrer Kritik an "24"? ^^
Rheinbogen schrieb am 09.12.2009 um 11:57
Ich verstehe jetzt nicht ganz, was von Fernsehserien erwartet wird. Ich schau mir gerne den "Tatort" an und bin auch einer Serie wie "24" nicht abgeneigt. Nehme ich das, was dort zu sehen ist, ernst? Natürlich nicht. Meinen Kindern sage ich beim Fernsehen immer: "Das ist nicht die Wirklichkeit. Das ist nur ein Film. Vieles davon ist gar nicht echt, sondern nur gemalt." Natürlich gibt es (viel zu viele) Leute, die das alles nicht mehr auseinander halten können. Aber die glauben dann auch (wegen der vielen Filme aus Hollywood), dass die Deutschen und Japaner böse, die Amerikaner gut sind und Letzter immer die Welt retten. Filme oder Serien zeigen letztlich das, wovon die Macher glauben, dass es möglichst viele Leute sehen wollen. Wenn Roland Emmerich einen Film dreht, weiß er genau, dass Europäer es akzeptieren, wenn die Handlung überwiegend in den USA spielt und die Helden überwiegend dort angesiedelt sind. Europäer akzeptieren auch typisch amerikanisches Pathos, sie sind es ja aus so gut wie jedem Hollywood-Streifen gewöhnt. Um aber auch Amerikaner ins Kino zu locken, muss Emmerich genau diese Schwerpunkte setzen, denn Amerikaner würden kaum akzeptieren, wenn ein französischer Präsident die einen pathetischen Aufruf an die Massen machen oder ein Bundeswehrsoldat Aliens besiegen würde, mal abgesehen davon, dass das Pentagon stets eine ganz offene Hand für verherrlichende Darstellungen des US-Militärs hat (wobei es ja auch wieder um Arbeitsplätze geht, vornehmlich im Ausland wie z.B. Afghanistan, für die man noch williges Personal sucht). Wir haben es mit einer Unterhaltungsindustrie zu tun, die moralisch kein bisschen besser handelt als jede andere Industrie auch. Es geht um Besucherzahlen, Einschaltquoten, also um Umsätze. Vielleicht haben die Autoren von "24" ihren eigenen typischen Arbeitstag im Auge gehabt!?

Wer übrigens einen etwas anderen Arbeitsplatz als in den genannten Serien sehen will, sollte "Stromberg" gucken. Diese Serie kommt, bei aller satirischen Überspitzung, dem wahren Leben doch sehr nah.
Daniel B. schrieb am 09.12.2009 um 20:33
Die Medienkritik trifft vielleicht nicht unbedingt, die Gesellschaftskritik leider durchaus. Zumindest in bestimmten Branchen - mir fiele hier z.B. der Medien- und Kommunikationsbereich ein - ist es ja schon praktisch Standard, dass dankbare Idioten sich angestrengt selber suggerieren, die schrankenlose (Selbst-) Ausbeutung sei ein erfülltes Dasein. Spätestens, wenn das 'Team' als eine Art Familie dargestellt und ständig von der Bedeutung des Arbeitsklimas gefaselt wird, sollte man äußerst misstrauisch werden...
gweberbv schrieb am 09.12.2009 um 23:53
@Daniel B.

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...ist es ja schon praktisch Standard, dass dankbare Idioten sich angestrengt selber suggerieren, die schrankenlose (Selbst-)Ausbeutung sei ein erfülltes Dasein.
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Wenn man liebt, was man tut - dann stimmt das ja auch.
Eckhard Supp schrieb am 14.01.2010 um 13:55
>>Diese nicht ganz so genauen Hingucker verwechseln den Inhalt mit dem Inhalt<<

Wie man den Inhalt mit dem Inhalt verwechseln kann, versteh ich echt nicht :-))


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