Kultur

Dreirat | 14.12.2009 11:55 | Erhard Schütz

Zwei Drittel sind mehr als ein Drittel

Erhard Schütz liest neue Sachbücher zum Erinnerungstagebau Ost

Wie man jemanden als Württemberger erkennt, der sagt: ­„Sammelnse Ostgeld! Wird wertvoll wie ’ne Mauritius!“ – das wird mir ein Rätsel bleiben. Wer weiß, vielleicht ist das bloß für die Lesergemeinde eingedeutscht. Denn im Osten geht nicht nur die Sonne auf (und wird es früher dunkel), sondern dürfte dies Buch auch das Gros seiner Leser suchen wollen, wie ja die darin gesammelten Texte zum ­Gutteil im verblichenen Sonntag, in der dahingeschiedenen Wochenpost und im alten Freitag zuerst erschienen sind, ­freilich auch im Merian, im ehedem Zeitmagazin, der ehedem Woche und der Frankfurter Rundschau alter Bauart. ­(Woran man sieht, dass nicht nur der Ostler, sondern auch der Westler sich ändern musste – zumindest im Lektüreverhalten ...) Reportagen, Skizzen ­atmosphärische Impressionen aus den Jahren 1979 bis 2005. Jutta Voigt muss man demjenigen, der irgend für ­Reportagequalität sich interessiert, nicht eigens vorstellen. Sie aber stellt uns vor ein untergegangenes Land, Szenen ­zwischen Euphorie und Depression, aus den Sink- und Abtauchzeiten, Lokalbesichtigungen dort, wo sie nur mehr ­Treibholz und andere Relikte findet, wo die Kinder besagten Württembergers inzwischen den Prenzlauer Bergneanderthaler vertrieben und die „Mauerblümchen“ sich an die Zweidrittelgesellschaft gewöhnt haben. „Das ist Demokratie: Zwei Drittel sind mehr als ein Drittel.“ Naja. Aber da gibt es auch den Feierabend in Nowa Huta, die doppelte Jutta oder Rosi, die nie im Leben ihren Traummann gefunden hat, und vieles, vieles mehr, was selbst den schmollgenervten Nichtostler mit dieser Chronik fortlaufender und fortgelaufener Befindlichkeiten immer wieder stark versöhnt.

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Auch wenn in den einschlägigen Wissenschaften das Konzept der Erinnerungsorte auf immer mehr Skepsis zu stoßen scheint, blüht es auf dem Buchmarkt, scheint’s, so recht erst auf. Nun also auch Erinnerungsorte der DDR. Was als Nachtrag zu den so erfolgreichen dreibändigen Deutschen Erinnerungsorten durchaus seine Berechtigung hat, da in jenen die DDR kaum Rücksicht fand. Und das Konzept hat ja den unbestreitbaren Vorteil, dass es eben nicht, wie das der Gedächtnis- oder Erinnerungskultur von einer illusionären Mehrheit ausgeht, sondern den unter Umständen durchaus feindseligen und zerrissenen Erinnerungen Rechnung trägt, wie Alexander von Plato in diesem Band noch einmal erinnert. Sein Beitrag über Sowjetische Speziallager trägt das in sich, wenn es etwa um Buchenwald geht. Die Umsicht und Sorgfalt der allermeisten Beiträge ist bemerkenswert. Ob es sich nun um die Jugendweihe oder die Puhdys, die Figur des Arbeiters (besonders gut!) oder den Trabant, den Runden Tisch oder Sparwassers Tor handelt, auffällig ist auch, dass hier zum einen sehr viel kleinteiliger verfahren wurde als im dreibändigen Vorbild, zugleich die realen Orte gegenüber den imaginären stark in der Minderzahl sind: Eisenhüttenstadt, der Palast der Republik, die Universitätskirche Leipzig, der Intershop und Ihresgleichen – sie stellen nur etwa ein Fünftel der circa 50 Beiträge. Alles in allem ist dieser Band allen anzuempfehlen, den Verächtern wie den Verklärern, den Verdrängern wie den Verschiebern der DDR – und zwar sehr!

Transitautobahn, Westpaket, Ständige Vertretung und Tunnel sind dabei – doch der Bahnhof Friedrichstraße findet sich nicht unter den Erinnerungsorten der DDR. Dafür gibt es zu dem einen eigenen, ganz eigenen Erinnerungsband. Der ­Journalist Michael Magercord, damals ­Reporter bei der taz, hat im Sommer 1986 ganz spionenzünftig mit Hilfe einer in einer Zigarettenschachtel versteckten Minox über 100 Fotografien vom Bahnhof Friedrichsstraße, dem ‚Niemandsland‘ und der Fahrt hindurch gemacht. „Aus der Hüfte geschossen“, sind sie mal ­verwackelt, mal schräg, mal abgezirkelt und scharf – allemal verblüffend. Und durchaus geeignet, in den bei der Betrachtung aufkommenden eigenen Erinnerungsbildern das arme Tier zu kriegen. Der anschaulich kommentierende Begleittext aus der Perspektive von heute – ­sozusagen eine aktuelle Erinnerungsfahrt – holt einen dann wieder heraus: Zwar nicht vergessen, aber vorbei!

 
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