Kultur

Medientagebuch | 15.12.2009 15:00 | Michael Angele

Warum man die 'Welt Kompakt' bewundern muss

Mit einer spektakulären Aktion macht der Springer-Verlag auf seine Zeitung aufmerksam. Es war eine Aktion im besten Sinn der 'Zeitungsstadt Berlin'

Berlin ist ja schon lange nicht mehr die „Zeitungsstadt“, die es einmal war. Zwar gibt es immer noch eine Handvoll Tageszeitungen, verteilt auf vier, fünf Verlage, aber seit langem verschwindet die Zeitung aus dem Stadtbild. Ein Sinnbild für dieses Verschwinden war die große Reklame für den Tagesspiegel, die den Heimkehrenden im Flughafen Tempelhof bis zu dessen Ende begrüsst hatte: Irgendwie, so schien es, würde mit der Schliessung dieses, wie aus der Zeit gefallenen Flughafens auch das Ende des Tagesspiegels gekommen sein.

War natürlich Unsinn, es gibt ihn noch. Und doch wird mir jedesmal warm ums Herz, wenn das Gegenüber in der Straßenbahn eine Zeitung aufschlägt. Ich fühle eine heimliche Komplizenschaft, die zum Ausdruck drängt (Augenzwinkern), und wenn es dann auch noch ein junger Leser ist, vermute ich einen Aussenseiter, mit dem man ein fürsorgliches Gespräch führen sollte. Gut, ist vielleicht auch übertrieben, aber wie gründlich die „Zeitungsstadt Berlin“ (Peter de Mendelssohn) passé ist, wird allein dadurch deutlich, dass das legendäre Ullsteinhaus in Tempelhof heute die SCHUFA und ein Callcenter der deutschen Bank beherbergt.

Bei seiner Fertigstellung 1927 war dieser neungeschossige Klinkerbau der modernste der Berliner Zeitungstempel; ein Jahr später, 1928, wurden in Berlin sage und schreibe 2633 Zeitungen und Zeitschriften gedruckt, darunter 147 Zeitungen, von denen rund zwei Drittel sechs Mal die Woche erschienen, manche davon zwei, einige sogar drei Mal am Tag: morgens, mittags und abends. „B.Z. am Mittag! B.Z. am Mittag!“ Freunde, das nenne ich Zeitungsstadt!

Intelligenz und Blatt

In den letzten Tagen kam nun ein Hauch von diesem alten Flair zurück. Mit einer aufwändigen Plakatkampagne machte der Springer-Verlag auf die Welt Kompakt aufmerksam. „Wir haben online so viele Freunde, das wir ein neues Wort für die echten brauchen. Sind wir reif für eine neue Zeitung?“ Fand ich ziemlich cool und clever, fast schon dialektisch gedacht. Auf den ersten Blick dreist und gar nicht raffiniert mutete dann allerdings an, als die Welt Kompakt mitten in dieser Kampagne, Dienstag vor einer Woche, mit einer riesigen Anzeige für die Telekom nicht nur ihre erste, sondern auch die letzte Seite komplett füllte.

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Aber war das wirklich so dreist? Muss man sich darüber tatsächlich empören? Muss man nicht viel mehr den Hut ziehen vor dieser Aktion? In Wahrheit scheint sie ja eine überraschende, subtile Reminiszenz an den Zeitungsmythos der Stadt zu sein. Warum? Die erste Zeitung, die in Berlin täglich erschien, war das Intelligenz-Blatt. Aber anders als wir Heutigen den Titel verstehen, bestand der Inhalt dieses Intelligenz-Blattes aus dem 18. Jahrhundert nicht aus profunden Analysen und gescheiten Kommentaren, sondern zu hundert Prozent aus – Anzeigen. Anzeige und Nachrichten bedeuteten ursprünglich beide „Zeitung“. Aber das braucht man den Welt Kompakt-Leuten natürlich nicht zu sagen. Und demnächst in Ihrem Freitag: exklusive Informationen aus der Hand des Berliner Policey-Präsidenten , nach dem Vorbild von Heinrich von Kleists legendären Abendblättern.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
deifideifi schrieb am 15.12.2009 um 15:24
Die WELT kompakt stellt Fragen! Hier die beste Antwort...http://www.youtube.com/watch?v=mobWwcTWyOk
pell schrieb am 15.12.2009 um 15:24
Ehrlich gesagt hatte ich so meine Probleme mit der Kampagne und dem Ergebnis. Die Idee selbst fand ich eigentlich äußerst gut und noch immer würde ich mich über eine "neue Zeitung" freuen. Ich schrieb dazu hier etwas: bit.ly/6szVkC
Jakob Augstein schrieb am 15.12.2009 um 16:03
Lieber MA,
hm, ja, verstehe.
Aber haben Sie die Zeitung dann auch mal in die Hand genommen? Wenn die Welt Kompakt die Antwort der Zeitungen aufs Internet ist, dann, also, wie soll ich sagen, weiß ich nicht, ob die Zeitung als solche wirklich ein so notwendiges Kulturgut ist ...
JA
Michael Angele schrieb am 15.12.2009 um 16:23
Lieber Herr Augstein

für den Argumentationsgang der vorliegenden Glosse schien es mir nicht nötig, diese Zeitung in die Hand zu nehmen.
MA
hanfbauer schrieb am 15.12.2009 um 18:08
OK, dann ist aber der Titel der Glosse leicht daneben und Sie hätten besser getitelt: "Warum man die Werbekampagne für die 'Welt Kompakt' bewundern muss".
Michael Angele schrieb am 16.12.2009 um 12:56
Da haben Sie Recht.
Knüppel schrieb am 15.12.2009 um 16:39
Lieber Michael Angele,

abgesehen von den Springer-Zeitungen und einigen anderen ... "liebe" ich (gedruckte) Zeitungen und bin ein leidenschaftlicher Zeitungsleser.

Als ich mich einst mit der untergegangenen jüdisch-deutschen Kultur (in Berlin) beschäftigte, staunte ich auch über diese Zahlen "(...)1928, wurden in Berlin sage und schreibe 2633 Zeitungen und Zeitschriften gedruckt, darunter 147 Zeitungen, von denen rund zwei Drittel sechs Mal die Woche erschienen, manche davon zwei, einige sogar drei Mal am Tag: morgens, mittags und abends ..."

Vielleicht lebe ich in der falschen Zeit :-) Allerdings ... wenn ich mir vor Augen führe, was einige Jahre später in unserem Land geschah, dann wohl doch nicht!

Aus Ihrem Text entnehme ich: Da schreibt jemand, der Zeitungen ebenfalls liebt und das nicht nur weil er bei einer Zeitung arbeitet.
Danke!

Gruß
SexPower
Michael Angele schrieb am 15.12.2009 um 16:48
Lieber SexPower
ja, ich liebe Zeitungen, und ich hätte gerne 1928 in Berlin gelebt. Die Zahlen stammen aus dem Buch von einem der Gründer des Tagesspiegel, Peter de Mendelssohn, "Zeitungsstadt Berlin", dort auch die Geschichte der Zeitungen im dritten Reich, sehr lesenswert das Ganze.
Schöne Grüße
kay.kloetzer schrieb am 15.12.2009 um 17:06
Lieber Michael Angele,
gestatten Sie mir die hier unter dem Nostalgieaspekt zu kurz gekommene Ostberliner Erfahrung hinzuzufügen. Nun waren ja die Zentralorgane der Parteien nicht halb so erregend wie die Westberliner Zeitungsvielfalt. Man hielt, sofern nicht im passiven oder aktiven Widerstand, die Berliner Zeitung resp. die Pendants von LDPD, NDPD oder CDU. Wer näher dran sein musste, gar wollte, hatte auch noch das Neue Deutschland oder - je nach Alter - die Junge Welt im Abo. So weit so herkömmlich. Dann aber gab es noch die BZ am Abend, ein sozialistisches Boulevardblättchen, halbnordisches Format wohl, das, wenn ich mich richtig erinnere, gegen 13 Uhr druckfrisch in den U- und S-Bahnhöfen verkauft wurde. Und gekauft. Und sofort gelesen. Es erschien wie die Berliner Zeitung im Berliner Verlag, war aber frischer und, wie man heute sagen würde: knackiger. Theater-Rezensionen etwa mussten nicht nur mitten in der Nacht, also früh, geschrieben werden - sie waren auch, zur Kürze gezwungen, außerordentlich pointiert. Die BZA war ein bisschen wie eine richtige Zeitung.
Und dann gab es noch diese begehrten, aber schwer zu kriegenden Zeitschriften wie Mosaik, Neues Leben, Magazin, Sibylle (aufsteigend nach Altersgruppe). Jeden Morgen war ich am Kiosk meines Vertrauens, und schnell, noch im Mosaik-Alter, reifte der Berufswunsch der Zeitungsverkäuferin.

Was nun die Welt kompakt betrifft, macht mich die Werbung neugierig darauf, ob inhaltlich tatsächlich das dünnste Brett gebohrt wird. Ich habe noch nicht reinschauen können, es ehrlich gesagt auch schon wieder vergessen gehabt. In Leipzig ist das Lesen einer richtigen Zeitung in der Bahn schwierig wegen der großen Formate und der vergleichsweise kleinen, dafür gut gefüllten Fahrgastzellen. Da wäre Welt kompakt sicher praktisch, mir persönlich aber ein bisschen peinlich. Womöglich haben sie aus diesem Grund mit ganzseitigen Telekom-Anzeigen ummantelt?
herzlich
kk
Michael Angele schrieb am 15.12.2009 um 17:12
Lieber kk

vielleicht wäre das eine Geschäftsidee? Tarnmäntel für peinliche Gratis- und Kompaktzeitungen ... Und:
vergessen Sie mir den Sonntag nicht!

www.freitag.de/politik/0950-wende-wochenzeitung-sonntag-lutz-rathenow
kay.kloetzer schrieb am 15.12.2009 um 17:15
Natürlich! Und ja auch die Wochenpost. Ach, so arm waren wir wohl gar nicht ...
Knüppel schrieb am 15.12.2009 um 17:52
Hallo kay.kloetzer,

"(...) In Leipzig ist das Lesen einer richtigen Zeitung in der Bahn schwierig wegen der großen Formate und der vergleichsweise kleinen, dafür gut gefüllten Fahrgastzellen. Da wäre Welt kompakt sicher praktisch (...)"

Wenn ich die Chance habe, jemanden davon abzuhalten ein Erzeugnis aus dem Hause Axel Springer zu lesen, dann ... sind mir "alle Mittel" recht :-)

Also, es gibt ja noch einige weitere Tageszeitungen, in kleinerem Format, z.B. "FR" (Frankfurter Rundschau) oder "taz" (die tageszeitung) ... nur so als Alternativ-Vorschlag ;-)

Gruß
SP
kay.kloetzer schrieb am 15.12.2009 um 18:01
Lieber SexPower,
stimmt stimmt. Wobei ich bei der FR auch nur am Tisch richtig blättern kann, schon im Zug isses schwierig. taz geht super, da ich es aber nicht schaffe, mehr als zwei Zeitungen am Tag zu lesen (oder leider manchmal auch nur zu überfliegen), ist die taz leider nicht in der engeren Wahl. Eigentlich lese ich in der Straßenbahn nur Bücher, die fliegen beim Umsteigen nicht weg. Allerdings fällt mir auf, dass hier in Leipzig immer weniger Menschen in der Bahn lesen. Und wenn doch, dann geht es mir wie Michael Angele mit Zeitungslesern: "Ich fühle eine heimliche Komplizenschaft".
herzlich
kk
Knüppel schrieb am 15.12.2009 um 22:23
Hallo kay.kloetzer,
besten Dank für die interessante Antwort, die mich überzeugt hat.
Beste Grüße
SexPower
Feilong schrieb am 15.12.2009 um 17:27
Also der Text beschreibt eine unheimliche Sehnsucht zu Zeitungen, welche ich auch teilen kann. Das Beispiel das genannt wird "Welt kompakt" - und die Kampagne die dahinter steckt - finde ich jedoch weniger erstrebenswert. Als ich die Werbung zur Kampagne in der Flimmerkiste sah - ja ich gucke auch noch Fernsehen, aber nur wegen Kluge und 10 vor 11 :p - fiel mir diese eine Passage ganz besonders auf : "Wir googeln uns selbst!"...
Was soll das? Fragte ich mich, sollte es cool wirken auf uns Jugendliche? Also ich als jüngling finde es gar nicht ansprechend - mal ganz abgesehen von der "hip-wirkenden" Frauenstimme, die total versagt hat.
Ich finde es ist der falsche Weg den Zeitungen einschlagen zu versuchen an "uns" ranzukommen, oder zu versuchen sich groß bei social networks zu etablieren. Das wird nicht funktionieren, die Zeitungen können die Jugend von heute kaum noch für sich gewinnen, auch wenn ich es des Öfteren versucht habe Jugendliche von Zeitungen zu überzeugen ob es derFreitag ist oder die taz weiß der Kuckuck. Die Zeitungen sollten sich etwas neues überlegen, oder besser gesagt am alten Prinzip festhalten. Wer Zeitungen lesen will, macht es auch. Es ist nun mal eine Gesellschaftsformationen die dazu führt, dass Zeitungen nicht mehr beliebt sind. Es gibt ja das Internet, selbst das wird nicht für Informationen bzw. Nachrichten verwendet.
Wer Zeitungen ließt ist heute einfach uncool. :D
Und wenn sich die Zeitungen "uns" annähern ist es wohl die letzte Bastion vor dem Untergang.
Was mich nicht davon abhält, hab ja noch ein riiiiiesen Zeitungsarchiv bei mir - aber immer seltener ist derFreitag dabei...

Hupps bin wohl komplett vom Thema abgekommen, aber irgendwo musste ich es rauslassen ^^
Knüppel schrieb am 15.12.2009 um 17:58
Hallo Feilong,

"(...)aber immer seltener ist derFreitag dabei..."

Würdest Du das 'mal begründen, an ein oder zwei Beispielen festmachen. Also was hat "der Freitag" an sich, dass ihn bei Dir durch den Raster rutschen läßt?

Rein privates Interesse von mir, übrigens, das zu erfahren.

Gruß
SP
Feilong schrieb am 15.12.2009 um 18:26
Ich weiß nicht wie ich es genau beschreiben soll, aber es ist nicht mehr mein Freitag, wie ich es von früher kannte. Ich lese das Blatt seit nunmehr drei Jahren und damals war es einfach anders die Inhalte zählten mehr, rein subjektiv gesehen. Es war ein schlichtes bzw. gar kein Design was auch einen gewissen Charm hatte. Natürlich war ich anfangs auch gespannt was der "neue" Freitag bieten wird. Ich kann mich noch erinnern wie ich mir die 3 Euro geschnappt hab und mein Mützchen gleich dazu, es war ein kalter Februarabend voller Vorfreude auf den "neuen" Freitag.
"Klick den Kanzler" und vor allem die Kategorie "Zeitgeschichte" waren wirklich gut mit dem Ayatollah und dem Iran. Naja das war jetzt eine nostalgisch-romantische Beschreibung des Ganzen, aber so kann ich glaub ich meine Vorfreude auf den "neuen" Freitag gut beschreiben. Die ersten Wochen waren auch gut und vor allem die Einbeziehung der Community ist Extraklasse, sonst wäre ich nicht hier. Aber dann verflachte mir die Zeitung zu sehr, zu wenig zur Finanzkrise, zu wenig Außenpolitik z. B aus Südamerika oder eben Asien, obwohl es war vor kurzem was über die Kriminalität in China wenn ich mich nicht täusche.
Wahrscheinlich ist es einfach nur Nostalgie, aber ein Stück weit mehr Internationales wäre wünschenswert.
Ich denke ich kaufe mir gleich mal die Ausgabe vom Donnerstag - außer ich finde etwas besseres, des Öfteren gewinnt die taz, Neues Deutschland, sogar die jW gegen den Freitag bei meiner Auswahl, denn diese Zeitungen greifen Themen auf die nicht so "Mainstream" sind - ein schlechter Vergleich, man kann schlecht eine Tageszeitung mit einer Wochenzeitung vergleichen - aber ich fand z. B die Phase der jW sehr interessant, als man sich der Thematik der Basken gewidmet hat, eben solche Themen von denen keiner hört, oder der Mord an den Tamilen auf Sri Lanka - auch wenn Informationsbeschaffung schwer ist, es ist machbar!
Aber es gab auch positives z. B das Ecce Homo-Thema, weil es mich einfach brennend interessiert hat, was die Christenheit zur Homosexualität sagt - da ich zu faul bin die Bibel selbst aufzuschlagen ^^ - aber eben solche Themen sind Volltreffer, darüber schreibt sonst niemand. Ich sehe gerade es geht um die Minarette in dieser Ausgabe, ehrlich gesagt ziemlich Mainstream, aber noch akzeptabel, da es sehr diskussionswürdig ist - aber wenn ich ehrlich bin, könnte ich auch ein anderes linkes-Blatt lesen und mir die 2,90 sparen ;)

Frei nach Tucholsky : Der Leser hat's gut:
Er kann sich seine "Zeitung" aussuchen, der Schreiber hingegen, ist der arme.... ^^
Knüppel schrieb am 15.12.2009 um 22:25
Hallo Feilong,
jetzt verstehe ich Deine Aussage "(...) immer seltener ist der Freitag dabei ..." besser. Vielen Dank für die sehr gut begründete Antwort auf meine Frage!
Beste Grüße
SexPower
Feilong schrieb am 15.12.2009 um 22:32
Kein Problem ich antworte gerne ^^

freundliche Grüße

F.L
ohrenflimmern schrieb am 16.12.2009 um 12:00
Hallo,

vielen Dank für den guten Artikel. Am Ende war ich jedoch ein bisschen enttäuscht, weil es sich doch eigentlich nur auf die Werbung in der Welt kompakt beschränkt hat. Beziehungsweise die clevere Kampagne schlecht gemacht wurde, weil die "Welt kompakt" Werbung im oder um sich hat. Das finde ich ein bisschen zu kurz gegriffen. Ich sehe es eher so, dass die "Welt kompakt" genau wie "der Freitag" das Internet als Medium besser verstanden haben, als viele andere Zeitungen, wenn auch mit unterschiedlichen Konzepten. Die "Welt kompakt" hat von Anfang an ziemlich gut Twitter eingebunden und es amüsiert mich heute noch ein bisschen, wenn sie einen Dialog mit der Abendzeitung führen, auch sonst kann man mit den Autoren in den Kontakt treten. Dann fand ich den Mehrwert durch die QR-Codes eine ziemlich gute Idee, weil sie hiermit doch eines zeigen: in der gedruckten Ausgabe sind nur noch Nachrichten und den Mehrwert gibt es im Internet. Auch wenn Produkte, die von Studenten der Axel-Springer-Akademie gefüllt werden, mit Vorsicht zu genießen sind, finde ich das Prinzip ziemlich gut. Außerdem ist das Format für die S-Bahn wirklich angenehm.
Michael Angele schrieb am 16.12.2009 um 12:54
Lieber ohrenflimmern,

danke für Ihren Kommentar. Ich will gar nicht in Abrede stellen, dass "Welt kompakt" möglicherweise die Zeichen des Internetzeitalters sehr gut verstanden hat. Aber was die Zeitung anbelangt, die ich bis ans Ende meiner Tag in der Strassebahn lese möchte, bin ich hemmungslos nostalgisch, sogar bereit, auf "Manufactum"-Niveau zu sinken und zu sagen: "Es gibt sie noch, die guten Dinge".
ohrenflimmern schrieb am 16.12.2009 um 15:39
Lieber Michael Angele,

ich kann Sie gut verstehen, dass eine Zeitung neben dem iPod das angenehmste auf einer Straßenbahnfahrt sein kann, aber für mich stellt sich eine Frage: was will ich? Will ich nur eine Zusammenfassung der Nachrichten vom letzten Tag (die ich schon auf Spiegel Online in der Nacht gelesen habe) oder will ich ausführliche Berichte in einer Zeitung zu den Nachrichten der letzten Nacht? Mir wäre die zweite Option lieber, aber findet man sie doch sehr selten: Die Süddeutsche kann ich nicht in der Bahn lesen und die Berliner Zeitung ist mir zu sehr Nachricht von gestern. Deswegen würde ich mich lieber für die erste Option entscheiden, weil ich da genau weiß was ich bekomme, als mich mit der zweiten Option nur zu ärgern. Der Freitag wäre für mich jeden Tag (wenn nicht so teuer ;) perfekt, aber kommt ja nur wöchentlich.

Was lesen Sie denn für eine Zeitung in der Bahn, wenn ich fragen darf?

Liebe Grüße, andi
Michael Angele schrieb am 16.12.2009 um 15:52
Die Süddeutsche :)
luggi schrieb am 16.12.2009 um 22:49
Und was bleibt als Nährwert? Die Zeitungsverlage verkaufen bedrucktes Papier; seit Jahrzehnten. Händler sollen Zeitungen gekauft haben, um ihre Waren zu verpacken, kein Scherz. Ich selbst habe für diesen Zweck Zeitungen gesammelt.

Die Diskussion der letzten Monate bestärkt mich immer mehr in meinem Gefühl, dass den Verlagen "der Arsch auf Grundeis geht". Je größer der Verlag desto kälter das Eis und das damit verbundene hyperaktive Wärmezittern. Eine neue Informationstechnologie bricht sich Bahn und althergebrachtes Denken kämpft wie eine "Kavalleriedivision gegen eine Panzerkompanie", wenn dieser hinkende Vergleich gestattet ist.
Sebastian Dörfler schrieb am 17.12.2009 um 10:49
Offensichtlich spricht die Zeitung die Wohlfühl-Generation der Neon-Leser an. Ich finde aber vor allem eine andere Sache bemerkenswert, und zwar wie man sich im Internet gegen Kritik "immunisieren" kann. Seitdem die Welt die Persiflage-Videos im Sinne des bekannten Slogans "There is no such thing as bad publicity" begrüßt hat, hat sie viel an Sympathie gewonnen. Ist das jetzt die neue Strategie Kritik mundtot zu machen, bzw. für sich zu nutzen?
Diese Strategie lässt sich besonders eindrucksvoll auf der Seite von Henryk M. Broder beobachten. Der verlinkt seine Spiegel-Artikel mit einer Seite, auf der er sich beschimpfen lässt – darüber sieht man sein grinsendes Gesicht. Ähnliches ist auch der Welt gelungen.
Es kann doch nicht mehr reichen, Leute oder Zeitungen cool zu finden, nur weil sie mit dem Internet umzugehen zu wissen.
Michael Angele schrieb am 17.12.2009 um 11:33
Lieber Sebastian

ich habe mir auch schon Gedanken gemacht, zu den Fragen, die Sie aufwerfen, eine Antwort habe ich allerdings noch nicht:

www.freitag.de/kultur/0945-kai-diekmann-kritik
Sebastian Dörfler schrieb am 17.12.2009 um 20:04
Lieber Michael,

da haben Sie sie ja sogar im Tag-Team... sehr schön! Und wahrscheinlich haben Sie mit dem "schluss mit lustig"-Fazit auch Recht.
Vielleicht sollte man zum ausgehenden Jahrzehnt noch einen Nachruf auf die Ironie schreiben, sonst wird das nichts mehr mit der Welt (ich mache jetzt hier den Anfang und spare mir den Smilie).
Michael Angele schrieb am 17.12.2009 um 20:14
"Tag-Team" habe ich jetzt nicht ganz verstanden. Bitte um Aufklärung. Schreiben Sie den Nachruf?
Sebastian Dörfler schrieb am 17.12.2009 um 21:23
Tag-Team: "Team aus meistens zwei Mitgliedern im Wrestling, welche sich in einem Kampf durch Abschlagen gegenseitig ein- bzw. auswechseln können" – nur weil Sie in Ihrem Artikel Herrn Dieckmann und Broder erwähnten, wie sie zusammen durch Berlin touren.

Der Nachruf erscheint gerade indirekt in einem Artikel bei den "Blättern für dt. und int. Politik" – in dem ich über Adorno, Zizek und die Frage "was tun?" geschrieben habe. Vielleicht darf ich Sie zunächst auf den verweisen (müsste eigentlich bereits morgen online gehen)?

Das wird wahrscheinlich nicht reichen. Schlussendlich müssen wir vielleicht alle an diesem Nachruf schreiben – dadurch, dass wir weiter schreiben.
Michael Angele schrieb am 18.12.2009 um 09:15
Aha, was gelernt. Verlinken Sie doch hier auf die "Blätter", sobald der Artikel online ist.
Sebastian Dörfler schrieb am 18.12.2009 um 14:29
...Ironie- als Ideologiekritik; vielleicht sind da die Unterscheide gar nicht so groß:

www.blaetter.de/artikel.php?pr=3257
miauxx schrieb am 17.12.2009 um 16:46
Muss man die 'Welt kompakt' bewundern, weil sie eine clevere Werbekampagne macht? Clevere Werbekampagnen machen auch diese und jene - doch aber wohl am allerwenigsten aus kulturkonservatorischen Gründen.
Mir jedenfalls wird nicht gleich "warm um's Herz", wenn jemand eine Zeitung vor mir aufschlägt. Selbst täglich in Berlin mit dem ÖPNV unterwegs, sehe ich ohnehin überwiegend Boulevardblätter vor mir aufgeschlagen: kompakt, bunt, suggestiv, meinungsbildend. Die "Welt kompakt" ist, der Verleger allein spricht für sich, kaum verschieden davon. Wenn das die Zukunft der gedruckten Zeitung sein soll, kann ich gut drauf verzichten.
Michael Angele schrieb am 17.12.2009 um 16:56
Lieber miauxx, auch ich kann gut auf die "Welt kompakt" verzichten. Etwas grobschlächtig neige ich dazu, die Gruppe der Zeitungsleser in solche zu teilen, die Ironie und Humor (sowie heimliche Liebeserklärungen) verstehen und solche, die dies nicht tun. Meine Zeitung der Zukunft wäre sehr entschieden nur für die ersten gemacht.
miauxx schrieb am 18.12.2009 um 16:35
Den Humor der "Welt kompakt"-Reklame sehe ich schon auch. Vielleicht ist es meine ausgeprägte "Springer-Abneigung" als auch überhaupt Kapitalismus-Skepsis, die mir Bewunderung allein für Reklameideen, und bei dieser im speziellen, ein bißchen abwürgt. Die "Welt kompakt"-Reklame ist ja zudem aber auch gerade nicht kritisch gegenüber der fast-food-informations-welt des www, sondern will ja ein in jeder Hinsicht dünnes Blättchen als zeitgemäßes Printmedium anpreisen.
Ansonsten bin ich gerne zu haben für Ironisierungen gesellschaftlicher Zustände im öffentlichen Raum.
Feilong schrieb am 17.12.2009 um 21:02
Ich finde es gibt auch ein Allgemeines Problem mit Zeitungen.

Nun es wird ab jetzt subjektiv und zwar ohne Gnade!

Ich finde - von der "Welt kompakt" abgesehen -, dass die Zeitungen immer mehr an Substanz bzw. Qualität verlieren. Nicht nur Zeitungen, denn bei Zeitschriften haben wir fast das selbe Spiel. Bestes Beispiel ist der Spiegel, für mich der größte Qualitätsverlust eines Blattes in den letzten 20 Jahren. Das was Stefan Aust betrieben hat, ist schon fast kriminell! Dieser selbstverliebte Mann hat es geschafft ein "einigermaßen" gutes Blatt zu zerstören in den letzten Jahren. Sicherlich wird mir JA nicht zustimmen, außer er hat seine Meinung seit 2006 als er seiner Schwester widersprach geändert, aber darum gehts nicht, es ist nicht nur der Spiegel, sondern die Medien insgesamt. Seit dem Internetzeitalter, haben es Online-Medien geschafft eine signifikante Rolle in der Informationsbeschaffung einzunehmen. Positiv würde ich Medien hervorheben wie telepolis.de oder de.indymedia.org, die die Zeichen der Zeit erkannt haben.
Ob Printmedien überhaupt eine Zukunft haben ist ziemlich fraglich, aber zum Teil gehen sie auch verdient unter, obwohl sie mir sehr am herzen liegen. Es gibt nur noch wenige wirklich gute Printmedien u.a. die “le monde diplomatique”, aber auch links-sozialistische Blätter wie “Neues Deutschland” haben sich deutlich verbessert - im Vergleich zu früher!
Der Freitag “war” früher aus meiner Sicht ein Qualitätsblatt, ist es heute zwar immer noch, aber es hat an Glanz verloren s.o.
Die sueddeutsche bei allem Respekt Herr Angele, ist ein wahrlich gutes Blatt, aber auch dieses ist von Qualitätsverlusten geplagt! Mich wundert es nicht, dass man das Blatt des öfteren auf BILDblog.de findet, neben Spiegel, Bild, FAZ!
Nostalgie ist gut, aber eben Nostalgie, die guten alten Zeiten kommen nicht wieder.
Früher war die Gesellschaft anders, ich habe das Gefühl, dass die Gesellschaft immer niveauloser wird bzw. blöder, man vergleiche unsere Politiker, eine Pfeife wie Pofalla oder “Mutti” mit einem kantigen Wehner oder Brandt, da treibt es einen zu den Tränen. Anscheinend bewegen sich Zeitungen eben auf jene neue Gesellschaft zu, vergleichbar mit einem schwarzen Loch...
Es ist so als würden Zeitungen ein “Seil” in dieses schwarzes Loch werfen, aber werden selbst hineingezogen...
Wahrscheinlich stehe ich allein mit dieser Meinung da, aber ich wollte es nur mal gesagt haben :/

Wer orthographische Mängel findet, darf sie behalten :P
Feilong schrieb am 17.12.2009 um 21:07
Fehler die ich übersehen habe sorry ^^

*1 "Es ist so als würden Zeitungen ein “Seil” in dieses schwarze Loch werfen, aber werden dabei selbst hineingezogen..."

*2 *hicks* am Herzen

*prost*
Deaktivierter Nutzer schrieb am 20.12.2009 um 21:33
Au ja - Presseschelte

Au nein - die Kampagne zur Welt Kompakt ist nun wahrlich kein Glanzlicht der glattgebügelten Werbewelt. Mein erster Reflex war "ach, wie niedlich hilflos." Das mag natürlich auch daran gelegen haben, dass ich Herrn Döpfners Ausführungen gelauscht hatte - schließlich sorgte die Zeit (das ist die Online-Ausgabe eines deutschen Wochenmagazins mit einer oft nicht funktionierenden Kommentarfunktion) für die Verbreitung. "Witzig" an diesem Schmankerl ist allerdings der personelle Zustand der deutschen Presselandschaft. Es ist mittlererweile ein offenes Geheimnis, dass Redaktionen fast bis zur Unkenntlichkeit "zusammengesch(l)ossen" werden, um die erwartete Rendite der "Verlegerpersönlichkeiten" zu sichern. Heraus kommt dann dabei, dass selbst die Nacherzählung einer dpa-Meldung auf Schulaufsatzniveau zeitlich schon fast nicht mehr drin liegt. Mit wirklicher journalistischer Arbeit hat das nichts mehr zu tun - es gilt das erwünschte Diktat der Partizipation und Mehrfachnutzung, der Wertschöpfung zuliebe und dem Leser zum Ärgernis. Davon ist auch die Welt Kompakt nicht ausgenommen. Dabei hat sie natürlich eines (wenn auch unfreiwillig) erkannt: Der Hund bei Facebook, die multidimensionale Kommunikation auf diversen Plattformen - das alles hat seinen Reiz. Was aber setzt diese (und nicht nur diese) Gazette dagegen außer Selbstminimierung? Nichts! Das aber ist zu wenig und die Frage, ob man reif für die Zeitung sei, fördert eigentlich nur den Frust darüber, was aus vielen Zeitungen heute geworden ist. Als Nutzer des Netzes kann ich mir die neuesten Meldungen schließlich selbst beschaffen - hier z.B.: www.presseportal.de/. Brauche ich dafür noch einen Redakteur, der es mir ein wenig lesefreundlicher gestaltet und ein Verlag, der das Ganze auf Papier druckt? Nein - das braucht kein Mensch. Die Verlage müssen sich die Frage nach einer Renaissence stellen, sich darauf besinnen, was ihre eigentliche Aufgabe ist. Solange dies nicht geschieht und man immer öfter Gefahr läuft, einem "Leserreporter" ausgeliefert zu sein - bestenfalls - oder einem "Mietmaul" schlimmstenfalls, wird sich die Lage der Blätter von der Rolle sicher nicht verbessern, allenfalls die Anzeigenpreise verringern. Derweil steht es ja auch der Welt Kompakt frei, dem Redaktionshund einen Facebook-Account einzurichten, damit er mal was Spannendes zu lesen bekommt.


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