Kultur

Wehrwirtschaftsführer | 24.01.2010 15:15 | Heinrich Senfft

Am Rande der Legalität

Eine Historikergruppe um Norbert Frei erforschte das bewegte Leben Friedrich Flicks

Friedrich Flick war ein begabter, geradezu genialer Geschäftsmann und überzeugender Verhandler, der freilich zu allen Zeiten skrupellos nur an seinen Vorteil dachte und sich unpolitisch nicht darum kümmerte, mit wem er es zu tun hatte.

Missmutig schaut er vom Umschlag eines kürzlich erschienenen Buches, wenig einladend für den Leser, der sich obendrein mit einer über 900 Seiten langen Biografie konfrontiert sieht.

Da haben vier Historiker, angeführt von dem Jenaer Historiker und Politologen Norbert Frei, ein wissenschaftliches Standardwerk vorgelegt, das Flicks Enkelin Dagmar Ottmann finanzierte. Streckenweise ist das Lektüre für Fachkundige, zugleich jedoch handelt es sich um ein wichtiges Dokument der Zeitgeschichte.

Der Untertitel verspricht dem Leser, auch etwas über die Familie Flick zu erfahren. Zu der gehören allerdings nicht nur die Söhne und männlichen Enkel, sondern auch die Ehefrauen. Man liest indes nur, dass Flicks Frau Marie hieß und sie, wie ihr Mann, in dem ältesten Sohne Otto-Ernst keine Führungseigenschaften für die Nachfolge gesehen habe. Aber man erfährt nicht, wie sie war und wie die Ehe mit diesem verschlossenen Mann funktioniert hat.

Auch wenn der 1883 im Siegerland geborene Flick zu allen Zeiten die Öffentlichkeit gescheut und kaum jemanden in sein Leben hat schauen lassen, ist das für den Leser eines so dicken Buches zu wenig Familie.

Sohn eines Holzhändlers

Die Flickschen Rüstungs-Unternehmen beschäftigten während des Krieges 40.000 bis 60.000 Zwangsarbeiter, Juden und – hauptsächlich russische – Kriegsgefangene. Die Konzernleitung, also auch Flick selbst, kümmerte sich nicht um deren Lebensbedingungen, obwohl sie das hätte tun können. „Aber das hätte seinem unternehmerischen Selbstverständnis und der Arbeitsteilung im Konzern wohl widersprochen“, schreibt Mitautor Ralf Ahrens – zudem lag das „ jenseits der Sphäre, die ihn interessierte“ – so Frei zur Süddeutschen Zeitung.

Flick war der Sohn eines Bauern, der später als Holzhändler Erfolg hatte und sich hier und da in Siegerländer Erzgruben einkaufte. Sohn Friedrich machte eine Lehre bei der Bremer Hütte und kam aus der später besuchten Handelshochschule in Köln 1907 als Diplomkaufmann heraus. Schließlich landete er als kaufmännischer Vorstand bei der Siegerländer Charlottenhütte.

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Niemand weiß bis heute, wie Flick es schaffte, schon 1921 die Kapitalmehrheit der Gesellschaft an sich zu bringen und Generaldirektor zu werden. Er schwieg dazu. Schanetzky, einer der Autoren, meint, Flick habe sich dabei „hart am Rande der Legalität“ bewegt. 1925 zahlte der aufstrebende Unternehmer der Kölner Universität 100.000 Mark – nicht aus guter Erinnerung, sondern um die Ehrendoktorwürde zu erwerben.

Ein Jahr später brachte er seine Gesellschaften in die Vereinigten Stahlwerke ein und wurde so Aktionär des größten deutschen Konzerns. Flick stieg auch bei der bayerischen Maxhütte ein und wurde Mehrheitsaktionär der Gelsenkirchener Bergwerks-AG.

Dort löste er einen Skandal aus, als er das 1932 durch die Weltwirtschaftskrise in Not geratene Unternehmen nach dem nur geflüsterten Hinweis darauf, man müsse verhindern, dass die Franzosen das Werk übernähmen, zu einem überhöhtem Preis an das Deutsche Reich zu verkaufte – um sich selbst dadurch vor der Pleite zu retten.

Die berühmte „Gelsenberg-Affäre“ sorgte für Empörung, vor allem, als bekannt wurde, dass Flick reichlich Parteispenden verteilt hatte – mit Ausnahme der Kommunisten. Als das skandalöse Geschäft noch nicht abgeschlossen war, unterstützte Flick die Hindenburg-Wiederwahl noch mit 950.000 Mark.

Nein, ein Nazi war Flick nicht – er sagte, er habe bis 1933 die Deutsche Volkspartei Gustav Stresemanns gewählt. Er trat erst 1937 in die Nazipartei ein. Schon vorher war er Mitglied des Freundeskreises des Reichsführers der SS, Heinrich Himmler. Wehrwirtschaftsführer wurde er auch – in seiner Karriere fehlte es an nichts.

Ihn interessierten nur seine Geschäfte – mit wem er sie machte, war ihm gleichgültig, und wenn es darum ging, Zwangsarbeiter zu beschäftigen oder jüdisches Eigentum zu „arisieren“, war ihm auch das nützlich und willkommen – da unterschied er sich nicht von den meisten deutschen Unternehmern. Flick war der größte deutsche Rüstungsfabrikant, baute Panzerwagen, U-Boot-Torpedos, Geschosse und Gewehrläufe – 1933 arbeiteten 20.000 Menschen für ihn, bei Kriegsbeginn 100.00, 1944 waren es 120.000 – und er verdiente, wen wundert es, sehr viel Geld.

Nach dem Krieg, in dem sein zweiter Sohn 1941 gefallen war, wurde Flick – wie auch Krupp – als Quasi-Symbolfigur in Nürnberg angeklagt und als Kriegsverbrecher zu sieben Jahren verurteilt, aber schon 1950 wieder freigelassen.

Mit Stern und Schulterband

Dem Gericht hatte er gesagt: „Ich habe die Organe des Nationalsozialismus weder für meine wirtschaftliche Entwicklung noch für mein Vermögen gebraucht“- da war etwas dran, denn nach dem Krieg – wie vor der Nazizeit – bewies er, dass er auch ohne Zwangsarbeiter und „Arisierungen“ reich werden konnte. Sein Konzern wurde zerschlagen: er hatte die glückliche Wahl, sich von Stahl oder Kohle zu trennen. Schlau, wie immer, behielt er Stahl und verkaufte alles, was mit Kohle zu tun hatte und ihm im Westen verblieben war – gegen sehr viel flüssiges Geld, das er gleich wieder investierte um einen neuen Konzern aufzubauen – mit immerhin schon 67 Jahren.

Er erkannte früh die Chancen der Automobilindustrie und kaufte sich – sein wohl größter Coup – bei Daimler Benz groß ein. Aber die Zwangsarbeiter der Nazizeit bekamen weder von ihm noch von den Söhnen irgendeine Entschädigung. Nur die – weil sie Frau war? – mit bloß der Hälfte der Erbschaft bedachte, unsichtbar bleibende Dagmar Ottmann zahlte fünf Millionen in einen Zwangsarbeiterfonds.

Flick starb 1972 – als Träger des Grossen Verdienstkreuzes mit Stern und Schulterband – Adenauer hatte ihm ein „großes und staunenswertes Lebenswerk“ bescheinigt. Die Trauerfeier war eine Art Staatsbegräbnis, auf der Hermann J. Abs sprach – schon während der Nazizeit kein Unbekannter bei der Deutschen Bank und danach wahrlich auch nicht.

Ein erfolgreiches Leben gewiss. Fast alles war Flick gelungen – aber an dem Plan, eine Familiendynastie zu gründen, emotional und sozial, war er gescheitert. Mit seinen beiden verbliebenen Söhnen kam er nicht zurecht, mit dem ältesten schon gar nicht – Nachfolger waren sie beide nicht. Der Älteste prozessierte sogar gegen den Vater.

Die Enkel – Mick und Muck – Friedrich-Christian und Gert-Rudolf – wurden erst einmal Playboys, die sich lieber in St.Moritz als anderswo sehen liessen, aber auch keine Chance mehr hatten, in die Fußstapfen des mächtigen Großvaters zu treten.

Gert-Rudolf versuchte 1996 einen Flick-Lehrstuhl in Oxford einzurichten, was ebenso kläglich scheiterte wie der Plan des Bruders, seine beachtliche Kunstsammlung in ein Züricher Museum einzubringen: Entrüstung über die Verwendung des „Blutgeldes“. Jetzt steht sie in Berlins Hamburger Bahnhof. Bald schon war der ganze Konzern verkauft worden – nichts außer Geld blieb.

Ein gescheitertes Leben Friedrich Flicks? Wohl kaum, wenn man bedenkt, dass ihn sein Leben lang nur das Geschäft interessiert hat, sein Geschäft. Eine ebenso interessante wie abstoßende Figur der neueren deutschen Geschichte, ein Verbrecher, der seine Schuld nie eingestehen konnte und wollte.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
oca schrieb am 24.01.2010 um 19:07
Spielt es bei der Beurteilung Flicks eigentlich eine Rolle, ob er Nazi war oder nicht? Immerhin wirkt die Feststellung (ob glaubhaft oder nicht) dass er keiner gewesen sei, wie eine Entlastung. Ist sie das?

Es scheint, dass hier nicht ein Mann mit skrupellosen Mitteln Kapital angehäuft hat, sondern dass sich das Kapital einen skrupellosen Mann gesucht hat, um sich vermehren zu können.

Das ist, in verkürzter, aber hoffentlich nicht falscher Form doch das Prinzip des Kapitalismus. Das "automatische Subjekt" Kapital legt sich die unter den jeweiligen historischen Bedingungen erfolgreichste Charaktermaske zu. Zu Flicks Zeiten brauchte man einen, der die Zwangsarbeiter in den eigenen Fabriken gleichgültig oder freudig (nicht) zur Kenntnis nahm. Hier und heute braucht das Kapital solche Gestalten auch bisweilen, aber oft genügt es, Zusammenhänge mit Elend und Ausbeutung in goegraphisch und organisatorisch weiter entfernten Gegenden nicht erkennen zu wollen, um erfolgreich zur Akkumulation beizutragen.
Fritz Teich schrieb am 24.01.2010 um 21:59
Unsympatisch mag er sein, aber so leicht wird man nicht zum Verbrecher. Ich moechte auch das Grossunternehzmen sehen, dass nicht in die Naziwirtschaft eingegliedert war und nach der Nazi-Pfeife tanzte, im Krieg! Wie soll er denn nach dem WWI durch Verbrechen die Firmen an sich gebracht haben? Und warum ist das interessant?
oca schrieb am 24.01.2010 um 23:20
@Fritz Teich: das ist allerdings übelste Apologetik. Glauben Sie, dass es bei den Nürnberger Prozessen sieben Jahre gab, weil jemand "unsympatisch" war?

Ja, ja, im Krieg, da mussten alle Kapitalisten nach der Nazi-Pfeife tanzen und konnten sich gar nicht gegen die Zwangsarbeiter wehren, die ihnen aufgedrängt wurden, geschweige denn gegen die Posten als "Wehrwirtschaftsführer".
oca schrieb am 24.01.2010 um 23:29
Dieser Kommentar wurde aufgrund eines Verstoßes gegen die AGB editiert.
MassimoDiRigore schrieb am 25.01.2010 um 11:37
"nach der Nazi-Pfeife tanzte". Lesen Sie doch mal nach ob der Flick da nicht eher geholfen hat, die Musik zu schreiben:
de.wikipedia.org/wiki/Freundeskreis_Reichsf%C3%BChrer_SS
Fritz Teich schrieb am 25.01.2010 um 17:06
Naja, die Nuernberger Gesetze...prima. @oca Und wenn er in einem Freundeskreis war, heisst das doch auch nichts. Dann hat er eben die Nazis gegen die Kommunisten instrumentalisiert, ein Verbrechen? @massimo etc. IMHO sollte man mit dem Ausdruck Verbrecher vorsichtig sein. Man deckt sonst zuviel zu unter einer allgemeinen Wohlfuehlsauce. Nach dem Motto: Politik muss schoen sein.
oca schrieb am 25.01.2010 um 19:42
"Dieser Kommentar wurde aufgrund eines Verstoßes gegen die AGB editiert."

Och komm, liebes Freitags-Community-Betreuer-Team, das Wort mit den vier Buchstaben und dem Neo davor, das ich für Herrn Teich gesucht habe, war natürlich "Pren". Ja, Herr Teich ist ein Pren, denn Neopren schwimmt immer und unter allen historischen Bedingungen oben.
oca schrieb am 25.01.2010 um 19:54
@Fritz Teich: Aus Ihren Kommentaren geht Ihre braune Gesinnung sehr klar hervor. Das "Freitags-Kommunity-Team" lässt mir leider keine Möglichkeit, noch präziser zu sagen, was Sie sind, aber vielleicht ist es ja so freundlich, wenigstens diesen Begriff, "braune Gesinnung" durchgehen zu lassen. Mal sehen, was die Juristen "Kommunity-Team" zu diesem Vorschlag sagen.
miauxx schrieb am 25.01.2010 um 11:26
"Er trat erst 1937 in die Nazipartei ein. Schon vorher war er Mitglied des Freundeskreises des Reichsführers der SS, Heinrich Himmler. Wehrwirtschaftsführer wurde er auch ..."

Das reicht nicht, um zu sagen "Er war Nazi." ? Gab es denn dann überhaupt "Nazi's" ?
Aber schlimmer noch als die wirklich Überzeugten sind ja vielleicht auch die, die opportunistisch eigenes Kapital aus solchen Extremsituationen schlagen.

Und erneut stockt mir der Atem, zu lesen, dass jemand, der in Nürnberg verurteilt wurde, sogar noch zum Verdienten des deutschen Volkes erklärt wurde. So kritisch man die "68er" sehen, kann - in solchen Fällen sieht man, wie nötig sie doch waren! Wie schnell muss in der Adenauer-Ära die Illusion dahin gewesen sein, es würde sich nach den Erfahrungen mit dem "3. Reich" auch grundsätzlich etwas ändern!

Naja, beim Ende der DDR hat man ja dafür umso genauer hingesehen ... Und wo nicht, da holt man es jetzt nach, mit Stasi-Beauftragten etc. Wären doch Deutschlands Konservative schon immer so rührige Erneuerer und Aufräumer gewesen ...
oca schrieb am 25.01.2010 um 19:56
Ja, vielleicht sollte man die Geschichte der BRD auch mal von offizieller Seite her "aufarbeiten". Aber die gibts ja noch...
Deaktivierter Nutzer schrieb am 25.01.2010 um 19:58
"Träger des Grossen Verdienstkreuzes mit Stern und Schulterband": so behandelte die Bundesrepublik solche Nazis und Nazizuträger. Ich danke Heinrich Senfft sehr für diesen Bericht zum Buch von grossen Historikern.
Mittelstandskind Ost schrieb am 27.01.2010 um 16:31
Interessant ist doch wie barmherzig nach dem Krieg mit Leuten wie Speer, Flick oder auch Krupp umgegangen wurde. Immerhin waren sie alle an der planmäßigen Zerstörung von zehntausenden Menschen beteiligt.
Wenn man dann einen Blick auf die Haftgeschichte der RAF-Leute wirft wird man schon ein wenig nachdenklich (auch wenn ein direkter Vergleich hinkt), jedenfalls könnte Klar wohl noch lange auf eine Begnadigung, geschweige denn auf gesellschaftliche Rehabilitierung (oder einen x beliebigen Scheissorden) warten.

@ Fritz Teich schrieb am 25.01.2010 um 17:06

„Dann hat er eben die Nazis gegen die Kommunisten instrumentalisiert, ein Verbrechen?“

Naja... Ich weiß ja nicht wie es um ihr Rechtsempfinden bestellt ist, aber vielleicht fehlt es ja auch an Geschichtsunterricht???
Die Kommunisten mussten unter dem Säuberungs- sprich: Vernichtungswahn der Nazis mit als Erste und mit am blutigsten leiden. Zehntausende wurden standrechtlich erschossen, zehntausende kammen in Konzentrationslagern um...
Naja daran beteiligt gewesen zu sein oder dieses angestiftet zu haben ist ihren Worten nach kein Verbrechen? Kein Verbrechen? Was dann? Ungezieferbeseitigung? Politisches Kalkül?

Etwas verwundert
MOST
oca schrieb am 27.01.2010 um 22:19
@MOST: Wieso verwundert? Ist doch nicht schwer zu interpretierten. Herr Teich hat eben kein Problem damit, dass Kommunisten ins KZ kamen. Ebensowenig wie damit, dass Juden durch Zwangsarbeit ausgebeutet und ermordet wurden.
oca schrieb am 27.01.2010 um 16:51
@Community-Team:

Fritz Teichs Kommentare sind oben nachzulesen. Könnt Ihr mir bitte verraten, wieso es auf der Grundlage dieser Kommentare gegen die AGB des Freitag verstößt, Herrn Teich einen Nazi/Neonazi zu nennen? Darf dieses Wort generell nicht in Bezug auf lebende Personen verwendet werden, oder bestehen bei Herrn Teich irgendwelche Zweifel daran, dass er ein Nazi/Neonazi ist? Braucht man zum Nazi-Sein ein Parteibuch oder eine bestimmte Kleidung oder Frisur?
oca schrieb am 27.01.2010 um 19:05
P.S.: Bitte nicht falsch verstehen: wenn Ihr einen vernünftigen Grund habt, akzeptiere ich das.
Philip Grassmann schrieb am 01.02.2010 um 14:53
Lieber oca,
das ist sehr einfach: Wir wollen hier keine Beleidigungen. Was wir hier wollen sind Argumente. Und Fakten. Am besten beides zusammen. Die können Sie hier jederzeit veröffentlichen. Beleidigungen nicht.
Viele Grüße,
Ihr Philip Grassmann


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