Kultur : Das Ende der Welt

Auf Haiti sind es die Menschen gewohnt, dass sie im Stich gelassen werden. Jetzt schlägt die Stunde der Solidarität. Arcade-Fire-Mitglied Régine Chassange über ihre Heimat

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In diesen Tagen gibt es nichts, was mir Freude bereitet. Ich trauere um Freunde, Bekannte und um Menschen, die ich nicht kenne. Um alle, die immer noch unter den Trümmern begraben sind und wohl kaum rechtzeitig gerettet werden.

Egal, mit wem ich spreche, alle sagen dasselbe: Die Zeit steht still. Gleichzeitig tickt sie unerbittlich weiter. Sie arbeitet sich durch die Risse und rafft die Überlebenden hinweg, einen nach dem anderen.

Als es geschah, war ich zuhause in Montreal. Ich surfte im Internet, eher wahllos, wie es so viele im Westen eben tun. Dann die Schlagzeilen: Erdbeben der Stärke 7 auf Haiti nahe Port-au-Prince. Ich rannte nach unten und schaltete den Fernseher ein. Es stimmte. Tränen schossen mir in die Augen, und ich stieß einen Schrei aus, als hätte ich gerade erfahren, dass alle, die mir lieb und teuer waren, gestorben sind. Die Realität war noch viel schlimmer.

Obwohl um mich herum alles friedlich ist, bin ich innerlich seit Tagen in Alarmbereitschaft. Ich vergesse zu essen. Ich vergesse zu schlafen. Ununterbrochen telefoniere ich und schreibe E-Mails. Ich bin beinahe regungslos, aber mein Puls rast. Ich vergesse, mit wem ich gesprochen und wem ich was erzählt habe. Ich verlasse das Haus ohne meine Tasche, ohne meine Schlüssel. Ich finde keine Ruhe.

Von Alpträumen verfolgt

Meine Eltern sind während der brutalen Jahre des Papa-Doc-Regimes aus Haiti geflohen. Meinen Großvater hatten die Mördertrupps der Tonton Macoutes geholt. Mein Vater sollte erst zehn Jahre später erfahren, dass sein Vater ermordet worden war. Meine Mutter und ihre Schwester kehrten vom Markt zurück und fanden nur noch die Leichen ihrer Cousins und Freunde vor. Meine Mutter kniete sich vor die Dominikanische Botschaft und bettelte in gebrochenem Spanisch um ihr Leben. Als Heranwachsende sog ich diese Geschichten auf. Jedes Jahr hörte ich eine neue Version von den Erwachsenen, die um den großen Esstisch saßen und auf kreolisch über das arme Haiti sprachen.

Als ich ein Kind war, hatten wir nie Geld, um zurückzugehen. Und selbst wenn, hätte meine Mutter nicht dorthin gekonnt. Bis zu ihrem Tod wurde sie in ihren Alpträumen von Menschen verfolgt, die kamen, „um sie wegzuholen“. Ich weiß, dass meine Mutter in großer Sorge gewesen wäre, wenn sie erfahren hätte, dass ich im vergangenen Jahr schließlich nach Haiti gereist bin.

Mein eigenes Land wurde mir merkwürdiger Weise von einem weißen Arzt aus Florida vorgestellt. Er hieß Paul Farmer, sprach fließend Kreolisch und wusste, wie man meinen Namen richtig ausspricht. Er ist einer der Gründer einer Organisation namens „Partners in Health“ (auf Kreolisch heißt sie „Zanmi Lasante“). Wenn es um medizinische Hilfe, um Nachfassaktionen und die Verknüpfung verschiedener Hilfeleistungen (Bildung, Hygiene, Schulungen, Wasser, Landwirtschaft) geht, dann würde ich vor allen anderen Organisationen in Haiti „Partners in Health“ empfehlen. Sie helfen den Ärmsten der Armen seit über 20 Jahren, und ein Großteil des Personals vor Ort sind Haitianer.

Auf Haiti erwarten viele, dass sie im Stich gelassen werden. Die Geschichte hat sie gelehrt, so zu denken, ihnen ist ein ums andere Mal Unrecht widerfahren. Das, was wir in den Nachrichten sehen, ist nicht allein das Resultat einer Naturkatastrophe.

Wir müssen Haiti mit Mitgefühl und Respekt behandeln und sicherstellen, dass das Land ein für alle Mal wieder auf die Beine kommt. Eigentlich sollte die Geschichte Haitis eine Geschichte der Freiheit sein. Vor über zwei Jahrhunderten wurde das Land von der Kolonialmacht Frankreich unabhängig. Doch Frankreich zwang Haiti in die Knie und forderte eine Entschädigungszahlung. Selbst die Sklaven, die ihnen entgingen, stellten sie in Rechnung, nach heutigen Maßstäben mit 21 Milliarden Dollar. Wir müssen die Stärke und das Durchhaltevermögen dieses mutigen Volkes würdigen, dessen Vorfahren ihre eigenen Körper freikaufen mussten.

Der Westen hat in der Vergangenheit durch und durch korrupte Regime unterstützt. Zurzeit hat Haiti eine demokratisch gewählte Regierung. Sie steht auf unglaublich schwachen Beinen, aber sie steht. Der Augenblick ist gekommen, da wir unsere Hilfe und unsere Solidarität anbieten müssen. Seit Haiti erzittert und zerfallen ist, fühle auch ich mich, als sei etwas über meinem Kopf zusammengebrochen. Meilenweit von der Katastrophe entfernt bin ich doch in diesem Alptraum gefangen. Ich kann an nichts anderes denken.

Die Zeit steht still – und doch ist sie von entscheidender Bedeutung.

Ich sitze hier an meinem Computer, mit einem vollen Kühlschrank, heißem Wasser aus dem Hahn und einem schönen, warmen Bett, das mich irgendwann erwartet. Und doch ist es tief in meinem Herzen das Ende der Welt.

Régine Chassagne ist Frontfrau in der Band Arcade Fire und stammt aus Haiti

Übersetzung: Christine Käppeler