Kultur

Ausstellung | 23.02.2010 22:05 | Ingo Arend

Auf der Suche nach Arkadien

Vom Bruderbund bis zum Bauhaus - Die Ausstellung "Utopia Matters" in der Deutschen Guggenheim Berlin

Wer Visionen braucht, sollte zum Arzt gehen. Mit diesem, Helmut Schmidt zugeschriebenen Satz, begründen Pragmatiker gern ihre Abneigung gegen große Gesellschaftsentwürfe. Mit dem Spruch lässt sich auf Partys lässiger Zynismus demonstrieren. Aber hat ihn nicht auch die Geschichte beglaubigt? Vom Sozialstaat einmal abgesehen – was war das 20. Jahrhundert anderes als ein einziges Panorama blutig gescheiterter Utopien? Der Schatten der Antiutopie schwebt heute über jeder Rede zur Utopie.

Entsprechend ausgenüchtert streift man durch eine Ausstellung, deren Titel die Aktualität dieses entzündlichen Rohstoffs beschwört. Nicht, dass man nicht das Gefühl hätte, dass eine Gesellschaft ihn dringend benötigte, deren Utopie-Diskurs um die Frage kreist, wie man Sozialhilfeempfänger zum Schneeschippen bewegen kann. Aber ob die Antike als Vorbild taugt? Wenn man an der Armut die Schönheit des Einfachen schätzt, kann man natürlich Jean Brocs Ölbild Der Tod des Hyazinth von 1801 auch heute noch viel abgewinnen. Da stirbt der schöne Jüngling in den Armen seines Liebhabers Apoll. Die Gruppe der „Primitifs“, der Broc angehörte, zog sich Ende des 18. Jahrhunderts in ein Nonnenkloster am Rande von Paris zurück und träumte vom alten Griechenland. William Morris’ Arts-and-Crafts-Bewegung oder Walter Gropius’ Bauhaus boten da schon mehr. Ihre Utopie hatte nämlich einen ganz praktischen Nutzen: geschmackvolle Massenartikel, beispielhafte öffentliche Bauten und die neuartige, humane Organisation von (Qualitäts-)Arbeit.

Die kleine, aber hochkarätige Ausstellung verzichtet leider darauf, die historischen Beispiele ästhetisch angestoßener Gesellschaftsutopien mit zeitgenössischen zu konfrontieren, die es durchaus gibt. Immerhin gelingt es ihr, die Rezeptionsroutine aufzubrechen, die einen in Museen überfällt. Wer weiß schon noch, dass es Piet Mondrian nicht nur um bunte, abstrakte Bilder ging, sondern darum, eine universelle Formensprache zu kreieren, die jedermann verstehen und benutzen kann. Oder dass die scheinbar süßlichen Neoimpressionisten um Camille Pisarro anarcho-kommunistischen Überzeugungen anhingen. Ihre Bilder, auf denen Bauern und Landschaft in Harmonie vereint sind, bucht man heute schnell als vormoderne Illusion ab. Trotzdem lassen sich darin auch Elemente eines egalitären Arkadiens erkennen. Kunstbetrachtung ist eben immer auch Spurensuche.

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Utopia matters kann man insofern als Antithese zu dem Vorurteil lesen, dass die Verquickung von Kunst und Gesellschaftsveränderung einem Missbrauchsdiskurs der Linken entspringt. Die Nazarener Friedrich Overbecks und Franz Pforrs warben mit ihren frommen Motiven und der plakativen Malweise genauso für eine neue Einheit von Kunst und Leben wie die russischen Konstruktivisten. Vom Teegeschirr bis zu Tatlins Stahl-und-Glas-Turm waren die „Künstler-Konstrukteure“ der Frühphase der Russischen Revolution zu Beginn des 20. den Neochristen des 18. Jahrhunderts aber deutlich überlegen. Gerade sie demonstrierten, dass es bei der Frage nach der Utopie nicht nur um abstrakte Konzepte geht, sondern um die Fähigkeit, sie konkret zu gestalten. Eine neue Utopie wird die Kunst selbst nicht durchsetzen. Aber ohne ihre besonderen Fähigkeiten wird sie auch nicht zu haben sein.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Deaktivierter Nutzer schrieb am 28.02.2010 um 08:43
Diesem Artikel fehlt es an Grundwissen.
Betrifft Teetassen:

Künstler haben in China bereits Teetassen entwickelt, als die Menschen in Russland noch auf den Bäumen lebten.

Die Neo-Christen...
Kunst & Kunsthandwerk waren im 18.Jahrhundert fester Bestanteil in jedem Haushalt. Und sei es in Form eines exquisiten Möbelstücks oder eines geschinzten Herrgotts. Es war die Zeit des Rokkoko.

Caspar-David Friedrich ( 1774 - 1840 )
steht als Erneuerer der Kunst. Für die Romantiker. Auch er ein Spiritualist. Wie die Neo-Christen.

Kunst kann alles. Und wird auch weiterhin Utopien & Denkmuster durchsetzen.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 28.02.2010 um 08:44
geschinzt = geschnitzt
Pferde schrieb am 12.03.2010 um 11:04
Mein Hannoveraner (1995 - 2010)
steht als Beispiel für etwas der etwas konnte. Auch er ein Tier. Wie die anderen Tiere.
Kunst kann aber gar nichts.
Und wird das auch weiterhin tun.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 28.02.2010 um 08:54
Camille Pissarro
war kein "Neo-Impressionist". Sonder der produktivste & mit bedeutenste Impressionist überhaupt.
Unfassbar, dass der Autor das nicht weiss.

Und ab diesem Punkt weise ich auf folgende Punkte hin, welche sich der Autor selber erarbeiten sollte:

1. Die akademische Salonmalerei
2. en plein air

Dieser Artikel ist mit der schlechteste, den ich jemals gelesen haben.
So etwas darf nicht veröffentlicht werden. Weil es falsch ist. Und es immer wieder Leser gibt, die solchen Unfug wie in diesem Blog verbreitet wird, für bare Münze nehmen. Weil die glauben, dass ein Redakteur / Journalist auch Bescheid weiss über die Dinge, die er publiziert.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 01.03.2010 um 00:25
mensch chrisamar, da hast du es ja endlich mal geschafft, fast wortwörtlich von deinem neuesten 'wissenschaftlichen' steckenpferd 'wikipedia' abzupausen. vielen dank für diese reproduktion der alltäglichsten und somit selbstverständlichten inhalte, wiki hat immer recht - wozu noch mehr als ein buch über kunst im regal zum vergleich?
Deaktivierter Nutzer schrieb am 01.03.2010 um 09:27
Camille Pissarro ist einer meiner Lieblingskünstler. Denn das meine berufliche Passion: Die Freiluftmalerei. Impressionistisch. Dazu benutze ich "antike" Farben.
Aber ich mache ja auch andere Sachen. Das rote Bild / mein Alias, ist expressionistisch. Es ist meine Art des Dialogs mit Max Beckmann. Dessen Gemälde ich sehr liebe.

Wikipedia ist nicht schlecht. Nicht vollständig. Aber wenn man sein Wissen abfragen möchte & das sollte man, bevor man sich zu einem wissenschaftlichem Thema äußert, dann kann man dort sehr gut z.B. Jahreszahlen / Geburtsdaten abfragen.

Für ein wissenschaftliches Projekt, hatte ich die Möglichkeit eine Camera Lucida ausgeliehen zu bekommen. Aber ich brauche sie nicht wirklich.
Anders als z.B. Ingres, habe ich keinen Zeitdruck. Quantität interessiert mich nicht.

Wer hätte mir die Camera Lucida geliehen?
Richtig. Der hier:
David Hockney: Geheimes Wissen
Ein Buch das jedes Bücherregal schmückt. Absolut empfehlenswert, wenn man Malerei verstehen möchte.

Um überhaupt wettbewerbesfähig in meinem Job zu sein, muss ich das wissen.
Der Autor des Blogs hätte das aber auch wissen müssen.
Ingo Arend schrieb am 01.03.2010 um 12:54
lieber chrisamar,

vielen dank für die kritische lektüre meines artikels. ich bin natürlich bestrübt, dass er ihnen nicht gefallen hat. kann die kritik aber nicht nachvollziehen. natürlich war camille pissaro ein impressionist. sicher sogar auch ein "produktiver", wie es auch in wikipedia zu lesen ist. er hat sich dann aber später von den wurzeln des impressionismus gelöst, weil er versuchen wollte, mit einer am pointillismus orientierten malweise eine art neuen realismus zu kreieren, der seinen politischen zwecken dienlich sein könnte: darstellung des lebens der einfachen und arbeitenden menschen. diese malerei nennt man in der kunstgeschichte neoimpressionismus. es gehörten noch andere künstler dazu: seurat, signac und eben pisarro. es ging ihnen darum, den romantischen impressionismus von monet zu überwinden. inspiriert waren die drei von neueren wahrnehmungstheorien. insofern kann ich keinen fehler in meiner darstellung erkennen. ihre negativ-wertung meines artikels scheint mir überzogen.

was die teetassen anbetrifft: natürlich gab es in china schon teetassen vor der russischen revolution. doch die konstruktivisten hatten es sich bewusst zum ziel gesetzt, die alltagsgegenstände des normalen volkes in einer großen kollektiven anstrengung zu gestalten, um damit - wieder, wie schon pisarro - eine verbesserung der lebensbedingungen der einfachen zu erreichen: durch die steigerung des lebensgefühls. insofern sind die produkte dieses versuchs anders zu bewerten als die gegenstände, die sich im laufe der kulturgeschichte sozusagen "naturwüchsig" herausgebildet haben. wie in china eben.
und wenn sie die verschiedenen entwürfe für diese teegeschirre, die bei ausstellungen über die russische revolutionskunst immer wieder auftauchen, mal gesehen haben, werden sie meiner wertung sicher zustimmen. das sind absolut schöne, weil kühne entwürfe.

was die utopie in der kunst oder die utopie durch kunst anbetrifft: ich bin auch der meinung, dass der utopische impuls nie sterben wird. und das ist auch gut so. es ging mir nicht darum, ihn zu diskreditieren oder ihn totzusagen. nach so vielen gescheiterten versuchen, via kunst eine gesellschaftsutopie durchzusetzen, sind wir heute nur skeptischer geworden.

beste grüße
ingo arend
Deaktivierter Nutzer schrieb am 01.03.2010 um 13:09
Danke für die Ehre eines Kommentars. Das ganze Geschwurbel wäre aber nicht nötig gewesen.
Die Freiluftmalerei
Es würde auch schwirig werden, einen Fürsten beim Kartoffelernten zu malen.

Zuerst ein Künstler. Und dann von der Politik vereinnamt. Reicht es nicht ein Künstler zu sein? Nein, man muss auch ins gesellschaftliche Bild passen. Oder passend gemacht werden.

Die einfachen Leuten... zu welcher Bevölkerungsgruppe würden Sie Pissaro zählen? Ein Hofschranz war er jedenfalls nicht.

In der chinesischen Kultur, geschieht nichts zufällig. Im Verständnis des jahrtausendealten Zen-Kult & deren Wurzeln, wird jedem Teilchen eine Bedeutung zugeordnet.

Die Gestaltung, die Kunst haben einen ungleichen höhren Wert als z.B. in Deutschland.
Es Russland & China sind Nachbarn. Es gibt kulturelle Überschneidungen.

Bauhaus & Belgien lassen sich nicht trennen.
Russland in dieser Zeit war kein verschlossenes Land, wie wir es noch aus den Zeiten des kalten Krieges kennen. Marc Chagall war auch Russe.

Bauhaus ein Beispiel für angewandte Kunst. Es passte in ein Denkmuster. Das sollte es ja auch.

Angewandte Künstler toben sich im Netz aus.

Die Kultur des Porzellans hat ihren Wert verloren. Statt Rosenthal, Meissen oder Wedgewood, kauft man bei IKEA.

Die Massenproduktion macht die Hürden für angewandte Kunst niedriger. Weil diese keine Generationen mehr überstehen sollen.

Wer macht "gute" erfolgreiche Sachen? Philip Stark. Leider sind die aus Plastik. Dafür überdauern seine Multiples Jahrhunderte.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 01.03.2010 um 13:15
2006 habe ich mit Chinesichen Künstlern & Dozenten zusammengearbeitet.
Und ich hatte auch eine Einladung der Chinesischen Kulturbehörde nach China.

China ist aber nicht so meine Sache. Dafür hatte ich auch echt noch keine Zeit.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 01.03.2010 um 13:26
All das was ich hier gepostet habe, dass hätten Sie machen müssen. Und ich habe langsam das Gefühl, dass ich mir hier meine eigene Zeitung schreibe.

Das finde ich grauenhaft.
thinktankgirl schrieb am 03.03.2010 um 00:35
@ ingo arend

Ich habe irgendwo, wenn ich nur wüßte wo, einen Katalog über konstruktivistische Keramik. Die Ausstellung war - vielleicht- in Karlsruhe.
Jedenfalls bin ich ein grosser Fan des Konstruktivismus.
Zudem finde ich Ihren Artikel gelungen!
hoppe schrieb am 03.03.2010 um 22:03
Lieber Herr Arend,

vielen Dank für den Artikel. Ich habe Ihren Artikel sehr gerne gelesen, kann mich Ihrem Urteil über die Ausstellung allerdings nicht anschließen.

"Utopia Matters" mag auf dem Papier eine interessante Ausstellung sein, aber das Schöne am Medium der "Ausstellung" ist ja gerade, dass sie nicht auf dem Papier, sondern in einem Raum stattfindet.

Ich möchte nicht an Ihrer journalistischen Redlichkeit zweifeln und bin mir sicher, dass Sie die Ausstellung persönlich besucht haben, aber ihr Artikel hätte ebensogut anhand des am Ende so pflichtbewusst angegebenen Katalogs verfasst werden können.

Mag die Künstlerauswahl noch so "hochkarätig" sein, es hilft meiner Meinung nach alles nichts, wenn man die einzelnen Kunstwerke so lieblos nebeneinander knallt wie in "Utopia Matters" geschehen.

Der im Katalog beschworene Dialog zwischen verschiedenen Utopien kann sich in meinen Augen schlicht nicht einstellen, wenn die einzelnen Werkgruppen mit Sparkassenfoyer-würdigen Stellwänden voneinander abgeschirmt, in seperaten Kojen und jeweils mit oberlehrerhaften Wandtexten ausgestattet rumstehen.

Gerade im Falle der Deutschen Guggenheim, deren ganzer Stolz bisher die "sight-specific" konzeptionierten Kunstwerke waren, fand ich das besonders ärgerlich.
Ingo Arend schrieb am 04.03.2010 um 07:06
liebe(r) hoppe,
vielen dank für ihre kritische anmerkung. es gibt tatsächlich ein gewisses dilemma der ausstellung. die verschiedenen stilrichtungen sind etwas sehr gedrängt nebeneinander platziert. das wirkt dann schnell enzyklopädisch, lehrbuchartig. einzelpräsentationen "kommen" in diesem raum besser. ich erinne mich an die kolossale wirkung von james rosenquists (gloablisierungskritischem) werk "the swimmer", das hier 1998 präsentiert wurde: creativeface.net/news_kunstszene-berlin_10025-1. der vorteil von "utopia matters" ist aber dennoch die übersicht, die man bekommt. erst so kann man die ansätze wirklich vergleichen.
hoppe schrieb am 04.03.2010 um 16:36
Lieber Herr Arend,

vielen Dank für die prompte Antwort!
Das Problem liegt in der Frage, welche Aufgabe man welchem Medium zukommen lässt.

Ist nicht zum Gewinnen einer "Übersicht" ein schöner Katalog, ein gut recherchierter Bildband oder bestenfalls sogar kunstwissenschaftliche Literatur viel geeigneter?

Wenn man ein Gemälde nur an die Wand hängt (wie in Utopia Matters geschehen), um ein Beispiel für die "Kunst der Präraffaeliten" zu geben, dann degradiert man es meiner Meinung nach zum bebildernden und illustrierenden Element.

Wenn ich von den Ausstellungsmachern schon aus dem Haus und über viel befahrene Straßen und vereiste Bürgersteige in ihre Institution gelockt werde, dann möchte ich dort doch wenigstens etwas "erleben", was ich mir nicht auch zuhause selber aneignen könnte...
Ingo Arend schrieb am 05.03.2010 um 13:38
kataloge, liebe(r) hoppe, liest man meist doch nur in verbindung mit einer ausstellung. insofern ist die idee zu ihr an sich ja schon ganz gut. ich habe mich nach dem besuch aber auch gefragt, ob da ein sehr großes thema nicht in einem zu kleinen kontext abgehandelt wurde. gropius-bau wäre also vielleicht besser gewesen. andererseits haben großausstellungen auch etwas erschlagendes. so eine kleine ausstellung wie die in der guggenheim nimmt man schon mal schneller mit. vor allem auch die laufkundschaft, die auf den linden flaniert. und sich für so ein thema womöglich garnicht interessiert. das problem der kritik, die ich geschrieben habe, war halt auch, dass dieser platz sehr, sehr beschränkt ist und wenn dann die ganze kritik für die kritik der präsentation "draufgeht", hat man inhaltlich nichts gesagt. ich war also auch in einem dilemma...


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