Kultur

Naturkatastrophe | 05.03.2010 16:00 | Christian Jäger

Auszeit von der Normalität

Chile: In der Katastrophe zeigt sich auch die heroische und solidarische Seite der Menschen

Im Jahre 1647 erschütterte schon einmal ein Erdbeben Chile und verwüstete zwei Drittel der Hauptstadt Santiago. 160 Jahre später veröffentlichte der preußische Dichter Heinrich von Kleist seine Novelle Das Erdbeben in Chili. Die Geschichte erzählt von einem unstandesgemäßen Liebespaar, das entdeckt und getrennt wird, dennoch wieder zusammenkommt und aufgrund einer Schwangerschaft nicht nur getrennt, sondern in Haft genommen und zum Tode verurteilt wird. Das Erdbeben befreit ihn aus dem Gefängnis und sie aus dem Zug, der zur Hinrichtung führt. Doch nicht nur diese beiden Opfer der katholischen Sozialmoral profitieren von dem Erdbeben: „Und in der Tat schien, mitten in diesen gräßlichen Augenblicken, in welchen alle irdischen Güter der Menschen zu Grunde gingen, und die ganze Natur verschüttet zu werden drohte, der menschliche Geist selbst, wie eine schöne Blume, aufzugehn.“

In der Katastrophe zeigt sich die heroische und solidarische Seite der Menschen, die über sich und ihre alltäglichen Kleinlichkeiten hinauswachsen. Kleist formuliert dabei den sehr bedenkenswerten Satz: „Ja, da nicht einer war, für den nicht an diesem Tage etwas Rührendes geschehen wäre, oder der nicht selbst etwas Großmütiges getan hätte, so war der Schmerz in jeder Menschenbrust mit so viel süßer Lust vermischt, daß sich, wie sie meinte, gar nicht angeben ließ, ob die Summe des allgemeinen Wohlseins nicht von der einen Seite um ebenso viel gewachsen war, als sie von der anderen abgenommen hatte.“

Die Bilanz der Naturkatastrophe wird gezogen und zeigt, dass Kleist die Intensität des Erlebens über die Schrecken und Schmerzen stellt, die den Menschen widerfahren respektive zugefügt werden. Eine Auszeit bietet das Beben von der Normalität und einer schrecklichen sozialen Ordnung, die bei ihrem Wiedereinzug aufs Grausamste das Liebespaar und einen Knaben, der für ihren Sohn gehalten wird, umbringt.

Ein legitimer Akt

Folgen nicht auch heutige Katastrophenszenarien einem ähnlichen Modell: Im Moment der höchsten Not zeigen ansonsten unauffällige Personen, dass sie durchaus ihr Schicksal in die Hand zu nehmen wissen und zu solidarischen Aktionen fähig sind, die nur der Supermarktbesitzer und die Medien als Plündern bezeichnet wissen wollen. Selbst die chilenische Regierung hat akzeptiert, dass in der Notlage Hungernde, die sich zusammenschließen, um Nahrungsmittel aus Lagern zu holen, einen legitimen Akt begehen und einigen Supermärkten Erstattung der Verluste zugesichert.

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Kehrt schließlich die Ordnung wieder ein, sind Flüchtlingslager eingerichtet und „Sicherheitskräfte“ vor Ort, beginnen die Vergewaltigungen, tauchen Kinderschänder und Mädchenhändler en masse auf – ob nun in Haiti oder nachdem Tsunami 2004 in Thailand oder Indonesien –, womit von den alltäglichen Betrügereien, Gewalttätigkeiten und Verletzungen noch nichts gesagt ist.

Kleist hat offenbar das Katastrophale der Normalität gesehen, weswegen die Naturkatastrophe von ihm als Erlösung beschrieben werden kann. Das Erdbeben, und da muss man erst einmal schlucken, heißt auch Erlösung vom Profanen und Banalen, das Kleist als radikalen Ästheten, den das Überleben wenig interessiert und dem es mehr um die Intensität des Lebens zu tun ist, schier verzweifeln lässt. Und ihn schließlich zum Freitod am Kleinen Wannsee führt. Auch wenn das nicht besonders hoffnungsfroh stimmt.

 

 
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Artikelaktionen
Kommentare
marwoe schrieb am 06.03.2010 um 03:23
Es ist so schade, dass wir Menschen unseren "guten Teil" nur dann zeigen können, wenn es anderen richtig dreckig geht und diese möglichst weit weg sind und eine Naturkatastrophe erlebt haben. In Chile sind mehrere hundert Menschen an den Folgen einer Naturkatastrophe gestorben: schlecht. Dass in Deutschland tausende von Menschen darben: saumässig!
Es werden in windeseile Rettungspakete geschnürt um Banken (Banker!!!) zu retten und um Leute auf Haiti und in Chile zu helfen, aber unsere Armleuchter sind nicht in der Lage einen Plan zu schmieden, um den eigenen Wählern auf die Beine zu helfen. Klar! ... dafür braucht es kein Geld, sondern Ideen, und die sind Fehlanzeige. Kapitalismus ist leicht, Humanismus ist eben schwerer. ... aber nur mit Patte löst man eben doch nichts.
Vielleicht geht irgendwann einmal die "schöne Blume des menschlichen Geistes" auf.
Ingo Arend schrieb am 06.03.2010 um 11:15
die argumentation erinnert ein bisschen an das ästhetische entzücken, das der kollege karlheinz stockhausen zum ausdruck brachte, als er den anschlag auf das worldtradecenter in new york als "das größte kunstwerk" bezeichnete. solche betrachtungen laufen schnell gefahr, zynisch zu wirken. und soviel radikale distanz zum konkreten leid kann sich nur ein nichtbetroffener leisten. aber manchmal ist, um rilke umzukehren, auch das schreckliche des schönen anfang.
Magda schrieb am 06.03.2010 um 11:27
"Kleist hat offenbar das Katastrophale der Normalität gesehen, weswegen die Naturkatastrophe von ihm als Erlösung beschrieben werden kann."

Kommt nicht auch in Camus "Die Pest" so eine Figur vor, die angesichts des entstandenen Chaos beruhigt ist, weil die Zeiten mit seinem Inneren irgendwie kongruieren. Das ist doch so ähnlich. Endlich gehts auf der Welt so verrückt zu wie in meinem Kopf oder so. Man sagt ja auch, manche Angstkranke werden in der realen Gefahr ganz cool.

Noch etwas fällt mir ein. Der Bombenangriff auf Dresden war ja auch für viele Juden die Rettung, die sich genau an dem Tag zu melden hatten, als die Stadt in Flammen aufging.
Auch Klemperer wurde durch das entstandene Chaos gerettet.


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