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Drama

Deutschland, Frankreich 2026

93 Minuten
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Kultur : Das unbeschriebene Blatt

„Ein Prophet“ von Jacques Audiard hätte einen Oscar verdient gehabt. Egal, nun sollte man den Film erst recht anschauen

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Es ist vielleicht doch ganz gut, dass Ein Prophet den Oscar als „Bester nicht-englischsprachiger Film“ nicht gewonnen hat. Nicht nur, weil es in dieser Kategorie rühmlicher ist, zur Reihe der Übergangenen zu gehören (zusammen mit Namen wie Godard, Resnais, Pasolini, Ozu, Tarkovskij) als eine der raren Ausnahmen zu bilden, in denen die „Academy“ mal richtig liegt. Nein, Jacques Audiards Ein Prophet hat den Oscar nicht verdient, weil die damit einhergehende Etikettierung nur den Blick verstellen würde auf das, was es in diesem Film zu entdecken gibt. Wo der typische Oscar-Film sich als rührend, fesselnd, verblüffend oder erschreckend labeln lässt, liefert Ein Prophet zwar den Stoff für all diese Empfindungen – ohne den Zuschauer je zu einer bestimmten Haltung zu zwingen.

Entsprechend mehrdeutig ist auch das Genre: Ein Prophet geht weder als Thriller noch als Melodram noch als Bildungsroman ganz auf – und enthält doch Elemente von allem. Die Mehrdeutigkeit aber ist kein sich selbst genügendes Spiel, sondern eine Einladung, sich einzulassen auf eine Figur, einen Stoff, eine Geschichte, eine Reise ins Ungewisse. Auch deshalb erscheint die Metapher vom „unbeschriebenen Blatt“ als Beschreibung für den jungen Straftäter passend, dem die Kamera in den Anfangsszenen fast zu nah auf die Pelle rückt. Der Blick auf Malik (Tahar Rahim), der hier die ersten Stunden einer jahrelangen Inhaftierung erlebt, ist so zunächst fragmentiert in Einzelwahrnehmungen: ein von Schlägen geschwollenes Gesicht, ein trotziger Blick, eine alles abwehrende Körperhaltung. Man erfährt nicht viel über die Straftat, die er begangen hat, und noch weniger über seine Herkunft, aber man begreift, dass er allein ist, auch ohne Verbindungen zu dem, was „Unterwelt“ genannt wird.

Spracherwerb

Dem Zuschauer sei empfohlen, sich diese ersten Eindrücke einzuprägen, um sie am Ende des Films parat zu haben, wenn derselbe junge Mann, ein paar Jahre älter nur, das Gefängnis verlässt: als mächtiger Kopf eines gut organisierten Verbrecherrings. Der Kontrast könnte kaum größer sein, aber es ist nicht das Überraschende an dieser Entwicklung, auf das der Film hinaus will (weshalb man den Schluss ohne Spoilerwarnung verraten kann). Im verblüffenden Gegensatz von Anfang und Ende stellt sich vielmehr die Frage, wie es so kommen konnte.

Ein Prophet spielt zwar zum größten Teil im Gefängnis, zeigt aber nur wenig Interesse an den Routinen des Häftlingsdaseins. Trotzdem gelang es Audiard, mit seinem Film ein Bild der Institution Gefängnis zu zeichnen, das die Betroffenen in Frankreich als Sichtbarmachen von Verdrängtem empfanden. Mit einem Blick, dem man eine intuitive Nähe zur Systemtheorie unterstellen möchte, zeigt der Film die Machtstrukturen unter den Gefangenen über die Gesetzmäßigkeiten ihrer jeweiligen Kommunikation. Was Malik lernt, sind Sprachen: die simple der Gewalt, wenn er sich mit einem Auftragsmord die Zugehörigkeit zur dominierenden Gruppe der Korsen und ihres Paten César (Niels Arestrup) erwirbt, die komplexere der Vermittlung, wenn er, zunächst heimlich, ihr Idiom studiert, und schließlich die raffinierte der Identität und Zuordnung, wenn er beginnt, aus seinen arabischen Wurzeln Kapital zu schlagen.

Der Film macht den Zuschauer zum Zeugen eines beispielhaften Lernprozesses, einer „education“ nicht nur des Sentiments, sondern vor allem des Ressentiments. Mit all den implizierten Ambivalenzen: Am Ende hat man beim Aufstieg eines durchaus zweifelhaften Helden mitgefiebert.

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