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Kennen Sie die Naše Adresa? Ich muss zugeben, dass mir dieser Name nichts gesagt hat, bis ich vorgestern einen Artikel der österreichischen Journalistin Verena Oberauer über dieses tschechische Unternehmen im Medium Magazin gelesen habe. Nun ist er abgespeichert als Titel eines Konzepts, das in die Zukunft weisen könnte - die Zukunft der Zeitung.
Naše Adresa ("Unsere Adresse") ist anders. Das Unternehmen, ein 2009 gestartetes Pilotprojekt von PPF Media, ist Cafékette und Zeitung in einem. In bisher vier so genannten Newsroom-Cafés in vier tschechischen Städten verkaufen Kellner Kaffee und Kuchen, während fünf bis sieben Journalisten wöchentlich eine Lokalzeitung produzieren. Der erste Clou: Sie beteiligen in der Produktion der Zeitung die Gäste des Newsroomscafés.
"Ein Drittel der am Montag erscheinenden Zeitung wird ausschließlich gemeinsam mit Lesern gestaltet. Sie kommen in das Café, trinken in entspannter Atmosphäre ihren Kaffee und berichten von ihren Problemen, neuen Projekten oder einfach von Dingen, die ihnen aufgefallen sind. Ein Großteil der Geschichten entsteht durch Kooperationen mit Vereinen, Schulen und Institutionen", erklärt Oberauer.
Ein Journalist der Naše Adresa wird mit den Worten zitiert es sei eine "tolle Abwechslung zum üblichen Job", wenn er nicht nur auf die Straße gehe und Leute befrage, sondern "die Leser auch zu uns kommen".
Der Vorteil für die Journalisten, die von einer Zentralredaktion aus Prag ("Futuroom") mit Artikeln und Infographiken unterstützt werden, liegt auf der Hand: Sie kriegen Geschichten frei Haus geliefert, können sich einen Großteil der Recherche sparen und sich ganz dem Schreiben widmen. Der Arbeitgeber könnte Stellen einsparen. Und die Leser? Sie profitieren einerseits von der "Hyperlokalität" ihrer Zeitung und leiden andererseits unter dem wohlmöglich praktizierten Hofjournalismus.
Das ist die eine, journalistische Seite der Medaille. Die Leser werden an der Produktion der Zeitung beteiligt, sie können sich einbringen. Wäre das die Geschichte wäre es keine Geschichte oder, wie das Medium Magazin schreibt, nicht eines der "innovativsten Projekte in der Zeitungsbranche".
Als innovativ wird das Konzept der Naše Adresa bezeichnet, weil es auf Communitybuilding setzt und zwar auf den Aufbau einer physischen Gemeinschaft. Die Leser können gemeinsam mit den Journalisten Kaffee trinken, Kuchen essen, Zeitung lesen, diskutieren, Ideen austauschen und die Themen der nächsten Ausgabe besprechen. Außerdem gebe es, schreibt Oberauer, "Malwettbewerbe für Kinder, Filmabende, Gespräche mit Gemeindevertretern und Darttuniere", journalistische Workshops für Kinder und Jugendliche sowie Weiterbildungen für Journalisten und Firmen im Futuroom und Public-Viewing von Sportveranstaltungen.
Das Ziel ist klar: Die Naše Adresa soll keine Zeitung für die Leser sein, sondern ihre Zeitung. Mit anderen Worten: eine Zeitung zum anfassen (fünf Gummi-Euro klimpern im virtuellen Phrasenschwein).
Bisher sei das Pilotprojekt, schreibt Oberauer, erfolgreich und die Macher zufrieden: Die verkaufte Auflage der Zeitungen - jeder der vier Standorte produziert eine eigene Ausgabe - betrage 24.000 Exemplare. Neben dem Verkauf der Zeitung (Preis umgerechnet 45 Cent) wird noch auf andere Weise Geld verdient: "Neben Erlösen aus Anzeigen, dem Verkauf von Zeitungen, Cola, Sandwichen, Kaffee und Kuchen und dem Futuroom wird derzeit das Know-How in andere Länder wie Ägypten, Saudi-Arabien, die Ukraine und Russland verkauft." Im nächsten halben Jahr sind die Eröffnungen von 150 weiteren Newsrooms geplant.
Soweit zur Naše Adresa. Fest steht: Das Konzept von Naše Adresa - nicht zu vergessen: eine Lokalzeitung - ist nicht in jedem Detail umsetzbar oder wünschenswert. Insbesondere stellt sich die Frage, wie die meist jungen Journalisten bezahlt und angestellt sind, wie es um die Seriösität der Berichterstattung steht und welche Themen abgedeckt werden. Fraglich ist auch, ob der Aufbau einer physischen Community ausreicht ohne den Aufbau einer virtuellen voranzutreiben.
Aber: Wäre es nicht auch für deutsche Verlage, Zeitungen, Journalisten eine Überlegung sowohl virtuell als auch physisch präsent zu sein?
Es gibt bereits den Freitagsalon oder das taz-Café. Das ist ein guter, richtiger Weg. Aber wie wäre es, ihn noch konsequenter zu gehen - nicht zu Ende, sondern ab in die Zukunft.
Anmerkung 1: Leider ist der Artikel online nicht abrufbar. Deshalb kann ich ihn nicht verlinken.
Anmerkung 2: So sieht ein Newsroomcafé aus.
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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