Kultur

Freitag-Salon | 21.03.2010 17:00 | Anna-Lena Krampe

Kunst als Kondom

Ist ein Grundeinkommen für Künstler ein Ausweg? Der Freitag-Salon im Berliner Ballhaus Ost stand unter dem Motto „Geld oder Leben: Wer zahlt für die Kulturarbeit von morgen?“

"Ich muss auch gleich wieder los, richtiges Geld verdienen. Hier kann ich gar nicht lange bleiben." Hektisches Sortieren einiger Zettel, nervöses Rutschen auf dem roten Ledersessel. "Vorher brauche ich noch ein Lifting und eine Hochsteckfrisur, ich seh grad nämlich echt scheiße aus, das geht so nicht, wenn man Geld verdienen will. Helft mir doch mal!"

Als Rahel Savoldelli die Diskussionsrunde des 6. Freitag-Salon im Ballhaus Ost in Berlin betritt, ist sie auch schon fast wieder weg. Schnelle Zeilen an das Publikum, während sie sich schminken lässt, jemand zupft an ihren Haaren, taucht sie in eine Wolke von Parfum, ein Helfer hält ihr das Konzept ihres Vortrags vor die Nase, Savoldelli muss nur noch ablesen. Eilig beschreibt sie die Kulturszene in Deutschland aus Sicht einer Künstlerin und kommt zur immer wieder auftauchenden Frage: Wer bezahlt eigentlich für die Kunst, wenn das Geld fehlt?

Im Moment unterstützt der Bund durch den Hauptstadtkulturfond ausgewählte Künstler bei ihren Projekten. Dafür ist ein Antrag erforderlich, viele davon werden jährlich abgelehnt, die Projekte müssen sich selbst finanzieren oder verlaufen im Sande. Und schon prasseln weitere Fragen auf das Publikum ein: "Was sind die Auswahlkriterien für eine Förderung, wer bestimmt, was Kunst ist und kann der Wert eines kulturellen Ereignisses überhaupt bestimmt werden?"

Die Wurzeln des Finanzierungsproblems

Diesen Fragen widmeten sich am Samstagabend neben der Künstlerin, die dann nach ihrer Performance doch noch ein bisschen Zeit hatte und blieb, auch Adrienne Goehler, ehemalige Senatorin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Berlin und Philip Grassmann, Chefredakteur des Freitag.

Auch Goehler kritisierte die von Savoldelli beschriebene Situation der Berliner Kunstförderung: "Wir produzieren eigentlich Auftragskünstler und fördern nicht wirklich Kunst". Die Geförderten treten in ein Abhängigkeitsverhältnis zum Geld und der staatlichen Förderung und verlieren ihre Freiheit für die Kunst. "Leistungsdruck und Individualität können nicht miteinander harmonieren", fasste Grassmann zusammen. Savoldelli formuliere das Problem da schon ein wenig alltagsnäher: "Kunst muss sein wie Voltaren bei Zerrungen, wie das Kondom beim Sex! Unverzichtbar."

Doch die Wurzeln des Finanzierungsproblems reichen tiefer. Laut Goehler müssen die meisten Kulturschaffenden ohne die zusätzliche Förderung ihrer Projekte unter dem Existenzminimum leben. Ein Zustand, da waren sich die Diskutanten einig, der nicht weiter gehalten werden kann. "Die größte Gegenspielerin der Kreativität ist die Existenzangst", charakterisierte Goehler das Dilemma.

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Grundeinkommen für Künstler

Eine Lösung könnte, so stellte die Runde heraus, ein bedingungsloses Grundeinkommen für Künstler sein. Wenn somit zunächst die Existenz jedes Einzelnen gesichert sei, bliebe wieder mehr Freiraum für die Individualität und eine Kunst "für die Gemeinschaft". Ein Vorschlag, der zunächst für breite Zustimmung im Publikum sorgte, dann jedoch schnell weitere Fragen aufkommen ließ. Wie reagiert ein Mensch, dessen Existenz gesichert ist? Macht er aus Leidenschaft an der Kunst weiter wie bisher und freut sich über den Zugewinn an Lebensqualität oder ruht er sich auf seinem gesponserten Leben aus, bleibt die Kunst dabei auf der Strecke?

Sollte es wirklich ein bedingungsloses Grundeinkommen geben, käme es vor allem darauf an, "dass die Kunst dieses Projekt zu ihrem eigenen macht und die Künstler sich fragen: Was können wir für uns selber tun?", appellierte Goehler an die Interessen der Kulturschaffenden. Dabei könne ein bedingungsloses Grundeinkommen aber auch kein Allheilmittel sein, es helfe lediglich eine Basis zu schaffen, auf der jeder Künstler für sich aufbauen müsse. Ein Gedanke, der im Publikum weitere Fragen aufkommen ließ. Kann ein Grundeinkommen, das ohne Bedingungen gewährt wird, Forderungen an den Geförderten stellen? Hat der Künstler die Pflicht, sich mit seiner neu gewonnenen Freiheit weiterhin der Kunst zu verschreiben?

Zwingen kann man im Rahmen eines bedingungslosen Grundeinkommens wohl niemanden, weshalb Publikumsappelle an die Moral zunächst den Schlusspunkt des 6. Freitag-Salons in Berlin bildeten. Nach ihrer Hauruck-Schminkaktion zu Beginn verließ Savoldelli das Podium mit zerzausten Haaren und verschmiertem Lippenstift. Die Hilfe der anderen hat sie nicht schöner gemacht, verändert aber allemal.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
dame.von.welt schrieb am 21.03.2010 um 19:05
Nicht erwähnt und berücksichtigt wird mal wieder die angewandte Kunst, von der, ganz ähnlich wie bei der bildenden oder darstellenden, kaum jemand leben kann. Als Ausgleich gibt's hier aber gleich gar keine Förderungen, wie z.B. den Hauptstadtkulturfond für darstellende und bildende Kunst - 'kommerziell realisierbare' Vorhaben sind explizit ausgeschlossen. Die angewandte Kunst ist voll und ganz dem Markt unterworfen, auf dem ja Geiz bekanntlich geil ist und die Produkte zunehmend aus Billiglohnländern kommen.

Für Kunst ist derzeit - ich trau's mich kaum schreiben - HartzIV fast ein Segen. Sich seinen Arbeitsplatz selbst zu schaffen und mit HartzIV aufzustocken - wären da nicht die inkompetenten Sachbearbeiter im Amt, die struktuelle Probleme mit Selbstständigen haben, z.B. mit nicht regelmäßigen Geldeingängen oder mit Abwesenheiten wegen Geschäftsreisen, obwohl sie niemanden nirgendwohin vermitteln könnten.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen wäre ein Segen für Künstler und die moralischen Appelle kann man sich auch getrost sparen - mir ist kaum eine Berufsgruppe bekannt, in der vergleichbar selbstdiszipliniert und fleißig, mit so viel Liebe und Herzblut gearbeitet würde - da kann der Rest der Republik noch was lernen - offensichtlich existieren aber in den Köpfen eher die Ameisenvorstellungen von Grillen.
ChristianBerlin schrieb am 21.03.2010 um 23:44
@dame.von.welt

Warum weiß ich nicht, aber wir scheinen dieselben Probleme mit dieser Diskussion zu haben.

[Zitat]Nicht erwähnt und berücksichtigt wird mal wieder die angewandte Kunst[/Zitatende]

Nicht in erwähnt wird diese Dimension in diesem Bericht, wohl aber auf der Veranstaltung, und zwar in meiner dort geäußerten Kritik am Kunstbegriff, der der Diskussion zugrundelag. Das wollte Frau Goehler aber nicht hören - was auch daran gelegen haben könnte, dass ich Konsequenzen daraus zog, die ihrem politischen Denken fremd sind.

Meine zweite (ebenfalls unerhörte) Kritik war die am Einkommensbegriff. Da ging ich mit Deinem Argument gegen HartzIV als nicht hilfreiches Pseudo-Grundeinkommen konform, weil es leistungsfeindlich ist und nicht nur Sachbearbeiter Probleme mit Reisen oder Geldeingängen haben, sondern auch von Rechts wegen erstattete Fahrtspesen seit Ende 2007 überwiegend als Einkommen gelten und abgeliefert werden müssen. Ein Künstler macht also durch seine Kunst Minus, je mehr er tut, um so weniger hat er - jedenfalls seit der neuen ALG II VO, die "Einkommen" im Sozialrecht wieder anders (ungünstiger) definiert als das Steuerrecht.
dame.von.welt schrieb am 22.03.2010 um 14:55
Die angewandte Kunst wird nicht nur von Adrienne Göhler, sondern schon ganz flächendeckend ignoriert, z.B. auch vom Feuilleton und zwar allerorten - man schreibt lieber den 10ten Artikel zu 'Habemus iPad'. Als z.B. über die diversen Staatspreise und die dahinter befindlichen sehr interessanten Persönlichkeiten. Die können zwar in internationalen Museen vertreten und vielfach ausgezeichnet sein, müssen sich selbst aber zum Design verorten, um überhaupt in der deutschen Presse Erwähnung zu finden.

Dieser enge Kunstbegriff ist übrigens einer aus dem Westen - im Osten vor der Wende hatte man damit weit weniger Probleme, bildete gar freie und angewandte Künstler im gleichen Grundstudium und stellte sie in den gleichen Ausstellungen miteinander aus. Begriff auch offenbar besser, daß, sofern ernstlich gearbeitet wird, der Prozess des Schaffens bei angewandter wie freier Kunst sehr ähnlich verläuft.

HartzIV halte ich gegenüber dem vorherigen Modell, der Sozialhilfe, aber in jedem Fall für einen Fortschritt, da Sachbearbeiter oft der Argumentation folgen, daß sich jemand selbst seinen Arbeitsplatz geschaffen hat, dessen Verdienst aufgestockt wird, während bei der Sozialhilfe die Auffassung vorherschend war, ALLES tun zu müssen, um keine Sozialhilfe mehr zu benötigen, also jeden noch so niedrig qualifizierenden Job annehmen zu müssen.

Gekniffen sind Künstler aber auch mit der jetzigen Höhe des Umsatzes von 17.500€, dessen Überschreitung sie vom Kleinunternehmen zu umsatzsteuerpflichtigen Unternehmern macht. Es gelingt kaum jemandem, mit einer Preiserhöhung von 19% den Sprung von 17.500€ zu den wirtschaftlich notwendigen mindestens 25.000€ zu machen. Auf der anderen Seite droht von Seiten des Finanzamts aber stets die Existenzfrage, die nach sich zieht, gar keine beruflichen Kosten mehr geltend machen zu können, da die Arbeit zum Hobby erklärt wurde.
ChristianBerlin schrieb am 22.03.2010 um 15:35
Nachdem der freitag bzw. JJK jetzt den Tonmitschnitt des Salons online gestellt hat, will ich doch noch mal meinen Einspruch zum Kunstbegriff, der darauf zu hören ist erläutern. Wenn schon Frau Goehler das nicht hören will (oder vielleicht auch nur nicht begriffen hat?), hab ich in Dir, dame.von.welt, wenigstens in der Community jemanden gefunden, der damit was anfangen kann.

Ich sagte dort gleich dazu, dass von den oft vergessenen Gebrauchskünstlern, die ebenfalls eine unverwechselbare, individuelle und persönlichkeitsabhängige gestalterische Leistung erbringen, viele richtig gut verdienen und andere an ihnen noch besser verdienen.

Was wäre das Markenschutzrecht wert ohne urheberrecht geschütztes, unverwechselbares Design? Jedes Produkt wäre straflos imitierbar (von technischen Patenten abgesehen), die Regeln am Markt wären nicht mehr einzuhalten.

Was aus meiner Sicht fehlt, ist ein Urheberrecht, das den Künstler, auch den Gebrauchskünstler, mehr schützt und ihm vom Ertrag seiner Leistung als die, die an ihrer Leistung das meiste verdienen. Und damit verbunden sind solidarische Abrechnungssysteme zu fördern, die einen Teil dieses Ertrages an die nichtkommerzielle künstlerische Avantgarde weiterleiten, wie ich dies bei den Musikern einer Freeze-Klausel aus der GEMA-Satzung entnehmen konnte: Die U-Musiker spielten mehr Geld ein, als an sie selbst ausgeschüttet wurde, weil die E-Musiker locker davon miternährt werden konnten, ohne das die U-Musiker deswegen verhungern mussten. Ob das heute noch gilt, habe ich freilich nicht geprüft. Ist auch egal, das Prinzip solcher Verwertungs-Umlagen ist jedenfalls denkbar einfach.
dame.von.welt schrieb am 22.03.2010 um 18:18
Das ist das nächste große Faß - der Schutz der eigenen Arbeit und das Urheberrecht. Was Sie, lieber ChristianBerlin, dazu schreiben, gilt im Grunde nur für Designer, deren Arbeit auf die Herstellung großer Serien durch in der Regel andere Produzenten abzielt.

Wer aber ausdrücklich Unikate entwirft und auch selbst herstellt, hat kaum eine Möglichkeit, die eigene Arbeit vor Kopie zu schützen - hier müßte ja für jede einzelne Arbeit ein Geschmacksmuster beantragt werden. Die bessere Alternative sind hier m.M.n. Veröffentlichungen - beides ist aber ohnehin nur eine moralische Drohgebärde. Die Industrie klaut nämlich, was das Zeug hält - ein schönes Beispiel dafür ist Ikea. Es gibt ja nicht ganz umsonst solche 'Auszeichnungen' wie den Plagiarius, mittlerweile sogar ein ganzes Museum in Solingen, das besonders dreiste Kopien und das Original dazu ausstellt.
www.plagiarius.com/d_index.html

Was die GEMA angeht - ich bin mit jemandem befreundet, der sowohl komponiert, aufführt, inszeniert wie auch Installationen mit u.a. seinen Kompositionen im öffentlichen Raum macht. Der (und ebenfalls alle Künstler, mit denen er arbeitet) ist allein schon deswegen nicht in der GEMA, damit er seine eigenen Kompositionen auch weiterhin im Auftrag installieren kann - andernfalls müßte nämlich der jeweilige Auftraggeber dafür an die GEMA bezahlen, was seine Kostenvoranschläge so verteuern würde, daß sie vollkommen chancenlos wären.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 21.03.2010 um 20:30
Natürlich würde ein bedingungsloses Grundeinkommen die Wertschätzung und den Charakter von Arbeit verändern. Eine Entwicklung, die aber eh schon im Gange ist. Denn wieviele, gerade künstlerische Tätigkeiten, sind im Zuge der Digitalisierung praktisch "demokratisiert" worden? Das kann man mögen oder nicht, aber Fakt ist doch, dass "das Produkt", "die Ware" zunehmend abgelöst wird von einer Art "Nachbarschafts-" oder "Bürgerkultur". Viele machen vieles, durchaus auch unter dem Niveau des "Profis" - und finden dennoch ihr Publikum und ihre Credibility - nur der "Profi" gerät in die Defensive, weil er seine Leistung zunehmend schlechter verkaufen kann.
Nicht nur hier wäre die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens ein lange fälliger Befreiungsschlag. Ich versteh nicht so recht, wieso die Diskussion hier Künstler und andere Bürger trennt. Für die einen wie die anderen wäre ein Grundeinkommen ein Weg, unabhängiger vom Preis- und Honorarverfall zu werden. Und damit auch ein Stückchen Autonomie wiederzugewinnen, die zunehmend vom "Markt" übernommen worden ist. Für die einen wie die anderen würde sich die Frage stellen, was man tut, wenn man nicht mehr arbeiten "muss" - und die einen wie die anderen würden weiter arbeiten.
Was den "Bürger" und den "Künstler" unterscheiden würde? Wenn die Antragsprozeduren ihren Schrecken verlieren und man als Künstler praktisch ungestört und frei produzieren könnte? Wahrscheinlich nicht mehr viel. Denn das Ziel der ganzen Anstrengung ist doch hier wie dort Selbstverwirklichung, Bestätigung und Austausch (von Waren hier, von Dienstleistungen dort, von Ideen woanders).
dame.von.welt schrieb am 22.03.2010 um 14:27
Ihrem Schlußsatz möchte ich teilweise widersprechen - es geht der Mehrzahl der Künstler wohl kaum um 'Selbstverwirklichung', mindestens nicht in der Weise, wie die aquarellmalende, laubsägende, töpfernde 'Nachbarschafts- oder Bürgerkultur' das versteht - sondern darum, möglichst gute Arbeit zu machen.

Dazu ist lebenslanges Lernen und immer besseres Scheitern notwendig, was, sofern die Arbeit sich ausschließlich an ihrer Verkäuflichkeit zu orientieren hat, keinen sich nicht selbst ausbeutenden Raum findet.

Genau hier denke ich auch, daß die Gesellschaft von Künstlern lernen kann - die würden nicht nur ganz sicher weiterarbeiten, sondern das auch weiterhin mit viel Liebe, Demut und Herzblut tun. Gerade bei Künstlern, die sich zwischen x Brotjobs zerfasern, hat ja das 'arbeiten-dürfen', wenn sie sich endlich ihrer eigentlichen Arbeit widmen können, bereits jetzt eine ganz unübersehbare Realität.


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