Seltsames Phänomen: Wer sich jedes Jahr Mitte März ein verlängertes Wochenende lang über die Leipziger Buchmesse treiben lässt, fühlt sich wie bei einem Clubbesuch. Vier Tage wähnt man sich unter Freunden. Vier Tage ist die Bücherwelt in Ordnung. Auf einer Wolke bibliophiler Euphorie treibt man durch den Glaspalast vor den Toren der Stadt. Die den Auftakt zur literarischen Saison imprägniert wie Elefantenhaut. Und derart undurchdringlich ist, dass alle Probleme an ihr zerschellen wie Seifenblasen.
Nehmen wir die Leipziger Erklärung zum Schutz des Geistigen Eigentums. Gemünzt war das zwei Tage vor Messebeginn mit viel Pressegetöse lancierte Pamphlet des Verbandes Deutscher Schriftsteller auf Helene Hegemann und die Folgen. In Wahrheit war es ein verspäteter Versuch der Damen und Herren Günter Grass, Sibylle Lewitscharoff, Christa Wolf und anderen, ihre Hochkultur vor der Flutwelle einer neuen Trivialität zu schützen. In Frankfurt hätte das Papier vermutlich erregte Urheberrechts-Debatten und Lagerkämpfe zwischen Jung und Alt, High and Low provoziert. In Leipzig ertrinkt alles im Fun-Gefühl.
Mit 156.000 Besuchern hat die Messe in diesem Jahr erneut einen Besucherrekord erzielt. Und diese Besucher, von denen rund ein Drittel mehr als zweihundert Kilometer Anreise in Kauf nahmen, interessierten sich mehr für Mangas, gut gefüllte Sammeltaschen und Luftballons als für den literarischen Diskurs. In diesem fröhlichen Rummelplatz, stetig umweht von Bratendüften, ging auch eine Ahnung Verena Auffermanns unter. Bei der Verleihung des Leipziger Buchpreises an Georg Klein hatte die Jury-Vorsitzende den denkwürdigen Satz gesagt, dass „der Name Hegemann „das Codewort für die Angst vor der Zukunft in unserer digitalen Bücherwelt“ sei.
Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Ganz unangebracht ist sie angesichts diverser Entwicklungen im Leseland Deutschland nicht. Nicht, dass es abzubrennen droht. Versteppung wäre vielleicht das angemessenere Wort. Wenn in Zukunft immer mehr der Handel darüber entscheidet, was auf den Markt kommt und nicht mehr die Verlage, wird es eng für die Qualitätsliteratur, die die Buchhandlungen füllen, die wir lieben und von die denen verlegt wird, für die die Messe ein Sinnbild ist. Die Einkäufer der großen Buchhandelsketten haben inzwischen mehr Einfluß auf das literarische Profil der Republik als die Programmleiter in den Verlagen.
Chance auf der Messe
Dagegen kann auch ein Kurt-Wolff-Preis kaum etwas ausrichten, der auf der Messe in jedem Jahr das Engagement der Kleinverlage würdigt. Kulturstaatsminister Bernd Neumann sprach in Leipzig bei der Verleihung zwar zu Recht davon, dass die kleinen Verlage auf dieser Messe „ihre Chance haben“. Leider eben hauptsächlich auf der Messe. Und nicht draußen im Lande, in den Buchhandlungen.
Außerdem: Wenn jetzt schon Ketten wie Thalia und Douglas selbst E-Books produzieren wollen, weil sie finden, dass die Verlage damit zu zögerlich seien, kann man sich ungefähr vorstellen, wie die digitale Stapelware der Zukunft aussehen wird. Das Wort von Börsenvereins-Vorsteher Gottfried Honnefelder, dass das Buch um so besser dastehe, je stärker der digitale Markt werde, klingt angesichts dieser Entwicklung seltsam allgemein. Als ob es egal wäre, was für Bücher verlegt werden. Hauptsache, es geht weiter!
Dennoch steht nicht zu befürchten, dass die Welt des guten alten Buches so untergeht wie Egon Ammanns legendärer Verlag, für den Leipzig die letzte Saison bedeutete. Und dessen Anhänger sich in dem mausoleumsähnlichen Schloss der Sächsischen Akademie der Künste zum melancholisch umflorten Begängnis trafen. Das gefürchtete E-Book lässt auch noch auf sich warten. Und wenn die Leipziger Buchmesse eines demonstriert, dann, dass es einen Grundstock an Enthusiasmus für einen unverzichtbaren Rohstoff gibt. Und dass man nicht immer ein Eishockeystadion oder einen Rheindampfer füllen muss, um Literatur an den Mann zu bringen. So, wie es bei der Lit.Cologne, der großen Rivalin des literarischen Volksfestes „Leipzig liest“ üblich ist.
Bis nach Mitternacht sitzen die Literaturliebhaber in Leipzig in kleinen und kleinsten Buchhandlungen und lauschen geduldig: wichtigen ebenso wie entlegenen Themen. Ob es nun um Martin Walsers Lebens-, Günter Grass' Stasigeschichte oder um die spannende Frage geht, wie die Debütanten der Prosawerkstatt Leipzig die Schreib-Aufgabe „Fünf Arten, ein Hotel zu betreten“ bewältigen. Zumindest so lange, wie es diese Form ungeteilter Aufmerksamkeit für das Buch gibt, kann es einem doch egal sein, ob es auf Papier daher kommt oder als frei flottierender Datensatz.
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Die Verena Auffermann hat schon recht, denke ich. Und den Fun-Shop Leipzig kenne ich auch aus einigen Besuchen. "Vier Tage ist die Bücherwelt in Ordnung." Der Anklang an Sumerset Maugham weist auf das fröhliche Chaos: hier vor dem Untergang. - Danke fürs Berichten.
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fröhlich ist das chaos schon, lieber rainer kühn. aber eben auch chaotisch. vier tage reichen dann echt. und der untergang lässt hoffentlich noch auf sich warten. bis zur näxten messe!
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Moin Ingo,
sehr schön, dass unsere Standschreibmaschine (Halle 2, Stand G209) den Weg bis zu Dir geschafft hat. ;-) Ich mache mir viele Gedanken über E-Books und kleine Verlage. Mein junges Unternehmen (http//:www.vive-verlag.de) schlägt sich schon seit drei Jahren durch. Wir sind ausgezogen um Lebendiges aus dem Zeitgeist zu extrahieren. Gegenwartsliteratur, teilweise von unten. Damit haben wir es selten leicht im Handel. Unsere Kategorien (Gesellschaftsliteratur, Geschichten die das Leben schreibt) wollen nicht so recht in die vordefinierten Regalwände der Buchhandlungen passen. Zum E-Book: Ich meine, das E-Book kann das klassische Buch nicht ersetzen. Ich denke da an 2 Gig House-Music gratis aus dem Netz gezogen vs. einer gewachsenen Platten/CD-Sammlung, wo mensch sich gerne vor setzt und stöbert. Erinnerungen vorbei schweben lässt und altes neu entdeckt. Ebenso verhält es sich mit Büchern. Mein Bücherregal "spricht" täglich zu mir. Ich lebe mit den Inhalten und sie erweitern sich in mir, reifen in mir. Nicht so meine vier externen Festplatten mit allerhand Gedöns, wo ich mich immer mühsam, mit gereiztem Auge, durch die nie wirklich gute Ordnerstruktur kämpfe. Vielleicht bin ich altmodisch? Grüße Daniel |
Ausgabe 06/12
09.02.2012
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