Kultur

Crime Watch N° 157 | 05.04.2010 09:45 | Thomas Wörtche

Schulden beim Kredithai

Der Umschlag ist noch das Erfreulichste an Roman "Keine Bewegung!". Thomas Wörtche wundert sich, warum Denis Johnsons in den USA als Literat gefeiert wird

Denis Johnson ist in den USA und zunehmend auch bei uns ein gefeierter Literat. Für seine Prosa und Reportagen hagelt es Superlative. Für Jonathan Franzen, so wird zitiert, hat Johnson sogar beinahe etwas Divinatorisches: „Der Gott, an den ich glaube, hat eine Stimme und einen Humor wie Denis Johnson“. Man könnte fast versucht sein, dieses Bonmot als ironischen Reflex darauf zu beziehen, dass Johnson bekennender Christ sei.

Liest man den schmalen kleinen Roman Keine Bewegung, ist kaum nachzuvollziehen, wie es zu solchen Hymnen und Lobpreisungen gekommen sein mag. Entstanden ist der Text als Fortsetzungsgeschichte für den Playboy und natürlich liegt es nahe, bei einem solchen Projekt ein wenig Scherz und Ironie, gar ohne tiefere Bedeutung zu treiben.

Das sehr gelungene, nostalgische Comic-Cover, das der Verlag der deutschen Ausgabe spendiert hat, lässt auf das Schönste hoffen. Aber, um es gleich zu sagen: Der Umschlag ist das bei weitem Erfreulichste an dem ganzen Buch.

Den „grandiosen Genre-Scherz“, den die Buchwerbung und der Klappentext versprechen, die „knallige Pop-Art“, die der New Yorker gefunden hat und für ein „ungemein eingängiges Vergnügen“ hält, sucht man im Text leider vergebens.

Johnson erzählt eine dürre Story, die er anscheinend für typisch „noir“ hält. Ein Spieler namens Jimmy Luntz zahlt seine Schulden beim Kredithai nicht und verletzt auch noch dessen psychopathischen Eintreiber. Er flieht und trifft auf seinem Trip die betrügerische, wenngleich schöne Anita Desilvera, die gerade hinter 2,3 Millionen Dollar her ist, die sich ein paar miese, fiese Kleinstadpotentaten unter den Nagel gerissen haben. Am Ende hat niemand das Geld, manche sind tot, andere nicht.

In der Tat eine Standardsituation für unzählige kleine Thriller, irgendwo zwischen Roadmovie und roman noir. Erhältlich in allen möglichen schriftstellerischen Qualitätsstufen, spätestens seit den vierziger Jahren. Ein Großmeister wie der amerikanische Autor Elmore Leonard hätte natürlich auch aus einer solch’ dünnen Geschichte möglicherweise etwas machen können, und dass Johnson mit seinem Text in Richtung Leonard zielt, scheint evident.

So lässt Johnson zum Beispiel den psychopathischen Eintreiber Gambol, dessen grimmigste Drohgebärde darin besteht, die Hoden seiner Opfer verspeisen zu wollen, besonders dann irgendwelche Banalitäten vor sich hin plappern, während er sich für irgendwelche Grausamkeiten zurüstet.

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Quentin Tarantino hat dieses typisch Leonard’sche Verfahren für seine Filme weidlich adaptiert – ob Johnson hier nun wirklich Leonard zitiert oder ob er auf Tarantino anspielt, ob er ein Pastiche im Sinne hat oder nur eine Hommage auf wen auch immer – witzig oder komisch ist das alles bei ihm nicht. Weder witzig noch komisch ist auch die weibliche Hauptfigur, Anita. Zwar schläft sie hin und wieder mit Luntz, manchmal aber auch wieder nicht; sie lockt ihn weder in den Untergang noch legt sie ihn aufs Kreuz. Sie ist meistens betrunken, dann von ihm schwanger und am Ende ist sie weg, aber ein starker Abgang ist das nicht. Keine Femme fatale, kein Biest, keine irgendwie interessante Figur und noch nicht einmal ein wiedererkennbares Klischee.

Dito der Oberfiesling Juarez, der – hahaha – gar kein Latino ist, sondern Araber oder so. Auch er ist nur mäßig fies, teilt mit Schläger Gambol die Vorliebe für Menschenhoden und scheidet, ohne irgendwelche Konturen gewonnen zu haben, final wieder aus der Handlung aus. Auch hier: Keine Figur, kein Klischee, über das man spotten könnte, nur ein Platzhalter für die Funktion „Schurke“.

Man könnte das ganze Büchlein auseinander bauen, man käme zu keinem anderen Ergebnis.

Um was für eine Sorte Text es sich hier letztlich handelt, bleibt unerheblich. Keine Parodie, weil nicht komisch; kein Pastiche, weil kein Autor, der als Vorlage in Frage käme, je so unterkomplex geschrieben hat; keine Satire, denn was könnte satirisch verarbeitet sein?

Also doch wieder der inzwischen anscheinend unvermeidlich gewordene Ausflug eines Mainstream-Autors in das, was er für Genre hält.

Vielleicht wirklich ein Scherz, aber dann ein ziemlich schlechter.

 
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Kommentare
gweberbv schrieb am 05.04.2010 um 13:45
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