Kultur

Kino | 21.04.2010 13:04 | Gerhard Midding

Mit Spatzen auf Kanonen

Der Filmemacher Philip Scheffner zieht eine Parallele zwischen Ornithologie und schleichende Militarisierung mit seinem dokumentarischen Film-Essay

Eine Untugend der meisten Dokumentarfilme ist es, Worten mehr als Bildern zu vertrauen. Sie sind bevölkert von talking heads. Auch in Der Tag des Spatzen kommen ausführlich Experten und Zeitzeugen zu Wort, sie sind aber nie beim Sprechen zu sehen. Das ist nicht nur dem Umstand geschuldet, dass es in diesem Essayfilm wesentlich um Haussperlinge geht. Wie in seinem vorangegangenen Film The Halfmoon files trachtet Philip Scheffner vielmehr danach, dem Unsichtbaren dokumentarische Evidenz zu verleihen.

Ausgangspunkt ist eine Zeitungsmeldung aus dem November 2005. In einem Fernsehstudio in Leeuwaarden wurde der Versuch, beim Domino Day einen neuen Rekord aufzustellen, fast von einem Spatzen vereitelt, der in die Halle gelangt war. Die Produktionsfirma ließ den Störenfried erschießen. Diese Anekdote vereinigt in sich schon hinreichend kuriose und irritierende Aspekte. Die Meldung löste Proteste weltweit aus, der Schütze erhielt Hassmails, das Naturkundemuseum, das den Vogel präparieren wollte, musste feststellen, dass sein Leichnam im Gewahrsam einer Abteilung des Justizministeriums war, die mit Bestechung, Umweltverbrechen und Terrorismus befasst ist.

Mangel an Schadenfreude

Ein frivolerer Filmemacher hätte hier das Potenzial für eine Satire auf bürokratische Unverhältnismäßigkeit gewittert, aber anders als Michael Moore empfindet Scheffner keine Schadenfreude. Bedeutsam wird für ihn das Ereignis im Zusammenhang mit einer Meldung, die er auf der gleichen Zeitungsseite fand: Sie berichtete vom Tod eines Bundeswehrsoldaten in Afghanistan. Während es zunächst den Anschein hat, sein Film wolle die Beziehung des Menschen zur Natur auf dem Bereich der Ethik untersuchen, bringt er sich nun neu und dauerhaft in Stellung, in dem er Ornithologie und Friedensforschung parallel führt. Er nimmt, mit luzider Paranoia, die schleichende Militarisierung der Bundesrepublik ins Visier und folgt dabei der Parole vieler Science-Fiction-Filme aus dem Kalten Krieg: „Keep watching the skies!“

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Seine Assoziationen und Gedankenspiele muten waghalsig an. Die Zusammenhänge, die er herstellt, sind zunächst jedoch zeitliche und räumliche. Wenige Wochen, nachdem 2001 der Haussperling vom Naturschutzbund zur bedrohten Tierart und zum Vogel des Folgejahres erklärt wurde, entsandte der Bundestag die ersten Soldaten an den Hindukusch. Die Militärbasen, die Scheffner aufsucht, liegen staunenswert häufig in der Nähe von Naturschutzgebieten; darunter die Kaserne, von der aus sämtliche Auslandseinsätze der Bundeswehr geführt werden. „Dort wird Frieden produziert“, sagt ein Anwohner, um sich gleich darauf zu korrigieren: „Dort wird Sicherheit produziert, oder versucht zu produzieren.“ Dieses Muster kündigt sich schon in Leeuwaarden an, das Standort eines NATO-Flugplatzes ist.

Der Film gibt nicht vor, Indizien zu präsentieren, sondern legt Spuren aus. Seine Bilder werden gedanklich aufgeladen, aber sie schreiben nichts fest. Die Kamera vertraut auf die Geduld und Aufmerksamkeit des Vogelkundlers. Ihr statischer, neutraler Blick entdeckt zusehends in den Landschaften eine Doppeldeutigkeit. Sie werden als Terrain der Strategie kenntlich. Ihre Schönheit wird militärisch dienstbar gemacht: Der Flusslauf der Mosel eignet sich, um Landemanöver in Afghanistan zu erproben (bei denen Vogelpopulationen naturgemäß Störenfriede sind). Die beschaulichen, arglosen Landschaften Deutschlands entpuppen sich als bedrohlich versehrte Idyllen. In ihnen herrscht Unfrieden. Gerhard Midding

 
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