Kultur

Ausstellung | 07.06.2010 11:57 | Ingo Arend

Jagd auf etwas Unsichtbares

Ein anderer Blick auf die Welt: Die Ausstellung „Friedensschauplätze“ in der Berliner NGBK zeigt Kunstorte, für die sich Nachrichten nicht interessieren

„Haltet Frieden. Beendet Den Krieg, Macht Frieden. Peace Wanted Alive.“ Als der blutige Machtkampf zweier rivalisierender Führer im kenianischen Wahlkreis Lang’ata zu eskalieren drohte, griff Solo7 zur Selbsthilfe. Der afrikanische Künstler, der mit bürgerlichem Namen Solomon Muyundo heißt, wollte nicht länger zusehen, wie in der Gegend im Südwesten Nairobis von den Anhängern der beiden Politiker gebrandschatzt wurde. Und pinselte, als ihre Anhänger sich zur Entscheidungsschlacht rüsteten, seine Losungen an alle Hauswände. Normalerweise hätte das sicher keinen Warlord zum Einlenken bewegt. Doch kaum hatte das Fernsehen über die Aktion berichtet, ließen die Protestierenden ihre Waffen fallen.

Die Geschichte ist fast zu schön, um wahr zu sein. Aber die segensreiche Aktion hat tatsächlich stattgefunden. Und wenn es die Ausstellung Friedensschauplätze nicht gäbe, hätten wir vielleicht nie davon erfahren. Dort kann man Fotografien von Solo7s Intervention bestaunen. Es ist also etwas dran an den „asymmetrischen Sichtbarkeitsverhältnissen“, die die Macher der engagierten, kleinen Schau beklagen. Kriegsschauplätze sind das tägliche Brot der Nachrichtenkanäle, Friedensschauplätze sieht man selten. Was freilich nicht allein den Herren der globalen Bilderströme geschuldet ist, sondern dem Dilemma des „positiven Friedens“. Denn der „gesamtgesellschaftliche Zustand, bei dem abnehmende Gewalt und zunehmende Gerechtigkeit verbunden werden“ ist nicht nur deshalb schwer ins Bild zu überführen, weil er ein Prozess, sondern auch äußerst rar ist. So hat der norwegische Friedensforscher Johan Galtung einmal das Unvorstellbare definiert.

Beim Thema Kunst und Frieden verschwimmen zumeist die Grenzen zum Aktivismus. Wie man an der Postkarte sehen kann, die das Netzwerk Friedenssteuer verteilt. In Form einer amtlichen Bekanntmachung der Bundesregierung wird darauf für eine gesetzliche Regelung geworben, nach der niemand gegen sein Gewissen gezwungen werden darf, durch Steuern das Militär zu finanzieren.

Zumindest beweisen die in Berlin versammelten Beispiele friedensästhetischer Anstrengung, dass sich mit künstlerischen Mitteln Unsichtbares sichtbar machen lässt. Die Solidarity Maps etwa, auf denen das Samidoun Media Team die israelischen Angriffe auf den Libanon 2006 kartiert hat, machen aus dem Herrschaftsinstrument „Landkarte“ eines der visuellen Gegenaufklärung. Trotzdem bleiben solche Karten genauso auf den Krieg fixiert wie der Comic-Strip, mit dem die Künstler Jan Caspers, Anne König, Jan Wenzel und Vera Tollmann die verdeckte militärische Nutzung des Leipziger Flughafens durch die US-Armee offenlegten.

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Die Vorahnung jenes alternativen Zustandes, in dem nach Goethe Löwen zu Lämmern werden, ist noch am ehesten Victor Gama geglückt. Die Munitionsbox, die der Elektroingenieur und Musiker bei Cuito Cuanavale, einem von Kriegsresten übersäten Schlachtfeld im Süden Angolas, aufgesammelt hat, haben Kinder in einem Workshop in ein skulpturähnliches Musikinstrument verwandelt. Das Handwerkszeug des Krieges ist mit minimalem Aufwand zu einem der Kultur geworden. Der Draht, der ungelenk zwischen die Holzstöcke und die Metalldose gespannt ist, zeigt aber auch, wie zerbrechlich es ist.

 
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Kommentare
Fritz Teich schrieb am 07.06.2010 um 12:24
Wobei dann Malen schon ein kriegerischer Akt ist. Mir haben die Englaenderinnen mit Hammer am Besten gefallen.


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