Kultur

Protestkultur | 01.06.2010 15:55 | Florian Schmid

Um die Universität kämpfen!

Gekämpft wird schon lange, aber was wollen die Studenten überhaupt erreichen? Eine Buchreihe umreißt die Vielfalt der Probleme

Als Studenten im Oktober 2009 das Audimax der Wiener Universität besetzen, war noch nicht abzusehen, dass innerhalb weniger Wochen Hörsäle in mehr als 100 europäischen Universitäten von Barcelona über Hamburg bis Belgrad folgen würden. Anlass der Proteste waren der Bologna-Prozess und seine Folgen: Verschulung, Anwesenheitskontrollen, ein zweigeteiltes System mit Bachelor und Master und natürlich Studiengebühren. Das Schlagwort von der „Ökonomisierung der Bildung“ machte die Runde. Schließlich wurden die Universitätsbesetzungen zum Teil brachial von der Polizei beendet, wie in Frankfurt und Düsseldorf. Hatten die Politiker anfangs noch mit den Studierenden gekuschelt, traten plötzlich klare Fronten zutage.

Aber was wollten die ­Studenten denn genau? Wirklich etwas ganz anderes als die Politiker und Hochschulpräsidenten, die im Vergleich zu früher recht flink zum Hörer griffen und die Polizei riefen, um besetzte Hörsäle räumen zu lassen? Wollten die Studenten die Reform rückgängig machen? Oder die Reform reformieren?

Das jetzt im Diaphanes-Verlag erschienene Buch Unbedingte Universitäten – was passiert? bietet einen differenzierten Einblick in die Forderungen der Studierenden, sowie in die Probleme an den Hochschulen und die daraus resultierenden Diskussionen. Es ist Teil einer Reihe zum Thema Universität und stellt als erster von vier Bänden Texte zur aktuellen Situation vor.

Wie im selbstverwalteten Seminar

Im Stil eines Readers zu einem selbstverwalteten Seminar agieren zwölf Studenten aus München als Herausgeber. In eigenen kurzen Texten stellen sie ihre Erfahrungen und Ideen zum Streik vor. Es geht um Definitionen des Bildungsbegriffs, um das Selbstverständnis von intellektueller Arbeit und um Erfahrungen, wie etwa die eigene Politisierung durch den Streik oder eine Hörsaalbesetzung. „Natürlich ist die Besetzung eines Hörsaals (…) eine Extremsituation für uns, (…) in den Hörsälen zu übernachten, zu diskutieren bis in die frühen Morgenstunden, um zu einer Position zu kommen und dabei gleichzeitig die notwendige Versorgung mit Nahrungsmitteln und allen anderen benötigten Gegenständen zu organisieren“, schreibt einer der Herausgeber. Am Ende glich die Besetzung in München einer Belagerung, als das besetzte Gebäude abgesperrt wurde und Lebensmittel an Sicherheitskräften vorbei über ein Seil ins Innere gehievt wurden.

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Abgesehen von derlei praktischer Erfahrung finden sich zahlreiche Verweise auf Texte von Roland Barthes bis Jacques Derrida. Von letzterem ist auch der Titel des Bandes entlehnt. 1998 forderte Derrida in einem Vortrag in Stanford mit dem Titel Die unbedingte Universität für die Hochschule ein „bedingungsloses Recht zu hinterfragen“ sowie „Widerstand gegen jede Form von ökonomischer, politischer, rechtlicher oder ethischer Beschränkung“. Für Derrida ist diese „Unbedingtheit“ die Grundlage für jegliche Veränderungsmöglichkeit in der Universität: im Sinne einer Rückkehr zum Humboldtschen Aufklärungsgedanken, in dessen Zentrum ein radikaler Wahrheitsbegriff steht. Um eine simple Restrukturierung der Hochschulen geht es dabei nicht ausschließlich. Vielmehr entwickelt Derrida von der Universität ausgehend eine darüber hinausgehende Idee des kritischen Widerstandes, wobei die Hochschule der zentrale Ort dieser Operation ist. Die Universität befindet sich so in Opposition „zu ökonomischen (…) medialen, ideologischen, ­religiösen und kulturellen Mächten“. Gleichzeitig fordert er ein neues interdisziplinäres Verständnis der Geisteswissen­schaften beziehungsweise der „Humanities“. Auch wenn der Studentenstreik 2009/2010 und die damit verbundenen Forderungen weitaus praktischer angelegt waren als Derridas philosophischer Diskurs, wird klar: der jüngste Bildungsprotest war lediglich der Kulminationspunkt einer Entwicklung, die schon viel früher begonnen hat.

Neben Forderungskatalogen und manifestartigen Texten unterschiedlicher Streikkomitees von Wien bis Berkley, versammelt der Reader auch Beiträge von Universitätsmitarbeitern. Der Mittelbau ist dabei genauso vertreten wie die Theoriegrößen von Simon Critchley über Judith Butler bis hin zu Alex Demirovic. Unbedingte Universitäten – was ist passiert? wird so zu einem vielstimmigen Panorama, das auch formal die Fülle an Diskussionen und Auseinandersetzungen der streitbaren Geister abbildet. „Was soll Universität, was fordern Sie von und für die Universität heute? Was soll, Ihrer Ansicht nach, die Universität tun und was für sie getan werden?“, ist die einleitende Frage des Buches, die den Dozenten von ihren Studenten gestellt wird. Deren Antworten sind recht unterschiedlich, aber stets zeigen sie sich solidarisch mit den Forderungen der Streikenden.

Beachtlicher Spagat

Durch die Bank wird der Bologna-Prozess von allen Autoren als gescheitert betrachtet. Dies wird immer wieder damit belegt, dass die angestrebte Mobilität der Studenten durch einen europäischen Universitätsstandard nicht erreicht wurde. Etwas diffiziler wird es aber bei der Bewertung, was die Universität leisten kann und was sie eigentlich sein soll. Von der eher marxistischen Analyse zweier Autoren aus Frankfurt – interessanterweise das einzige Duo bestehend aus einem Dozenten und einem Studenten – bis hin zu Julian Nida-Rümelins vergleichsweise staatstragender, wenn auch substantiell kritischer Hinterfragung der missglückten Reform, bietet dieses Buch einen beachtlichen Spagat. Der Kommunikationswissenschaftler Christian Hänggi etwa verbrachte eine Nacht in einer besetzten Züricher Fakultät und hielt eine Vorlesung über das Thema Gastfreundschaft. „Wir sind also hier, weil wir es nicht mehr verstehen, lächelnd den Kopf zu senken. Wir wollen nicht mehr nur geformt werden, sondern (…) mitbestimmen, welche Bedingungen bestimmen, dass jemand ins Bildungssystem Einlass findet und was erfüllt sein muss, um darin zu verbleiben.“

Andere Beiträge klingen weitaus nüchterner und fast wie Abgesänge auf die Freiheit der Universitäten. Der in Paris lehrende Philosophieprofessor Plinio Prado ­konstatiert, dass die Reformer den Sieg davontragen. Das gesteht er ihnen zwar nicht in den geführten Diskussionen um die Bedeutung der Bildung zu, wohl aber „im reinen Kräftemessen“, wenn es um den faktischen Umbau des Hochschulsystems geht. Und das obwohl der liberale Kapitalismus, der sich auf die Ökonomie des Wissens gründet, seiner Meinung nach von der Bildung nur profitieren kann, wenn er auch einen Raum zulässt, der sich nicht allein an Effizienz orientiert. Die Reformer schneiden sich also ins eigene Fleisch. Sehr deutlich wird auch Simon Critchley, wenn er die Qualitätssicherungsagenturen in Großbritannien als neue Polizeikräfte bezeichnet. Gemeint sind die fortdauernden Valorisierungen der Universitäten mit dem zentralen Begriff der Exzellenz. „Ein leeres Modewort“, wie er meint, das zu einem dauernden Wettbewerb um Renommee und finanzielle Ausstattung führt. „Die Lehre wird als Deppenjob angesehen“, ist sein ernüchterndes ­Fazit. Und laut Alex Demirovic sind Wissen­­schaftler in immer geringerem Maß wissenschaftlich und stattdessen administrativ tätig.

Immer wieder geht es um die Frage, wie die Liberalisierung auf dem Arbeitsmarkt und im Wirtschaftsleben mit der zunehmenden Disziplinierung eines durch Verschulung restriktiveren Studiums in Einklang zu bringen ist. „So kommt es, dass, während überall die postfordistische De-Regulierung auf dem Vormarsch ist (…), in der Universität ein neofordistisches Disziplinarsystem sozusagen nachträglich installiert werden soll – unter anderem durch den Bologna-Prozess“, schreibt ein Wiener Studentenkollektiv. Verblüffend, dass gerade auch die 68er-Generation jetzt die im Lauf der Jahrzehnte erworbenen Freiheiten wieder abbaut. Die Vorstellung der breit in der Gesellschaft verankerten Dienstleistungsuniversität geht mit der Idee einher, Personen aus bildungsfernen Schichten bräuchten ein strengeres Regiment im Studium. „Der bildungsferne Studierende, den man zu allem zwingen muss, existiert (…) nicht“, so der Wiener Kulturwissenschaftler Robert Pfaller. Er belegt das mit eigenen Erfahrungen aus 17 Jahren universitärer Lehrtätigkeit. Dabei wird heute auf dem Arbeitsmarkt eben jenes selbstverantwortliche Arbeiten abverlangt, das man in den Universitäten jetzt abschafft. So beklagt das Wiener Studentenkollektiv eine Zwangsbohèmisierung, die alle Lebensbereiche der Studierenden erfasst. „Auch nach dem nie kommenden Feierabend wird am Ich-Design weitergefeilt: auf Partys, in Konzerten und Ausstellungen, im Kino oder bei der nie endenden (un-)freiwilligen Vernetzung.“ Mit verschulten Bachelor-Studiengängen dürfte es schwer sein, jene Creative-Class weiter mit Nachwuchs zu versorgen, die sich hierzulande in den letzten Jahrzehnten vor allem aus den ökonomisch als so ineffizient geltenden Geisteswissenschaften rekrutiert hat.

Kaum greifbare Lösungen

Geschuldet ist diese Entwicklung vor allem der engeren Verzahnung von Privatwirtschaft und Hochschulbildung. In mehreren Texten geht es um die Frage, wie die Wirtschaft in die Universität und in ihr Funktionieren gestaltend eingreift. Als „Viagra der Universität“ bezeichnet Simon Critchley privates Kapital, das in Zeiten allgemeiner Sparzwänge eine große Rolle spielt. Von einer neuen und verschärften Trennung der Hochschule von der Gesellschaft durch die Privatisierung des Wissens schreibt Alex Demirovic. Dieser Umbau von der sozialliberalen Gruppen-Universität hin zum Dienstleistungsbetrieb, in dem der Student Kunde ist, wird entwicklungsgeschichtlich sehr übersichtlich von Emanuel Kapfinger und Thomas Sablowski dargestellt. Es geht hier nicht nur um eine Nachjustierung im Bildungsbereich, sondern um den Abschluss eines signifikanten Umbaus im Sinn einer Optimierungsstrategie. Das gilt aber nicht nur für die Studenten, sondern auch für die Lehrenden. Simon Critchley vergleicht die Hochschulen mit Top-Fußballvereinen, die sich gegenseitig die besten Spieler abwerben.

So kämpferisch einige der Texte sind, greifbare Lösungsvorschläge bietet der Band kaum. Denn die Universität neu erfinden zu können, gibt niemand vor. Die Forderungen der Studenten selbst sind ebenfalls recht unterschiedlich. Während Streikkomitees aus Bochum und Berlin die Abschaffung des Bachelor-Systems in seiner jetzigen Form wollen, geht es den Münchner Studenten um eine Verlängerung der Regelstudienzeit. Während Julian Nida-Rümelin die Effizienz einer durch den Bachelor reformierten Universität in Frage stellt, verwahrt sich Simon Critchley gegen die „Kolonisierung der akademischen Lebenswelt durch bürokratische Systeme und bürokratische Kader“. Immer wieder wird die Forderung nach einer „Öffnung“ der Universität erhoben. Ein Beispiel hierfür ist die Frankfurter Akademie der Arbeit, die Kurse für Gewerkschaftsmitglieder anbietet. Auf einer Website von Studenten der Berliner Humboldt-Universität wird die Reihe Unbedingte Universitäten kurz vorgestellt und dazu ermuntert, sie für ein Seminar zu nutzen. Dabei wäre es sinnvoll, wenn diese Reihe auch außerhalb der Universität ihre Leser findet und so das Thema Bildungsprotest das jugendliche Akademikerghetto verlässt. Der erste Band bietet dafür einen hervorragenden Einstieg.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
sputnik-suedstern schrieb am 07.06.2010 um 09:39
Ein Grundaspekt, der mit dem Ökonomisierungsprozess an den Hochschulen verbunden ist, wird in dem Artikel leider nicht erwähnt. Es handelt sich dabei um die "Zeitlichkeit" an den Hochschulen, also sowohl den Faktor Zeit innerhalb der Didaktik (alles MUSS gelernt, geprüft, bewertet werden) und die Begrenzung von Studium und damit den Aufenthalt an den Universitäten selbst. Diese Tatsache mag mit dazu geführt haben, das (vor allem) Studierende heute meist defensiv auf die geschaffenen Bedingungen reagieren, anstatt kreative Lösungen "anzubieten". Dieser Eindruck mag bei vielen Unbeteiligten und Beobachtern von Außen entstehen, zeigt aber welche Schwierigkeiten der Prozess der Proteste überhaupt darstellt, sich innerhalb der eigenen Formalerfüllung auch noch nebenbei mit derlei Absurditäten zu beschäftigen, die eine Verschlechterung der Bedingungen ganz allgemein bedeuten.
Ich habe mich selber über einige Jahre aktiv an den Protesten gegen die Entwicklungen beteiligt und sehe das Ergebnis in der Tatsache, das vor allem Nicht-Studierende innerhalb des Systems der Meinung sind, über ein Besser oder Schlechter, vor allem aber um das "Wie" des Studiums, zu entscheiden. - Und Mitbestimmung ist eine zentrale Forderung bei der Mitgestaltbarkeit der Hochschulen.
klonkifanko schrieb am 08.06.2010 um 09:30
--- "„Die Lehre wird als Deppenjob angesehen“, ist sein ernüchterndes Fazit. Und laut Alex Demirovic sind Wissen schaftler in immer geringerem Maß wissenschaftlich und stattdessen administrativ tätig." ---

Das stimmt für Deutschland und ist ein großes Problem. Was die Lehre betrifft, ist es aber auch ein speziell deutsches Problem. Es sind alteingesessene Professoren selbst, die sich dagegen wehren, ihr Lehrdeputat zu erhöhen oder die vorhandene Lehre evaluieren zu lassen. Abgesehen davon, dass sich natürlich viele Hochschullehrer zu schade sind, sich didaktische Ratschläge geben zu lassen.

In dem Versuch, den eigenen Protest zu internationalisieren, werden leicht nationale Spezifika als solche vergessen. Tragischerweise ist ja nicht einmal für ganz Deutschland die Forderung nach Abschaffung der Studiengebühren einhellig durchzusetzen.
Schackerbilly schrieb am 09.06.2010 um 09:05
Ich stimme klonkifanko zum Teil zu, möchte aber den Blick erweitern. Dass sich viele Professoren in Deutschland gegen eine Erhöhung des Lehrdeputats wehren, ist wahr. Allerdings sollte die Arbeitsbelastung eines durchschnittlichen Lehrstuhlinhabers durch Forschung und administrative Aufgaben nicht unterschätzt werden. Ebenso sollte berücksichtigt werden, wie viele Stunden Arbeit eine seriöse Vorbereitung für eine einzelne Lehrveranstaltung bereitet.

Da in vielen Fächern die Umstellung auf eine W-Besoldung bei Neueinstellungen zudem das Gehaltsniveau massiv gedrückt hat, stellt sich eine simple Frage: Was erwartet man eigentlich noch von Hochschulpersonal? Und wer bleibt unter solchen Umständen eigentlich an der Universität, wenn doch Schullehrern bei weniger Arbeit eine deutlich sicherere Zukunft und eine ebenbürtige bis bessere Bezahlung geboten wird?

Nicht ganz nachvollziehbar ist aus meiner Sicht auch das blinde Vertrauen in immer neue Evaluationsmaßnahmen. So sinnvoll die Beurteilung durch Studierende und Außenstehende ohne Zweifel ist, so fragwürdig ist doch das, was unter dem Stichwort "Qualitätsmanagement" in der Praxis daraus gemacht wird. Schon längst sind Evaluation und Didaktikkonzepte durch Arbeitspsychologen zu einem approbaten Mittel geworden, massiv in die Freiheit der Forschung und Lehre einzugreifen.


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