Kultur

Wendezeit | 30.07.2010 16:20 | Matthias Dell

FKK forever

Was Sie schon alles über diese Ostdeutschen wussten und wie krass schwer es ist, als Westdeutscher das überhaupt erstmal zu checken: Das SZ-Magazin verrät Ihnen alles

Es war nicht alles schlecht in Westdeutschland. Aber man fragt sich doch, wofür Konrad Adenauer sich nach den Nazi-Jahren all um die Westanbindung und damit einen Weltanschluss bemüht hat, wenn selbst unter Helmut Kohl noch Menschen zweisprachige (sic!) Schulen in Bonn besuchen konnten, deren Vorstellungen von lebensweltlicher Pluralität über einen Dorfanger von Piefigkeit nie hinausgekommen sind. Und das obwohl diese Menschen zur Horizonterweiterung tapfer Denver-Clan und Schwarzwaldklinik geschaut haben. Susanne Frömel jedenfalls gesteht im aktuellen Magazin der Süddeutschen Zeitung: "Ich war 20 Jahre alt und blöde, wie nur Zwanzigjährige sein können."
Zum Glück, möchte man meinen, sind diese Zeiten vorbei. Aber leider sind sie das nicht, auch wenn die dieswöchige Themenausgabe besagten SZ-Magazins eine äußerst rührende Mission hat: Gerechtigkeit für diese Ostdeutschen! Im Aufmacher enthüllen Christoph Cadenbach und Bastian Obermayer: "Zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung hat Deutschland ein Diskriminierungsproblem." Dass Cadenbach und Obermayer wissen, wovon sie reden, zeigt nicht nur der selbstkritische Hinweis: "Auch das SZ-Magazin macht da keine Ausnahme, weder in der Textredaktion noch in Grafik oder Bildredaktion sind Ostdeutsche zu finden."
Es zeigt sich vor allem daran, dass das ossilose SZ-Magazin sich "zwanzig nach der Wiedervereinigung" noch immer über diese Ostdeutschen beugt wie Ernst Jünger sich weiland über seine Käfer. Vielleicht ist es in München einfach auch noch nicht möglich, diese Ostdeutschen nicht nur als Ostdeutschen zu begreifen: Manuela Schwesig, SPD-Sozialministerin in einem dieser fünf neuen Länder, muss in der beliebten Fotoreihe "Sagen Sie jetzt nichts" Gesichter zu lauter Fragen ziehen wie "Stimmt es, dass Ostdeutsche freizügiger flirten und mit Sex umgehen?". Da freut man sich naturgemäß auf das bald ins Haus stehendeThemenheft "Westdeutsche", in dem Baden-Württembergs FDP-Justizminister Ulrich Goll dann gefragt wird: "Stimmt es, dass westdeutsche Porschefahrer nur deshalb Porsche fahren, weil sie kleine Penisse haben?"

Quentin Tarantino!
Aber wir wollen nicht nur schimpfen. Denn am SZ-Magazin ist nicht alles schlecht. Zum einen wurde es von der "ostdeutschen" Agentur cyan gestaltet, dient also unbürokratisch der Soforthilfe für die diskriminierte area. Und außerdem kann dieser Ostdeutsche beim Lesen ja auch endlich mal checken, wie es vielleicht doch noch klappt mit dem Ankommen im Westen: Entweder so schick verlottert aussehen wie eine brandenburgische Fabrikantenvilla, dann hält auch ein Fondsmanager und investiert. Oder für coole Leute arbeiten wie der Designer Daniel, der Filme von Menschen mit bekannten Namen ausstattet. Dann fällt es Susanne Frömel auch leichter, ihre Dummheit von einst zu begreifen und ihren "ersten Ossi" lieben zu lernen: "Ich hätte nie gedacht, dass Daniel, der Typ aus dem Jeansanzug, mal mit Quentin Geschäfte machen würde."

 

 
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Artikelaktionen
Kommentare
E H schrieb am 31.07.2010 um 12:12
Bei all der berechtigten Kritik, die hier an dem SZ-Mag.-Titel geäußert wird, unterschlägt der Text mit seiner flapsig-polemischen Geste doch jene Aspekte, die dort völlig zu recht ausgebreitet und angeprangert werden: im Osten ist die Armut größer und verbreiteter als im Westteil, in den wirklichen Entscheider/Machtpositionen in Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Academia usw. findet man Ostdeutsche in so kleiner Zahl, dass man mit der Lupe suchen muss. In Afghanistan hingegen sind sie unter den niederrangigen "Kanonenfutter" weit über alle statistischen Gegebenheiten hinaus stark überrepräsentiert, während sich das Verhältnis in den höheren Diensträngen auf mysteriöse Weise wieder ins Gegenteil verkehrt.
Auf solche Sachverhalte aufmerksam zu machen ist völlig ok, selbst wenn dabei das ein oder andere Klischee bedient und ein Superillu-Mensch interviewt wird.

PS: Ich fand vor allem die Aussagen von Klaus Schroeder toll, dem Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat, und Autor einer "schönen" INSM-Studie über eine angeblich "beispiellose Wohlstandsexplosion" im Ostteil Deutschlands in den vergangenen zwei Jahrzehnten. (www.insm.de/insm/Themen/Soziale-Marktwirtschaft/Einheitsbilanz-Deutschland.html Dort gibt's auch eine PDF-Version des Textes)
Matthias Dell schrieb am 02.08.2010 um 17:51
dass auf sachverhalte berechtigt aufmerksam gemacht wird, ist völlig ok. die kritik bezieht sich lediglich auf die art der darstellung, was vielleicht auch etwas darüber sagt, warum sich an den sachverhalten so schnell nichts ändert.
Ludwig Hasselberg schrieb am 31.07.2010 um 19:46
Ich schreib das nicht gern, aber der Beitrag ist einfach nur überflüssig. Was soll so eine einfach nur launische Behandlung von dramatischen Befunden darstellen? Warum untersucht der Freitag als (ehemals) Ost-West-Zeitung dieses Problem nicht wirklich? Ich habe dazu jedenfalls sehr lange nichts mehr gelesen. Nicht genügend Ressourcen? Oder war der Kehraus sooo gründlich - denn unser Verleger hat sich ja in der Vergangenheit unmissverständlich dazu geäußert, wie sehr ihm eine gefühlte oder tatsächliche Nähe zu Ost-Blättern (ND, JW) und deren aus West-Sicht randständigen Positionen und Interessenschwerpunkten gegen den Strich gehen würde. Vielleicht zeigt sich hier aber auch nur die persönliche Problematik des Autors, vielleicht kann er sich aufgrund einer ungünstigen Psychodynamik dem Thema nicht in der gebotenen Sachlichkeit und Ernsthaftigkeit widmen. Da darf man rätseln. Schade jedenfalls, dass die SZ dem Freitag da so leicht den Rang abläuft.
Matthias Dell schrieb am 02.08.2010 um 17:54
in einer medialen logik mag es hilfreich sein, solch ein problem aufzuwerfen. dass der freitag sich ihm gar nicht widmet, würde ich nicht sagen, und ich glaube auch, dass mit solch einer form der darstellung vielleicht nicht all zu viel zu gewinnen ist.
Ludwig Hasselberg schrieb am 03.08.2010 um 15:09
... ist immerhin ein Standpunkt, auch wenn ich ihn nicht teilen kann.
Magda schrieb am 31.07.2010 um 20:19
"Es zeigt sich vor allem daran, dass das ossilose SZ-Magazin sich "zwanzig nach der Wiedervereinigung" noch immer über diese Ostdeutschen beugt wie Ernst Jünger sich weiland über seine Käfer."

Das ist es. Und wenig Interesse oder gleich - wie hier in einem Blog auch gleich der Vorwurf, der Wehleidigkeit.
Wobei ich allerdings die Zahlen und Fakten zum Problem ganz interessant fand.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 02.08.2010 um 15:28
Ossilos - hartes Los!

"Es war nicht alles schlecht in Westdeutschland."
So ist es.


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