Kultur

DVD | 31.07.2010 08:59 | Stefanie Görtz/Betty Schiel

Prügel für den Herrn Gemahl

Wir waren schon mal weiter: Die DVD „Komikerinnen und Suffragetten 1910 – 1914“ zeigt, wie stark Filmemacherinnen das Kino der frühen Jahre geprägt haben

Seit einigen Jahren kuratiert Mariann Lewinsky für verschiedene Filmfestivals kenntnisreich Stummfilm-Programme aus der frühen Filmgeschichte. Von dieser Filmarchäologin, die Raritäten in den Archiven aufspürt, wurde nun eine DVD über Komikerinnen und Suffragetten der frühen zehner Jahre zusammengestellt. Das Kino jener Zeit bot eine Spielwiese für anarchisch-renitente Komikerinnen mit viel revolutionärem Potential.

Ab 1910 stehen Lea aus Italien, Rosalie und Mistinguett aus Frankreich oder Tilly und Sally aus Großbritannien in ihren erfolgreichen Serien für das überbordende Vergnügen, außer Kontrolle zu sein. Oft werden Ordnungshüter in Person von Gouvernanten oder Schutzmännern zum Narren gehalten. „Lies nicht, sondern arbeite", verkündet der Zwischentitel in Lea e il gomitolo. Lea soll stricken, finden ihre Eltern, bevor sie das Haus verlassen. Dummerweise verliert sie ihr Knäuel, und die Dinge nehmen ihren zerstörerischen Lauf. Allen voran tobt die Französin Léontine, die ganze Etablissements in Schutt und Asche legt. Ihr unschickliches Benehmen und die fröhliche Missachtung sämtlicher Regeln führen keinesfalls zu Bestrafung.

Die Protagonistinnen der Filme sind mutig und respektlos gegenüber jeglicher Autorität: Sie hüpfen, rennen, springen, schubsen, sie klettern auf Schränke und kippen mit dem gesamten Möbel um. Soziale Hierarchien werden umgekehrt: Frauen dreschen auf Männer ein oder solidarisieren sich mit ihren Angestellten gegen eben diese. Während zeitgleich auf der Straße die erste Frauenbewegung für ihre Rechte eintritt, wird hier vor allem deutlich, wie physisch das Geschlechterverhältnis ausgelegt werden kann. Neben den Kurzkomödien wartet die DVD mit dokumentarischem Material auf, das die Suffragetten rund um Emmeline Pankhurst auf Demonstrationen und Versammlungen zeigt. „Du musst mehr Lärm schlagen als alle anderen“, sagt Pankhurst einmal, was fast wie eine Regieanweisung für die Komikerinnen im frühen Stummfilm klingt. „Die Filme widerlegen die landläufige Meinung, die Emanzipation der Frau sei ein Resultat kriegsbedingter Umbrüche, und das Leben der Mädchen habe erst mit der Bob-Frisur und kurzen Röcken begonnen“, erklärt Bryony Dixon vom British Film Institute. Die weibliche Verve der frühen Stummfilme macht vor den Suffragetten nicht Halt: Ihr Kampf um das Frauenwahlrecht wird durchaus aufs Korn genommen, führt er in den Filmen doch dazu, dass die Gatten – als olle Trottel dargestellt – zu Hause zu kurz kommen.

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Große Spielräume

Es ist die Verrücktheit des Materials gewesen, die Lewinsky in Zusammenarbeit mit drei führenden Filmarchiven (Amsterdam, London und Bologna) zu der DVD inspiriert hat: Comic Actresses and Suffragettes 1910-1914 bietet Vergnügen auch für heutige Zuschauer. Die Kuratorin schlägt neben einer thematischen Annäherung drei weitere Möglichkeiten zur Sichtung vor: nach Produktionsjahr, nach Land und nach Schauspielerin. Erst so stellt sich heraus, wie viele Frauen in den Filmen der zehner Jahren erfolgreich waren. Schon eine Dekade später sieht die Kinowelt wieder anders aus, sind die Spielräume für Regisseurinnen und Komödiantinnen ungleich kleiner.

 
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