Der Duisburger Oberbürgermeister Sauerland lehnt einen Rücktritt weiterhin ab. Inzwischen hat ihn nicht nur der nordrhein-westfälischen Innenminister Jäger, sondern auch Ministerpräsidentin Hannelore Kraft dazu aufgefordert. Beide bauen ihm nachgerade goldene Brücken, damit der überfällige Schritt endlich geschieht. Sie versuchen ihm deutlich zu machen, dass er die Verantwortung übernehmen muss, selbst wenn ihm wirklich keine Mitschuld sollte nachgewiesen werden können. Das ist keine parteipolitische Angelegenheit. Sauerland gehört zwar der CDU an, während Kraft und Jäger Sozialdemokraten sind, aber auch die CDU-nahe Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt glasklar, er schaue sich vergeblich nach Mitverantwortlichen um: "Die Verantwortung, die er trägt, ist nicht teilbar."
Er könnte wirklich zufrieden sein, dass ihm noch Brücken gebaut werden und es also einige gibt, die die Frage seiner Mitschuld in den Hintergrund treten lassen. Denn sie stellt sich bohrend genug. Die Stadt Duisburg hat den Veranstaltern der Love Parade erlaubt, die gesetzlichen Vorgaben zur Größe der Fluchtwege zu unterschreiten. Das kontrastiert seltsam damit, dass von mehreren Seiten Sicherheitsbedenken vorgetragen worden waren. Der Duisburger Baudezernent soll in einem Sitzungsprotokoll handschriftlich vermerkt haben, er lehne jede Verantwortung ab. Die Polizei hatte die Situation im Bereich des Tunnels problematisiert. Die Erlaubnis für die Veranstaltung, heißt es, sei ihr erst am Tag des Stattfindens ausgehändigt worden, auch das nur auf Nachfrage. Und mit all dem will der Oberbürgermeister nichts zu tun haben? Er bedient sich seinerseits des Ausdrucks "Verantwortung": "Persönliche Verantwortung", sagt er, "kann es nur geben, wenn es ungerechtfertigte Eingriffe in den Prozess gegeben hätte."
Lassen wir uns einmal darauf ein, ebenfalls nur von Verantwortung zu sprechen, nicht von Schuld – um zu zeigen, dass sie für den freiwilligen Rücktritt wirklich ausreichen sollte, und um zu fragen, warum das so schwer zu begreifen ist. Bezeichnend ist schon, dass Sauerland von "persönlicher", Jäger von "moralischer" und Kraft von "politischer" Verantwortung spricht: Sind das Synonyma, oder spiegelt sich darin eine Unklarheit des Verantwortungsbegriffs? Um mit Sauerland zu beginnen, scheint er gar nicht zu wissen, nicht nur was er getan hat, sondern auch wovon er spricht. Wenn seine "persönliche Verantwortung" nur darin bestanden hätte, den Prozess laufen zu lassen, solange nicht erkennbar Gesetze verletzt wurden, wäre Verantwortung dasselbe wie Schuld; er hätte sich "nichts zuschulden kommen lassen", was, wie gesagt, höchst zweifelhaft ist. Was Innenminister Jäger mit "moralischer Verantwortung" meint, ist auch nicht ganz klar. Vielleicht hatte er die Motive der Stadt Duisburg im Auge, die sich mit einer solchen Großveranstaltung unbedingt schmücken wollte und sich Tage vor dem Stattfinden einredete, jetzt könne sie trotz der Sicherheitsbedenken nicht mehr zurück. Das war gewiss unmoralisch und in diesem Sinn, der nicht unbedingt ein juridischer ist, wiederum schuldhaft. Denn es ist moralische Schuld, wenn man, um nicht selbst dumm dazustehen – als unüberlegt planend zu erscheinen, gar einen Imageverlust einzustecken -, lieber andere der Gefahr aussetzt.
Finanzielle Motive
"Verantwortung" ist noch etwas anderes. Es geht wirklich um "politische" Verantwortung, die "nicht teilbar" ist. Sie wird dadurch begründet, dass, in diesem Fall, der Oberbürgermeister seine Stadtverwaltung repräsentiert, die als ein Organ kontinuierlicher gesellschaftlicher Vernunft unterstellt wird und werden muss. Es wäre unerträglich, wenn eine Verwaltung Katastrophen produzierte und es dann einfach so weiterginge, als wäre sie eine Maschine, der man im Zweifel ein fehlerhaftes Rädchen entnimmt, um es gegen ein anderes auszutauschen. Das wäre zwar Kontinuität, aber keine vernünftige, und die Gesellschaft käme unter die Räder. Nein, die Vernunft verlangt einen Neuanfang. Der Neuanfang setzt voraus, dass das vorher Geschehene beendet wird. Gesellschaftliche Kontinuität kann es nur in dieser Form geben: Dinge scheitern, das Bessere wird versucht, und es gibt Personen, die das eine wie das andere repräsentieren. Das ist "Verantwortung", der bloße Ausdruck macht es schon klar: Wenn die Frage nach dem Imagegewinn der Stadt Duisburg über allem stand, dann weiß man spätestens jetzt, sie hat sich verfragt; verantwortlich ist sie, weil sie nach Antworten suchte, auf diese Frage, die gescheitert ist; das muss sichtbar werden an ihrem Repräsentanten.
Vielleicht hat es ganz banale Gründe, dass Sauerland sich dagegen sperrt. Die nordrhein-westfälische SPD vermutet finanzielle Motive hinter seiner Weigerung. Laut Steuerzahlerbund erhält er bei einem Rücktritt keine Ruhestandsbezüge und auch kein Übergangsgeld. Sollte ihn der Stadtrat aber abwählen, würde er bis Jahresende sein volles Gehalt und danach ein Ruhestandsgeld bekommen.
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Die Rheinische Post hat inzwischen einige Dokumente zum Fall Loveparade ins Netz gestellt, denen im Zusammenhang mit Fragen wie Schuld und Verantwortung wohl einige Bedeutung zukommt: tinyurl.com/3az8d7n und tinyurl.com/3alfptb
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Dieses inflationäre Zurücktreten in der letzten zeit hatte für mich ja oft den Beigeschmack des Sich Drückens Vor Der Verantwortung.
Der Duisburger OB müsste nun aber die lückenlose Aufklärung und Aufarbeitung der Geschehnisse sicherstellen und dafür scheint er mir nach der Lektüre der verlinkten Dokumente nicht der Richtige zu sein. "dass der OB die Veranstaltung wünsche und dass daher eine Lösung gefunden werden müsste.Die Anforderungen der bauordnung, dass der Veranstalter ein taugliches Konzept vorlegen müsse, ließ er nicht gelten." Noch Fragen? Jetzt woanders nach den Schuldigen zu suchen, lässt den OB wie die Königin bei Alice im Wunderland wirken. Auch das Wort "konstruktiv" bekommt in dem Dokument eine ganz neue Bedeutung - nämlich "nachlässig". Danke für das Aufspüren - und danke Rheinische Post |
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Wenn dann alles aufgearbeitet ist, die Schuldigen benannt sind und zur Rechenschaft gezogen werden, könnten wir eigentlich auch dazu übergehen, um uns mit diesen tausenden, abertausenden Vollidioten, Exhibitionisten zu beschäftigen, die nichts weiter im Kopf haben, als Party, Party, Public Viewing, im Gedränge stehen und sich Geräusche um die Ohren hauen lassen.
Wieviel Sicherheitskräfte wären denn in Zukunft nötig, um diese Herde in Zaum zu halten? Berlin hat immer noch Glück gehabt, bei allen Vorsichtsmaßnahmen. Egal ob Sylvester, Fanmeile. Wenn diese Masse in Bewegung, in Panik gerät - aus welchem Grund auch immer - können die Sicherheitskräfte nur eins. Sich selbst in Sicherheit bringen. Das wissen alle, doch dieses scheint das Restrisiko zu sein, welches diese Gesellschaft bereit ist zu tragen, doch nur so lange wie alles gut geht. Na dann werden wir einmal kräftig die Daumen drücken. |
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Da ist was dran. Aber in meinen Augen weist dieser Gesichtspunkt auch wieder auf die politisch Verantwortlichen zurück. Denn in einem vernünftigen Gemeinwesen würden deren Organe auf spontane Unvernunft mäßigend oder mit Gegenimpulsen reagieren, statt sie noch imagegeil zu verstärken, wie hier geschehen. Und im Duisburger Fall hätte es wirklich gereicht, wenn man die Sicherheitsbestimmungen streng ausgelegt und die Veranstaltung infolgedessen eben abgeblasen hätte.
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Danke, Michael Jäger, fuer Ihren Beitrag.
Was steckt dahinter, dass IM Jäger nur von einer moralischen Verantwortung/Schuld spricht? Er (IM Jäger) steht fuer das Land NRW. Darin zu finden die Stadt Duisburg, ihm voran das Ruhrgebiet. Wer ist derzeitiger Chef des Potts und absolut daran interessiert, die LoPa in seiner Heimatstadt stattfinden zu lassen? Pleitgen Die LoPa galt als absolutes und einziges (Bedeutung, Größe) des gesamten Ruhr2010-Elends, als "Leuchtturmprojekt" wurde es getauft. Heißt: hättes es nicht stattgefunden, hätte das Ruhrgebiet nicht weithin geleuchtet und somit wäre Ruhr2010-blabla gescheitert. Pleitgen & Co. sind mitschuldig, denn sie waren es, die Sauerland unter Druck gesetzt hatten. So sehr, dass dieser sich nur noch in den Urlaub verpissen konnte und bis zuletzt die Sache aussaß, was er nun erneut versucht. Nicht vergessen darf man Sauerland's Credo: "Wat interessiert mich denn mein Geschwätz von gestern?" Dieser Kerl trägt nicht nur eine moralische V. ! Ich wette auf..., dass auf seine Anordnung hin an den neuen, willfährigen PoPrä, die "sex- etc. hungrige Meute" (als solche hatte man sie eigentlich verachtet) absichtlich auf Gedeih und Verderb in den ''Tunnel zu treiben (Kontrolle, weg von den Straßen). Und das auf seine Anordnung hin, das Gelände abgesperrt blieb, da man Schiss hatte mehr als 250000 kämen drauf, was einen Vertragsbruch mit Lovapent bedeutet hätte (Finanzen, Haftung, Versicherung). Ich habe Ihre Mitteilung im Todestunneltrauerhalle gelesen, gut. Man muss mit eingesetzten Polizisten und mit dem ehem. PoPrä Cebin sprechen! |
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Das Erbärmliche an Fritz Pleitgen bei Maybrit Illner gestern war, dass er hochtrabend als Tiger der moralischen Verantwortung gestartet, als Bettvorleger vor dem Kamin seiner Angst und Sorge gelandet, dass die "Spiele" in Frage gestellt, aber doch bitte bitte auf jeden Fall weiter gehen müssen.
Der Mann hat ein erbärmliches Fritz Pleitgen Trauer Timing wie kein Nilpferd. JP. |
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Ist die Frage nach der persönlichen Verantwortung nicht nur ein oberflächlicher Verdrängungsprozess? Folgenden Artikel fand ich dazu sehr aufschlussreich:
nichtidentisches.wordpress.com/2010/07/29/schuld-und-abwehr-nach-der-massenpanik/ "Die Massen können Stahlgitter verbiegen und sprengen aber nicht jenen Schwächeren helfen, die straucheln und zurückbleiben." Da ändert wohl auch kein Rücktritt etwas dran. |
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Die Gefahr ging wohl weniger vom Straucheln aus, denn vom Nicht- Straucheln Könen, weil die Massen von Menschen andere Menschen stehend an die Stahlgitter pressend erstickt haben.
JP |
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Mit Karl-Josef Laumann bin ich eher selten einer Meinung, aber der von ihm kürzlich in einer Radiodiskussion mit Frau Kraft vorgebrachte Einwand, statt nach Sündenböcken zu suchen, solle man vielleicht besser das Augenmerk darauf richten, dass Sicherheitsüberlegungen wieder die ihnen zustehende Priorität eingeräumt werde.
In diesem Zusammenhang verwies er auf den enormen Druck, dem die Verantwortlichen ausgesetzt seien, eine derartige Veranstaltung zu ermöglichen und erinnerte sich, welchen Aufschrei der Empörung die 2009 in Bochum aus eben solchen Sicherheitserwägungen abgesagte Love Parade ausgelöst habe, von einer Blamage für das Ruhrgebiet sei da mindestens die Rede gewesen. Sicherheitsüberlegungen als zweitrangig: das kann man überall erleben. Z.B. die ganzen Stuntleute, die neuerdings Baustellen bevölkern. Neulich hatte ich Gelegenheit, drei Arbeitern, die die Befestigung von Solarpanelen auf einem Dach vorbereiteten, zuzusehen und zu -hören. Sie hatten Angst. Zugelassen ist eine Absturzhöhe von drei Metern, sie befanden sich bei ca sieben. Das Dach war nicht durchtrittsicher, und die Vorstellung, am nächsten Tag die Panele über eine Anlegeleiter auf das Dach zu schaffen, waren ihnen ganz und gar nicht geheuer. Auf meine Frage, warum sie sich nicht weigerten, unter diesen Bedingungen zu arbeiten - ich bot ihnen auch an, die Unzumutbarkeit zu bestätigen - antworteten sie, dies interessiere in der Firma niemanden, und mehr als die Gefahr eines Unfalls fürchteten sie drohende Arbeitslosigkeit (Hartz 4). Ich habe daraufhin die BauBG informiert, die mühelos für die Herstellung sicherer Arbeitsverhältnisse gesorgt hat. Bemerkenswert allerdings fand ich, welch grosse Überwindung mich das gekostet hat und wie sehr ich mich dann als Denunziant, Richtung 'kleine Ratte' fühlte - obwohl ich mir klar machen konnte, dass meine Loyalität weder einem Bauherrn, der noch schnell die nach dem 30. Juni reduzierte Solarförderung mitnehmen will noch einem Anbieter, der Leben und Gesundheit seiner Angestellten aufs Spiel setzt, gelten braucht, sondern den armen Schweinen da auf dem Dach. Ein anderes Beispiel: Gerade gab es in der TAZ einen Artikel zu historischen Segelschiffen und den blöden Dänen (und manchen ebensolchen deutschen Hafenmeistern), die solchen Schiffen, etwa wegen eines unmöglich beizubringenden Brandschutzkonzepts, Genehmigungen verweigern. Tenor: Was stellen die blöden Bürokraten sich so an. Wenn das aber schief geht, so ein Schiff mit Besatzung und Mannschaft sinkt - wetten, dass es da ganz schnell einen geben wird, der alles Schuld sein soll? www.taz.de/4/reise/europa/deutschland/artikelseite/1/gegenwind-fuer-traditionsschiffe/ Und noch etwas stört mich: Wir leben in einem demokratischen Rechtsstaat, und einen Oberbürgermeister mit Müll zu bewerfen oder, sei es als Parteifreund (Bosbach) oder politische Gegnerin (Kraft et al.) den dumpfen Impuls der Strasse zu bedienen - die 'da oben' sind eh nur gierig und verkommen und gehören davongejagt - finde ich unterste Schublade, es öffnet einem Populismus, der nur noch nach Stimmungen fragt und rechtsstaatliche und demokratische Strukturen zur Disposition stellt, Tür und Tor - und ändert an den Ursachen für eine derartige Katastrophe nichts, sondern befördert im Grunde nur ein 'weiter so!' Und ein freiwilliger Rücktritt sollte vor allem genau dies sein: freiwillig, und nicht vom Pöbel und seinen gerade erwähnten Anführern erzwungen werden können. |
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So vieles auch für einen Rücktritt als Zeichen der Übernahme von politischer Verantwortung spricht (über Schuld kann und will ich nicht urteilen) und so sehr ich den Rücktritt von Sauerland selbst für richtig halte ( nachgetragen.wordpress.com/2010/07/26/verantwortung-los-ubernehmen-sie-herr-sauerland/ ) - laut WDR-Radio heute Morgen verlöre er bei einem Rücktritt ALLE Pensionsansprüche, auch die aus der Zeit vor seinem Posten als OB. Sollte das so stimmen, kann ich es zumindest verstehen, dass er eher auf eine Abwahl setzt als auf einen Rücktritt. Wie auch immer man das bewerten mag.
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Dazu schreibt heute die FAZ: "Dann hat er keine Ansprüche auf ein Ruhegehalt, sondern wird für die geleisteten Dienstjahre individuell, also nach den persönlichen Voraussetzungen, nachversichert. Bei einem Gehalt um die 11 000 Euro wäre auch das eine Überlegung wert."
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Danke für die Info! Das lässt die Sache wieder in einem ganz anderen Licht erscheinen und jedes Verständnis meinerseits verschwinden.
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Lieber Michael,
was mir bei Deinem wichtigen Artikel fehlt, ist der Begriff Organisationsverschulden (Begriff für Regierungskriminalität) in Amt & Würden, das nicht nur bei der LoPa in Duisburg entsetzlich seine Wirkung entfaltet hat, sondern weiterhin auch beim Bundesswehreinsatz in Afghanistan entfaltet. Warum vemeidest Du diesen völkerrechtlich aufdeckend wie geläufigen Begriff "Organisationsverschulden". tschüss JP |
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Lieber Joachim, den Begriff des Organisationsverschuldens hatte ich nicht gekannt. Jetzt kenne ich ihn. Man kann sich im Netz leicht sachkundig machen. Vielen Dank.
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auf die gefahr hin, mißverstanden zu werden:
wäre ich seine ärztin/therapeutin - ich hätte Sauerland längst arbeitsunfähig krank geschrieben, für einige wochen. da könnte er dann, wäre dies aus therapeutischen gründen angezeigt, auch über rücktritt oder abwahl und ruhestandsgeld nachdenken ... das käme aber, aus meiner sicht, lange erst nach etlichem anderen. davor wäre das dran, was JP mit dem begriff "Organisationsverschulden" alles angesprochen hat. und wie das bereits jetzt hinter "haftungsfragen" vernebelt wird. |
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Ich stelle mir gerade mal vor, wie ich mich so fühlen würde, wenn ich von einem Tag auf den anderen plötzlich ein Ausgestoßener wäre, man mich für den Tod von 20 Menschen verantwortlich machen würde und ich obendrein noch vor einer privaten wirtschaftlichen Katastrophe stünde.
Schwer zu sagen wie ich reagieren würde. Die wenigsten Menschen würden in so einer Situation rational handeln. Zumal der Sauerland ja nichts anderes getan hat, als was er schon seit Jahren tut: sich durchwurschteln, den Mangel verwalten. Es heißt bspw. immer: es gab schwere Bedenken, auf die man hätte reagieren müssen. Leute, die so etwas schreiben, haben offensichtlich noch nie an einer Behördensitzung teilgenommen oder haben noch nie in einer öffentlichen Verwaltung gearbeitet. Normalerweise würde da noch jeder Gang aufs Klo an Bedenken scheitern. In den meisten Fällen werden Bedenken von Wichtigtuern oder faulen Säcken geäußert. Der Wichtigtuer kann, wenn auch nur ein Bruchteil seiner Bedenken eintritt, behaupten: ich habs ja gesagt, und der faule Sack möchte sich mit seinen Bedenken nur unliebsame Arbeit vom Hals halten. Es gibt da genug Leute, die ein geradezu libidinöses Verhältnis zu Bedenken haben. Die Arbeit eines Bürgermeisters besteht nicht selten darin, sich über Bedenken hinweg zu setzen, weil sonst gar nichts mehr passieren würde. Was uns hier als skandalöse Vorgänge innerhalb der Duisburger Stadtverwaltung präsentiert wird, ist der ganz normale Alltag in fast jeder kommunalen Verwaltung. |
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Ob die Vorgänge "skandalös" waren, ist gar nicht die Frage, sie waren jedenfalls verkehrt, und das Verkehrte hatte schlimme Folgen. Und wenn Sauerland sich dann zu der Verantwortung, die er wegen seiner Stellung ganz zweifellos hat, auch bekennt - wie gesagt, Verantwortung ist etwas anderes als Schuld -, ist er kein Ausgestoßener. Und von einer privaten wirtschaftlichen Katastrophe kann keine Rede sein.
Wenn Leute sich durchwurschteln und über Bedenken hinwegsetzen, mag das der Lauf der Welt sein, aber wenn dann etwas passiert, muß jemand verantwortlich gemacht werden können. Die Alternative wäre, daß Verantwortungslosigkeit nicht nur vorkommt, sondern direkt erlaubt wäre - ich denke, das können Sie nicht wollen. |
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verantwortung...
etwa so? -> Entscheidend ist doch der Wille der politischen Führung. «Schließlich wolle der OB die Veranstaltung», heißt es in einem seit Tagen über das Internet lancierten Vermerk, an dessen Ende Stadtbaurat Jürgen Dressler jede Verantwortung für die Raverparty ablehnt. (quelle: newsticker.sueddeutsche.de/list/id/1021714 - vom heutigen Darmstädter Echo übernommen) |
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@ Michael Jäger:
"aber wenn dann etwas passiert, muß jemand verantwortlich gemacht werden können", schreiben Sie. Wieso eigentlich? Führerprinzip? Die Alternative lautet nicht Verantwortungslosigkeit, sondern Erfragen der Ursachen und ihre klare Benennung (in einem zweiten Schritt können dann auch Verantwortliche - der Plural scheint mir wahrscheinlicher - ermittelt werden). Welche Rolle spielt beispielsweise die Erwartung von Besuchern und Gewerbetreibenden, die das Ereignis geniessen bzw. von ihm profitieren wollten, dabei, dass wahrscheinlich Entscheidungen durchgedrückt wurden? Und noch eine Frage nach 'den Verantwortlichen': Es ist, als wäre die allgemeine Hatz auf A. Sauerland freigegeben, in meinen Augen vorschnell wird ihm alleine alle Verantwortung und Schuld für die Tragödie von Duisburg zugeschrieben - wer übernimmt Verantwortung, wenn der sich etwa - Gott behüte! - aufhängen sollte? Oder ist dann das Ziel erreicht, hat dann einer von diesen 'gierigen Raffhälsen da oben' gekriegt, was er verdient hat? Noch eine Frage |
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Das ist eine wichtige Diskussion, bei der es ebenso wichtig ist, sich die Logik des Verantwortungsbegriffs klarzumachen, als herauszufinden, ob Sie oder ich recht haben. Ich habe im obigen Artikel versucht, diese Logik zu verstehen, mit mehr oder weniger Erfolg, und es aus Zeitnot in ein paar ganz knappen Sätzen artikuliert. Ich kann nur hoffen, daß mir morgen (Montag) hier im Threat eine elaboriertere Fassung gelingt (nach Abschluß einer Zeitungsarbeit). Dann wird das Werkzeug kritisierbar, mit den Sie oder ich zu einem Urteil gelangen.
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Morgen bin ich schon wieder incommunicado, deshalb noch: Ziemlich interessant und ganz anregend fand ich neulich diese Sendung zu Verantwortung,
www.wdr5.de/sendungen/philosophische-radio/s/d/23.07.2010-20.05.html (lässt sich bestimmt bei geschicktem Klicken mindestens bis zum xten yten als podcast herunterladen, danach wirds, dank der Lobbyarbeit der Zeitungsverlage (Vandalismus) Abfall...) Dort tauchte das 'Problem der vielen Hände' (oder so ähnlich) auf: Riesige Projekte - 3 Schluchten beispielsweise - haben u.U. so viele Verantwortliche, dass jedes Einzelnen Anteil nicht nur fast unmöglich zu ermitteln, sondern auch letzlich sehr geteilt wichtig ist... Fände ich gut, wenn die Diskussion sich eher den grundsätzlicheren Fragen zuzuwenden begänne, denn dass dieser Bürgermeister angeblich der letze A.... sei, dürfte inzwischen in aller Ausführlichkeit, inklusive öffentlicher 4-Augen Ratschläge - ein Hauch von Zen - des Bundespräsidenten auch zum Letzen, der es glauben will, durchgedrungen sein. |
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Ich versuche also noch mal, meine Position zu erläutern, die übrigens wesentlich durch das Kapitel über "Handeln" in Hannah Arendts Vita actia mitgeprägt ist.
Das wesentliche Mißverständnis scheint zu sein, daß man Verantwortung für eine quasi physikalische Kategorie ansieht, in der es darum ginge, Kausalitäten festzustellen, Wirkungen auf Ursachen zurückzuführen. Da kommen dann unter Umständen die Neurologen und weisen nach, daß niemand für seine Handlungen verantwortlich sei usw. Verantwortung ist aber eine gesellschaftliche Kategorie und damit eine Kategorie des Sinns. Im wesentlichen, so scheint mir, geht es immer darum, daß Sachen erhalten (bewahrt) werden, die erhaltenswert sind, und vor allem Menschen, die es ohnehin immer sind. Soweit Verantwortliche handlungsmäßig in das involviert sind, was mit dem oder den zu Verantwortenden geschieht, sind sie verantwortlich. Die Bewahrung dessen, wofür man (mit-) verantwortlich ist, ist aber etwas, das nicht etwa irgendwann aufhören darf. Es kann nicht auf einmal 21 Tote geben, die es nicht hätte geben müssen, und man sagt, na gut, jetzt sind die weg, bleiben ja noch genug andere übrig. Und auch die bloße Bestrafung der Schuldigen tut es dann nicht. Sondern der Bewahrungsauftrag, der sich im Verantwortlichsein ausspricht, muß trotz der Toten ein kontinuierlicher bleiben, er darf nicht abreißen. Dieser Auftrag und seine Realisierung, sie haben nie aufgehört und wir versprechen, sie w e r d e n nie aufhören: Dieses notwendige soziale Band läßt sich nur festhalten, wenn gelegentlich ein Scheitern eingestanden wird, auf welcher Voraussetzung dann ein Neuanfang möglich ist. Dafür, diesen Übergang notfalls möglich zu machen, ist Verantwortung da. Denn in einem solchen Übergang bleibt die Kontinuität des Bewahrens erhalten. Der Zusammenhang zwischen eingestandenem Scheitern und Neubeginn ist ein lückenloser. Das hat nichts mit einem "Führerprinzip" zu tun, wenn darunter verstanden wird, daß die leitende Person oder das leitende Gremium qua Stellung zur Kausalursache für alles Mögliche gemacht werden sollen. Nein, sondern Leitende werden als Repräsentanten des Wegs angesehen, der gescheitert ist. Wenn sie Repräsentanten sind, sind sie es mit allen Konsequenzen. Es kann dann vorkommen, daß sie auch einmal ein Scheitern repräsentieren müssen. Das ist eine hohe Anforderung, aber bitte schön, wenn man Repräsentant wird, wird man es freiwillig. |
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Er soll den Suendenbock spielen und das will er nicht. Zumindest insoweit hat er Recht.
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„Das Loveparade-Desaster in Duisburg nach einer Massenpanik war erstaunlich niedrig versichert. Die Deckungssumme der Haftpflichtversicherung des Veranstalters ist mit 7,5 Mio. Euro ganz offensichtlich von vornherein viel zu gering bemessen. (…) Üblich bei solchen Veranstaltungen sind dreistellige Millionenbeträge als Versicherungssumme. Erstaunlich ist, dass die Erlaubnis zur Durchführung der Loveparade nicht davon abhängig gemacht wurde, dass eine auskömmliche Versicherungssumme gegen existentielle Risiken nachgewiesen wird. Schließlich handelt es sich bei der Veranstalterin um eine GmbH mit erkennbar limitiertem Vermögen.“ tinyurl.com/39cyfoa
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schrieb am
02.08.2010 um 18:48
Eine weitere Frage drängt sich geradezu auf:
Warum versichert eine Versicherung den Ausrichter einer derartigen Veranstaltung - egal zu welcher Deckungssumme - wenn das vorgelegte Konzept - also die Risikominimierung - nicht ausreichend, mangelhaft ist? Normalerweise überprüfen Versicherungen doch im Vorfeld solch Sicherheitskonzepte. Wie war also die Sicherheitsanalyse der Versicherung? |
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Ich glaube, das, was die Meisten innerlich wirklich aufbringt ist, dass sich bis dato weder Veranstalter noch Organisatoren offiziell für das Desaster verantwortlich zu fühlen scheinen. Kein Anzeichen von schlechtem Gewissen, von quälenden Fragen nach dem, was man eventuell falsch gemacht haben könnte. Eigentlich quält sich jeder Mensch, der an einem Unglück direkt oder indirekt beteiligt war, mit der Frage nach seiner Verantwortung und was er hätte machen können, damit das Unglück hätte vermieden werden können. Ob das Unglück tatsächlich vermeidbar gewesen wäre, oder ob man tatsächlich verantwortlich war, spielt keine Rolle. Menschen reagieren nun mal so. Es ist diese sachliche Kühle im Umgang mit einer Tragödie, die Menschen aufbringt. Vor allem in Zeiten sozialer Kälte bringt diese nüchterne Verfahrensweise Menschen auf. Das Verhalten wirkt unmenschlich.
Sauerland hätte die Rolle desjenigen übernehmen können, müssen, der sich angesichts der Toten einfach (politisch) verantwortlich fühlt. Das ist die Kehrseite der Macht - in guten Zeiten kann man sich (oft auf Kosten der Leistungen anderer) profilieren, in schlechten Zeiten trägt und zieht man die Konsequenzen. Und genau das macht Sauerland nicht. Es ist eine Frage der Formulierung, der richtigen Worte und er hätte sie finden können, ohne gleich alle Schuld auf sich zu nehmen. Er hätte sich auch unkonventionell von seinem Amt bis zur Klärung der Fakten suspendieren oder beurlauben lassen können. Es gibt immer einen Weg, das Richtige zu tun. Sauerland ist so oder so nicht nur politisch fertig, sondern auch durch sein Verhalten zum Symbol menschlicher Kälte geworden. Man hätte ihm vielleicht verzeihen können, wenn er sich offiziell verantwortlich gefühlt hätte, ohne es tatsächlich dann auch sein zu müssen. Doch das Vertauen und eventuell Respekt, Achtung vor ihm als Mensch, das hat er durch sein Verhalten für immer verloren. Selbst dann, wenn er Alles richtig gemacht haben sollte. Das Gleiche gilt m.E. aber auch mehr oder weniger für Schaller. |
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Ich will doch nochmal fragen:
Warum wird die Verantwortung der sogenannten Raver so komplett ausgeblendet? Niemand von denen ist durch irgendeine lebensbedrohliche äußere Situation, der schnellstens auszuweichen gewesen wäre, in diese für alle sichtbare Menschenansammlung hineingetrieben worden. Es ging lediglich um den Zutritt zum bzw. um das Verlassen des noch längst nicht gefüllten Veranstaltungsgeländes. Es ging um ein Konzert. Weiter nichts! Bin ich als Teilnehmer einer solchen Massenveranstaltung von jeglicher persönlichen Verantwortung befreit? So stellt es sich mir, sehe ich die Medienberichte und Kommentare, fast schon dar. Der Rücktritt des OB scheint mir (aus der Ferne betrachtet) durchaus angemessen zu sein. Aber gehört zunächst nicht die Aufklärung des Vorgefallenen dazu? Er wäre doch sonst nur der perfekte Sündenbock, der der (Medien)Öffentlichkeit zum Fraß vorgeworfen wird. Die Neidkampagne war natürlich auch dieses Mal zu erwarten. Die sofortige Suche nach schuldigen Rücktrittskandidaten paßt zu dieser m.E. starke hysterische Züge tragenden Love(?)parade. Was wäre gewonnen, wenn alle irgendwie beteiligten Verantwortlichen (OB, Polizeipräsident, Veranstalter,....) zurückgetreten wären bzw. sich umgehend für schuldig erklärt hätten? Wie wird Loveparade eigentlich übersetzt? Steht love tatsächlich für Liebe? Ich wollte es nicht glauben. Vielleicht sollten mal Psychoanalytiker befragt werden, was sie in diesem "Liebesmarsch" realisiert sehen? Und in diesem enormen Bedürfnis nach den anderen Schuldigen. |
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