Kultur

Medientagebuch | 07.09.2010 14:00 | Magnus Klaue

Quark & Co.

Wissenschaftsshows und -magazine gibt es schon lang, doch ihr Charakter hat sich verändert. Wissen im Fernsehen macht keinen Spaß mehr.

Erinnern Sie sich noch an Yps mit Gimmick? Für viele Mitte der siebziger Jahre Geborenen war diese Kinderzeitschrift, die es noch heute gibt, die aber schon lange in der Bedeutungslosigkeit versunken ist, die erste Quelle von Erfahrungen, die im heutigen Pädagogensprech „spielerisches Lernen“ heißen. Dank der von Yps als Heftbeilage offerierten Hilfmittel konnte man Wunderbäumchen pflanzen, Krebse züchten oder Raketen bauen. Was die Pädagogin und Bestsellerautorin Donata Elschenbroich später in die Formel vom „Kind als Naturforscher“ fassen sollte, bei Yps war es schon lange vorher Wirklichkeit.

Nur hatte die spielerische Wisssensvermittlung damals noch nicht den aggressiven didaktischen Unterton, der sie heute begleitet. Dass Kinder, wenn etwas aus ihnen werden soll, aufgrund ihrer neurologischen Disposition möglichst schon in den frühen Lebensjahren allerlei „Wissen“ absorbieren müssten, hätte damals kaum jemand behauptet. Das spielerische Lernen blieb in der Hauptsache ein Spiel, das seinen Zweck in sich selbst hatte.

Ähnlich zweckfrei waren die Wissenschaftsmagazine und TV-Wissenschaftsshows, die in den achtziger Jahren wie Pilze aus dem Boden schossen. Ihre vermeintliche Seriosität war nichts als ein für jeden Zuschauer durchschaubares Alibi, um sich zur besten Sendezeit den abwegigsten Gegenständen widmen zu können: In der Knoff-Hoff-Show durften bunte Chemikalien launig zur Explosion gebracht, die übelsten Gerüche verbreitet und sinnfreie Apparate vorgeführt werden, in Terra X wurde man nach Art von Abenteuerromanen in die finsteren Geheimnisse der Inkas und Ägypter eingeweiht, und wem das noch nicht kryptisch genug war, der konnte in der Zeitschrift PM, einer Art populärwissenschaftlichem Fantasy-Magazin, das Innenleben diverser Geheim­gesellschaften kennenlernen oder die Regeln der Graphologie und des fort­geschrittenen Handlesens erlernen.

Das „Wissen“, das dort vermittelt wurde, erschien als riesiger Spielplatz für Kinder und Erwachsene, der es erlaubte, für ein paar Stunden die Mittelmäßigkeit der eigenen Existenz zu vergessen, um in ferne Länder, fremde Zeiten und unbekannte Dimensionen zu schweifen.

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Die meisten der damaligen Wissenschaftsshows und -magazine gibt es immer noch, doch ihr Charakter hat sich geändert. Dutzende andere, auf zeitgemäß getrimmte Sendungen sind an ihre Seite getreten und lassen sie alt aussehen: In Quarks & Co. vom WDR erklärt der medienpädagogisch versierte Moderator Ranga Yogeshwar den Kleinen, weshalb es gefährlich ist, sich ungesund zu ernähren, warum sie zur „Generation Internet“ gehören oder führt sie auf eine „Zeitreise durch 200 Jahre Schule“. Galileo auf Pro 7 bietet von Aiman Abdallah poppig aufbereitete Wissenshäppchen aus allen Lebensbereichen in jeweils fünf Minuten Länge, und Sendungen wie Abenteuer Erde oder Planet Wissen gaukeln vor, dass der Globus durch seine lückenlose geografische, ökonomische und naturwissenschaftliche Erschließung nur noch geheimnisvoller und interessanter geworden sei.

Ohne didaktischen Überbau kommt keine dieser Sendungen mehr aus, der Appell an den kindlichen Spieltrieb, der sie früher so unterhaltsam machte, setzt sich fast nicht mehr durch. Doch nicht die Rückbesinnung auf den „Bildungsauftrag“ ist an seine Stelle getreten, sondern ein pädagogisch verbrämter Infantilismus, der Kinder nur als kleine Erwachsene und Erwachsene nur als lernbegierige Kinder anspricht. Die kindliche Phantasie wird dadurch ebenso ausgetrieben wie die erwachsene Freude an der Erkenntnis, deren Bedingung sie ist.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
wwalkie schrieb am 07.09.2010 um 15:19
Den Nagel auf den Kopf getroffen! Ohne Diktaktisierung geht nichts mehr. Man merkt dies und ist natürlich verstimmt. Nichts ist mehr "ernst", und man selber wird nicht mehr "ernst" genommen. In gewisser Weise wird unsere Gesellschaft "vergrundschult".
Gustlik schrieb am 07.09.2010 um 17:23
"Erinnern Sie sich noch an Yps mit Gimmick?" Nein.
oca schrieb am 07.09.2010 um 17:46
Leuchtet mir nicht so wirklich ein: Wo ist denn der didaktische Überbau, wenn bei Galileo (der Namensgeber würde sich im Grabe umdrehen) "untersucht" wird, ob ein Handy in der Waschmaschine kaputt geht, und wenn selbst zu diesem Zweck noch sich entkleidende Frauen gezeigt werden?

Und wie passt die Sendung "Abenteuer Forschung" ins Konzept, die mit Sicherheit einen didaktischen Überbau hatte, aber aufgrund des vergleichsweise hohen Niveaus (bei zugegebenermaßen etwas seltsamem Moderator) heute offensichtlich keine Chance mehr hat.
Querdenker schrieb am 07.09.2010 um 20:25
Also von den üblen Gerüchen in der Knoff-Hoff-Show hab ich damals nichts mitbekommen, ich fand die Sendung in den 80ern großartig :-)

Zu den neuen Sendungen kann ich nichts sagen.
Uwe Theel schrieb am 07.09.2010 um 21:22
Nurmal so nicht ganz zum Spaß:

Die Didaktik ist die Lehre, die erklärt, begründet, warum, mit welchen Lernzielen mit genau den dabei gewählten Methoden ein bestimmter Lernstoff an eine bestimmte Lerngruppe vermittelt werden kann, damit einigermaßen Aussicht auf Erfolg besteht, einen Lernerfolg bei den Lernenden zu bewerkstelligen.

Lehrende sind gemeinhin in der Lage eine solche Begründung schriftlich zu formulieren, man nennt dies dann das "didaktische Konzept" einer Lerneinheit. Diese kann man meinetwegen, wie Klaue dies tut als "didaktischen Überbau" bezeichnen, allerdings ist er, wie es dem Überbau auch sonst eigen ist, nicht unmittelbar beobachtbar, wenn man dem Lehrenden und den Lernenden bei dessen Umsetzung in der Praxis zusieht. Was wir halbwegs beobachten können sind die verwandten Methoden und Hilfsmittel im Lernprozess nicht aber die Begründung warum genau diese Methode - das Unterstreichen von Text mit einem Marker z.B. - verwendet werden sollte und nicht das Abschreiben derselben Textstelle.

Jetzt ganz allgemein zu behaupten, dass die Wissenschaftssendungen der 80ger Jahre - was war in den 60ern und 70ern? - einen solchen Überbau nicht gehabt hätten, gewissermaßen zweckfrei gewesen wären, nur Spaß machen sollten, im Gegnsatz zu den jetzigen Sendungen halte ich für gewagt.

Zunächst ist auch "die Freude am Lernen" zu lernen ein Lernziel, das didaktisch begründet werden kann, wie es ein Lernziel ist zu lernen, dass alle Metalle einen Schmelzpunkt haben, aber nicht alle denselben.

Ob Lernziele auch erreicht werden, hängt wesentlich davon ab, dass ich in der didaktischen Analyse (warum, wozu soll wer etwas lernen) den richtigen Weg, die richtige Methode (wie soll gelernt werden) verankern kann. (Bildungs ökonomische Gründe sind hier jetzt außer acht gelassen).

Unterzöge man die damaligen Wissenssendungen einer deratigen Analyse, so würde nicht in jedem Fall ein positives Ergebnis dabei herauskommen, bloß weil diese Herrn Klaue, mindestens in der Rückschau, Spaß gemacht hatten, die neueren dies nicht mehr schafften. Ich bin sicher, es fänden sich nicht wenige Zuschauer denen auch die neuen Sendungen Spaß machen und zwar - dies damals wie heute - solche die wirklich lehrreich sind und solchen, die nur "Spaß" dabei treiben. An beidem kann man nämlich Spaß haben.

Um also darüber Aussaagen zu machen, in weiweit sich der Charakter, d.h. die Didaktik der Wissenschaftsendungen geändert hat, müsste man Sendungen von damals und heute vergleichen, indem man beide einer didaktischen und methodischen Analyse unterzöge.

Falls mit "Charakter" allerdings der "politisch-ideologische" Charakter solcher Sendungen, ihre Rolle im gesellschaftlichen Zusammenhang der jeweiligen Dezennien gegeneinander betrachtet gemeint gewesen sein sollte, so wäre dies noch einmal eine andere Frage.
Lydia Esche schrieb am 09.09.2010 um 14:16
Das scheint mir recht treffend beobachtet.Allerdings würde ich sagen, dass der didaktische Überbau gerade wegen seiner Orientierung am Nutzen die Fantasie besonders einschränkt.Auch bei unterschiedlichen Formaten fällt auf, dass nur auf die eine Antwort hin gearbeitet wird.Bei den privaten Sendern ist dies oft mit product placement verbunden und es sind so Fragen aus dem Baukasten des Partysmalltalk.Bei den öffentlich Rechtlichen vielleicht sachorientierter, aber immer um ein Alltagsphänomen zu klären mit dem die lieben Kleinen sich im Bildungprotzen üben können.Diese Pseudonützlichkeit, die im wesentlichen Lernen fürs Berufs-und Privatleben nachspielen soll, macht aus der ganzen Angelegenheit etwas Neurotisches.


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