Kultur

Kommentar | 22.12.2011 15:28 | Conrad Menzel

Der große und der kleine Kapitalismus

Der Einzelhandel in den USA kritisiert den Online-Versand Amazon für eine PR-Aktion. Die Verantwortung des Kunden kommt dabei kaum zur Sprache

Das Internet-Warenhaus Amazon hat den Einzelhandel in den USA zum Showroom für das eigene Sortiment degradiert. Das zumindest befürchten amerikanische Einzelhändler und laufen Sturm gegen eine PR-Aktion des Online-Kaufhauses. Zu Recht, nur verstummt die Kritik in Bezug auf die Mentalität vieler Kunden, die ihren Teil zum Problem beiträgt.

Anstoß der Aufregung war die „Price-Check"-App von Amazon, die man sich kostenlos auf sein Smartphone laden kann. Beim Bummel durch die Geschäfte kann der Kunde damit ein Foto vom Strichcode eines Produktes schießen und erhält Informationen zum Produkt und zum Preis aus dem Amazon-Shop. Applikationen dieser Art gibt es seit geraumer Zeit zuhauf und genauso häufig werden sie auch genutzt. Der PR-Fehlgriff, den sich Amazon geleistet hat, war schließlich eine Aktion, bei der Kunden nach dem Strichcode-Scan mittels Rabatt von fünf Prozent (beziehungsweise maximal fünf Dollar je Produkt) vom Kauf im Laden abgehalten und stattdessen zur Online-Bestellung animiert wurden. Folglich kämpft hier die fiese Fratze des großen Kapitalismus mit streitbaren Mitteln gegen den Einzelhändler, der qua Beruf zwar auch Kapitalist ist, aber eben nur ein kleiner, mit menschlichem Antlitz.

Obwohl Amazon die Produktsparte „Bücher“ - etwas anderes als Teil des Sortiments sind Bücher für Amazon ja nicht mehr - von der Aktion explizit ausgeschlossen hatte, kam der große Aufschrei im Ringen um den Kunden aus der Ecke von Schriftstellern, die sich mit Buchhandel-Verbänden solidarisierten. Der amerikanische Autor Richard Russo nennt das Gebaren Amazons in der New York Times die "Logik des Dschungels" und sammelt Statements von Kollegen der schreibenden Zunft, die eindeutig ausfallen. Für Dennis Lehane ist das der „Kapitalismus der verbrannten Erde“, für Stephen King ist Amazon „einen Schritt zu weit“ gegangen. Das klingt nach Boykott und Sanktion, aber am Mittwoch waren Kings Bücher noch bei Amazon erhältlich. Nun gut, alle Schriftsteller, die zu Wort kommen, verdienen gewisse Summen mit ihren Amazon-Verkäufen. Das Spiel heißt eben Monopoly, nicht Mankomania.

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Inhabergeführte Plattenläden

Der Aufschrei ging also in eine klare Richtung, nach oben, gegen die Menschenfresser-Mentalität der Amazons und Ebays im Internet und gegen die großen Ketten in der realen Welt, die dem Einzelhandel das Wasser abgraben. Doch was ist mit dem Kunden, der die „Price-Check"-App von Amazon nutzt? Natürlich darf jeder durch die Stadt schlendern und Läden betreten, ohne Kaufabsicht, das nennt man Schaufensterbummel und ist manchen Menschen Mittel zur Zerstreuung. Auch der Preisvergleich ist gutes Recht jedes Kunden.

Aber vorsätzlich beispielsweise in einen inhabergeführten Plattenladen zu gehen, einen Strichcode zu scannen mit der absoluten Gewissheit, dass man das Produkt dort nicht kaufen wird, weil man bei Amazon fünf Prozent Rabatt bekommt, sich womöglich noch intensiv beraten zu lassen, die behagliche Atmosphäre des kleinen Ladens und die Expertise des Betreibers zu genießen, das gehört sich einfach nicht und ist respektlos gegenüber demjenigen, der dort steht und versucht, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Spätestens hier fällt dann auch das triftige Argument der Bequemlichkeit des Online-Shoppings, muss man sich doch hinaus auf die Suche nach dem Strichcode begeben.

Wer noch nie bei Amazon bestellt, bei Dussmann oder Thalia gekauft hat, der werfe den ersten Stein, das Sortiment ist natürlich bestechend. Wer aber eine PR-Aktion wie die von Amazon nutzt, um fünf Prozent Rabatt rauszuschlagen, ist  schamlos auf Schnäppchenjagd und fernab jedes Bewusstseins für die Vorzüge des Einzelhandels. Wahrscheinlich fallen sie ihm erst dann wieder auf, wenn der kleine Laden im eigenen Wohnhaus die Schotten dicht macht und bestellte Warensendungen nicht mehr annehmen kann. Allgemeines Wehklagen setzt meist ein, wenn das Selbstverständliche verschwindet und man sich im hellen Licht des Monitors nach dem achso familiären Flair im verschwundenen Eckladen sehnt.

Im Einklang wird der Kunde dann romantisch, weil der kleine Kapitalist in Gestalt des leidenschaftlichen Plattenverkäufers oder Buchhändlers im Vergleich zum großen Kapitalisten, der sich mittels Internetcookies an die vergangenen Einkäufe erinnert, doch vor allem eines ist: ein Ansprechpartner mit eigenem Geschmack. Pessimistischer, aber ebenso treffsicher wie mancher Einzelhändler von Beruf und aus Berufung hat es der Berliner Sänger Toni Mahoni formuliert. So zeugt es etwa von Verantwortungsgefühl gegenüber dem Kunden, wenn ein Münchner Buchladen mit Haltung das Guttenberg-Buch Vorerst gescheitert nicht im Regal zu stehen hat. Warum? Weil es nichts taugt! Bei Amazon rangiert es derweil in der Bestseller-Liste in der Sparte "Deutsche Politik" auf Platz 2.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Ramon Galuptra schrieb am 24.12.2011 um 11:23
Diese Aktion ist ein Beleg dafür, dass man Märkte nicht sich selbst überlassen darf. Warum findet das Vorgehen von Amazon überhaupt Beachtung? Weil sie inzwischen so groß sind, dass sie eine marktbeherrschende Stellung eingenommen haben. Das Monopoly-Spiel Kapitalismus ist hier schon sehr weit fortgeschritten. Am Ende wird der Verbraucher für seinen Herdentrieb bezahlen. Was fehlt ist eine ernsthafte ordnungspolitische Begrenzung der Marktmacht. Leider ist das in unserem System nur als Dummy (Kartellamt) vorgesehen. Von den Angelsachsen wollen wir mal lieber gar nicht erst reden.

Witzig ist das Beispiel "inhabergeführter Plattenladen". So einen habe ich schon lange nicht mehr gesehen.

Frohe Weichnachten mit Geschenken vom örtlichen Buchändler, Juwelier und dem kleinen Versandhändler für Spielwaren.


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