Kultur

Lauschangriff | 22.01.2012 11:00 | Michael Jäger

Der Konzertgänger von Sanssouci

Friedrich der Große als Komponist: anlässlich seines 300. Geburtstags sind auf dem Album "Flötenkönig" Stücke aus der Feder Seiner Majestät zu hören

Dieses Album heißt FlötenKönig und meint nicht nur Friedrich den Großen, sondern auch Emmanuel Pahud, den Solisten unserer Aufnahme, der als weltbester Flötist gilt. Die CDs versammeln neben zwei Kompositionen aus Friedrichs Hand andere Flötenmusik, die an seinem Hof gespielt wurde oder, wie Johann Sebastian Bachs ihm gewidmete Suite aus dem Musikalischen Opfer, gespielt worden sein könnte.

Letzteres ist zweifelhaft, weil Bachs Polyphonie trotz aller Versuche, sie dem bei Hof gepflegten Stil der Empfindsamkeit anzuähneln, kaum auf Friedrichs Gegenliebe gestoßen sein kann. Denn es gab längst auch Musik, die sich von der als überordentlich empfundenen Polyphonie ganz abgewandt hatte – stattdessen bot sie Melodie mit Akkordbegleitung, was mehr Dynamik erlaubte –, und das war es, worin Friedrich sich wiedererkennen wollte, denn er sah sich als modernen Herrscher und Menschen.

Das Album erscheint aus Anlass seines 300. Geburtstags. Ein Beitext misst ihm und dem Kreis um ihn versammelter Komponisten geradezu musikhistorische Bedeutung zu. Andere Beitexte nehmen das wieder zurück. Im Kontext der damals neuen Musik war sein Geschmack doch eher konservativ. Johann Joachim Quantz, den er zu seinem Lehrer machte, war sein Lieblingskomponist. Carl Philipp Emanuel Bach, einer der bedeutendsten Vertreter dieser neuen Musik, hielt sich zwar 28 Jahre an seinem Hof auf, kam aber nie über die Rolle des Akkompagnisten, des musikalischen Begleiters, hinaus. Seine Kompositionen fanden beim König so wenig Gefallen wie die seines Vaters, wenn auch aus anderen Gründen.

Der depressive Ton als Revolte

Aus anderen Gründen oder doch aus denselben? Die Musik des jüngeren Bach übertrifft zwar die aller hier Versammelten (neben den Genannten Franz Benda, Anna Amalia von Preußen und Johann Friedrich Agricola) an Gefühl und Dynamik bei Weitem. Das kommt aber daher, dass er an musikalische Zonen rührt, wo es im doppelten Wortsinn ernst wird. Er ist eben wirklich der Sohn seines Vaters.

Wenn man sein Flötenkonzert in A-Dur hört – sicher die Perle unter den hier eingespielten Werken –, kann man das Befremden eines Königs von Preußen gut nachempfinden. Wie Sturmböen fahren die Orchestertutti den selbst schon unruhigen Läufen der Flöte in die Parade, ziehen sich so schnell zurück, wie sie gekommen sind, und kommen wieder. Der depressive Ton des Mittelsatzes muss bei Hofe, mag es da noch so kunstsinnig zugehen, subversiv wirken. Ja, das ist Revolte, im Namen des Subjekts, gegen die strenge objektive Welt des Vaters. Die Radikalität im Darstellen ungeschminkten Gefühls geht aber beim älteren Bach noch weiter, auch weil dessen Mittel raffinierter sind (man hört es in den Passionen und mehr noch in einigen Kantaten).

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So gesehen hat sich der Sohn nicht vom Vater abgewandt. Sein subjektiver Gestus führt vom älteren Bach nicht weg, sondern wieder zu ihm hin. Denn Joseph Haydn, der diesen Weg fortsetzte, hielt es zugleich für nötig, eine erneuerte Polyfonie zu schaffen. Das war dann erst die Mischung, die in Beethovens Revolutionsmusik münden sollte.

Friedrich hatte zwar ebenfalls gegen seinen Vater – den „Soldatenkönig“ – revoltiert. Die Musik war ihm ein Mittel der Revolte gewesen. Später indes, als auch er ein großer Soldat wurde, was war sie noch mehr als der Versuch, zur Ruhe zu kommen? An jener musikalischen Entwicklung hatte Friedrich nicht teil.

 
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