Kultur

Bühne | 21.01.2012 11:00 | Stefan Amzoll

Siecht ohne ihre Tochter

Das Maxim-Gorki-Theater zeigt eine neue Theaterfassung des realistischen Ehebruchklassikers "Effi Briest". Entstanden ist eine poetische und reflektierte Inszenierung

Äußerst zurückgenommene Klavierklänge heben an. Solorolle. Effi auf der Bühne. Gerade 16, sonnig, verspielt, sich verhaspelnd, Mädchen, sprühend vor Elan. In hellem Licht die Sehnsucht nach dem guten und schönen Leben, der Wunsch nach Liebe, nach Glück. Anja Schneider lässt sich von dieser ungestümen Lebendigkeit geradezu infizieren und bringt die Figur auf die Höhe ihrer schauspielerischen Künste. Das allein war des Sehens wert. Nicht minder imposant ihr Spiel dort, wo die Kollisionen beginnen und die Kurve abwärtsführt. Glück, was ist das?

Fontanes Effi Briest ist Schullektüre, Kino und Fernsehen haben den Roman dutzendfach adaptiert. Theaterfassungen fehlen nicht. Nun wieder eine. Jorinde Dröse hat sie gemacht, für das Berliner Gorki-Theater, und in eigener Regie auf die Bühne gebracht. Eine schöne, behutsame, einfühlsame Arbeit. Mit ihr knüpft das Ensemble an beste Traditionen des Hauses an. Realismus im Gorki’schen Sinne, poetisch adressiert, scheint durchaus gefragt, das Publikum nimmt derlei dankbar auf.

Dröses Fassung mit auf acht Personen reduzierter Besetzung, darunter Doppelbesetzungen, dichtet nicht, sie verdichtet und geht chronologisch vor. Die von den Schauspielern zitierten Prosatexte wirken wie eingesprengte, strukturierende Zwischenspiele. Der Inszenierungsstil ist klar und einheitlich. Nichts darin, das überflüssig schiene, jeder Gang der Darsteller stimmt, jede Figurenbeziehung hat ihre Wahrheit. Poesie erhält ihren Wert zurück, ein Ausdruck ohne Lärm waltet, ein Gearbeitetsein jeder Szene zielt auf Bedürfnisse der Zuschauer.

Zerrüttete Ehe im Normendiktat

Zugleich hält ebenso überbordendes, leidenschaftliches wie kühles, distanziertes, auch komisches Spiel der Mimen die Zuschauer in Atem. Ganz wichtig das Bühnenbild. Es markiert in bewegten und starren Bildern so sehr die Angst der Epoche, wie sie den Hund Rollo lustig durch die schwarz-weiße Landschaft tapsen lässt (Bühne: Natascha von Steiger, Video: Stefan Bischoff). Bisweilen kommen Bilder im Stile eines Casper David Friedrich, nur dunkler und unheimlicher, als die seinen sind. Klirrende Höhen und fahle Wälder, schwarze Vögel flirren und werfen Schatten auf die Szenerie.

Eine rundum reflektierte Inszenierung, verwirklicht von verstehenden, ihre Parts souverän beherrschenden Schauspielerinnen und Schauspielern. Robert Kuchenbuch gibt den karrierebewussten Gatten-Baron, schon Ehekrüppel in dem Moment, wo er Effi in die Arme nimmt und dies edle Mädchen ohne rechte Liebe auf sich selbst gestellt lässt.

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Ähnlich wie Effi pendelt der junge, verletzte Major Crampas (Paul Schröder) zwischen seiner ungebärdigen Natur und den widrigen Umständen, die ihm begegnen und eine wirkliche Liebe mit Effi unmöglich machen. Moralvorschriften lassen auch Effis Vater (Wilhelm Eilers) zu dem werden, als den ihn die Herrschenden in Staat und Kirche sehen wollen: als einen armseligen Anpasser.

Nicht minder eindringlich die Rolle der Roswitha, verkörpert durch die zuweilen sehr agile, zumeist vom Rand her agierende Ruth Reinecke. Roswitha verteidigt die Bedrängte, fühlt mit, widerspricht dem herrschenden Kodex: Liebe? Erlaubt sie uns, schreit es aus ihr, hindert Effi nicht, sie wenigstens zu fühlen. Lieben können ohne Dünkel, gesetzlos, ungezüchtigt, leben ohne Angst zu haben. Annie, Effis Tochter, ist indes schon drin im Normendiktat, wenn sie auf die Frage, ob sie Vanilleeis bei Schillings zu essen wünsche, sagt: „Oh gewiss, wenn ich darf.“

 
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