Wenn ich böse zu mir selbst sein wollte, dann würde ich das so beschreiben: Ich hänge als Theater- und Hörspielautor, Dramaturg und Erfinder diverser Stadtprojekte seit Jahren am Tropf öffentlicher Subventionen, weil meine Auftraggeber allesamt städtische oder staatliche Theaterhäuser sind. Ich fürchte, ohne öffentliche Gelder würde es meine Arbeit gar nicht geben. Aber eigentlich gibt es gar keinen Grund, böse zu mir selbst zu sein. Denn die Sache ist viel komplizierter und die Arbeit mehr wert als dieser billige Selbsthass.
Bei so gut wie allen Projekten ging es um gesellschaftliche Teilhabe von Minderheiten, um illegalisierte Migration, um Sinti und Roma, um Abschiebung. Also keine Kassenschlager. Es ging um die Auflösung der Grenzen zwischen künstlerischer und politischer Praxis – jedes Projekt kollidiert irgendwann mit der politischen Realität, und man muss die eigene Arbeit als Kunst verteidigen.
Zuletzt geschehen ausgerechnet in Hannover! Dort wurde mein Stück Deportation Cast, in dem es um die Abschiebungen der hier lebenden Roma in den Kosovo geht, als Auftragswerk uraufgeführt: am Staatstheater. Natürlich ruft irgendein Mensch aus dem Ministerium im Theater an und fragt, ob die Grenzen der Einmischung auch schön gewahrt blieben. Schließlich steht die niedersächsische Staatsregierung in Gestalt ihres Innenministers an vorderster Front, wenn es um den Vollzug dieser Abschiebungen geht.
Ich bin also permanent in der Situation, genau in die Hand zu beißen, die mich füttert. Genau damit wäre man schon bei des Pudels Wulff angekommen: Wie unabhängig bin ich eigentlich von meinen Geldgebern? Oder anders gefragt: Ist den Geldgebern eigentlich klar, dass sie genau deshalb ihr Geld ausgeben, damit ich sie infrage stelle?! Wer garantiert mir, dass die öffentliche Hand mit ihrem Geld auch weiterhin Freiheit verteilt?
Björn Bicker gewann 2010 für Hauptschule der Freiheit an den Münchner Kammerspielen den Bundespreis für Kulturelle Bildung
Er ist einer von sieben Kulturschaffenden, die sagen: "Wir gestehen: Schuldig!" Weitere Offenbarungseide:
Der Journalist: Michael Angele über die "Verdrehte Welt"
Die Kulturministerin: Jana Hensel sorgt sich um ihre "Üble Vergangenheit"
Der Wissenschaftler: Ralf Klausnitzer fragt "Apple für alle?"
Der Künstler: Kito Nedo beklagt "Amigo-Allianzen"
Der Filmemacher: Marc Ottiker moniert den "Kreis der Schlechtigkeit"
Der Schriftsteller: Clemens Meyer bekennt: "Ich war gegen Gauck!"
|
|
Das ist, lieber Herr Bicker, allenfalls ein spaßige, aber eben keine ernst zu nehmende Selbstbezichtigung.
Sie bekommen das Geld (Förderung, Subvention, Zuschuss) ganz offen (darum heißt es ja "öffentlich"), um eine Kulturleistung anzubieten, die sie so, auf dem freien Markt nicht platzieren könnten, damit sie diese Leistung frei, ohne Druck, abliefern, also Kultur ohne Rücksicht auf einen wirtschatlichen Sponsor schaffen. Allerdings sollten Sie sich auch nicht allzu viel auf den "Anruf" einbilden, der in seiner Naivität ja nur offen legt, wie unwichtig im Bezug auf irgend ein wirklich wichtiges, mediales Wertschöpfungssystem, ihr Theater ist. Wäre es ökonomisch wichtig, riefe nicht irgend ein Mensch aus irgend einem Ministerium an, sondern ein namhafter Produzent, Investor oder Sponsor kündigte ihnen die Zusammenarbeit. So gerät die Selbstbezichtigung, die keine Nähe zu der haben kann, die von Herrn Wulff gefordert wäre, weil sie deren Umstände und Tatbestände nicht erfüllt, zur Farce. Das ist wiederum sehr theatralisch. Danke. Liebe Grüße Christoph Leusch |
Ausgabe 20/2012
16.05.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellenDas Schema
Michael Rutschky, Kathrin Passig u. a.
nachtkritik.de
Unentbehrlich für Theaterliebhaber
Umblätterer.de
Feuilletonbeobachtung. Intelligent und ironisch
Matthias Matusseks Video-Blog
Das deutsche Videoblog von Weltformat.
herthabsc.blogspot.com
Marxelinhos Blog über Hertha und Arsenal
flasher.com
Künstler über Künstler. Auf Englisch
The New Republic
Das US-Magazin
readme.cc
Die virtuelle Bibliothek
Kulturministerium.ch
Wahlrecht für die Schweiz
Parallelfilm
Notizbuch Christoph Hochhäusler