Dunkel die Stimmung. Ein Wald. Graue, klirrende Sträucher. Baumstämme hängen oben wie bedrohliche Achsen (Bühnenbild: Rebecca Ringst). Spotlight blendet die Zuschauer. Webers Ouvertüre, teils aufgetrennt, tönt wie aus dem Grab. Musik, die gleich der Inszenierung gegen den romantischen Strich bürstet, was sie letztlich um ihre Qualitäten bringt. Die Hörner quälen sich, die orchestrale Harmonik erschrickt vor dieser hintergründigen Ödnis und Dunkelheit. Da, ein Schwein. Oder ist es ein Eber? Das Schweinssymbol, so will es offenbar die Bühne, steht für die Verhausschweinung der Opernvorlage, es heftet sich letztlich an alle. Dann stürzt die Meute, fuchtelnd mit Schnellfeuerwaffen, herbei.
Die große Jagd beginnt. Der Freier der Agathe, Max, muss der beste Schütze sein. Das erwartet das „Hyänenvolk“. Anders sei das, was da stets gewaltbereit sich gebärdet, nicht benannt. Leitmotive sind nicht die Arien- und Chormotive, die jedes Kind nachpfeifen kann, vielmehr das Grölen einer psychopathischen Masse. Die Jäger sind schießwütig. Die mitlaufenden Weiber nichts als Anhängsel. Die Brautjungfern gehässige, verschweinte Weiber. Sie reichen folgerichtig der Agathe statt des Jungerfernkranzes den Totenkranz. Die Braut Agathe (Ina Kringelborn) – noch ihre tröstlichen mitfühlenden Arien sollen dem blutigen Tableau geopfert werden, was allerdings misslingt – schlottert vor Angst und bösen Erwartungen. Max (Vincent Wolfsteiner), Held, Freier, Verkörperer edelster Ideale, schrumpft zum Kretin. Er singt psychosomatisch gestört und läuft rum wie das umzingelte Raubtier. Nackt darf er über die Hölzer irren, oben das schiefe Kreuz aus Baumstämmen, sich über Agathe schwitzend beugen, seiner Sinne, seines Elans, seiner Gottesfürchtigkeit entkleidet.
Max wird in der Wolfsschluchtszene im Zeichen der Freischüsse zum opfergierigen, menschenzerstückelnden Täter und Mittäter gemacht. Die befremdlichste Szene in der Oper. Schließlich der Begriff „Volk“, der sich unter Bieito, dem wüsten Inszenator, kundtut. Tummelt sich so etwas wie Volk in Gestalt wechselnd besetzter Chöre, dann auf dem Niveau niederster Instinkte (Chorleitung: André Kellinghaus). Webers Freischütz, in dem kraft der finalen Worte des Eremiten (Alexey Tihomirov) die Liebe obsiegt, kam 1821 auf die Bühne. In der dürren Metternich-Ära. Die bürgerlichen Ideale expandierten und deformierten zugleich. Alle '48er Revolutionen in Europa wurden niedergeknüppelt. In dem geschichtlichen Horizont siedelt der Freischütz.
Potenzielle Mörder
Aber der interessiert die Inszenierung nicht. Ihr Streben bewegt sich durchweg auf abschüssiger Bahn, zeigt Welt- und Menschenverachtung. Ein durchaus beachtenswerter Ansatz, weil der spanische Regisseur Calixto Bieito die katastrophalen Umstände im Heute darstellen will. Nur muss er sich dann auch die passenden Gegenstände aussuchen. Aus Mozarts Entführung aus dem Serail eine Kriminal- und Bordell-Oper zu machen (Calixto-Inszenierung 2004 an der Komischen Oper), erlaubt die Mozart’sche Musik nicht. Das Gleiche beim Freischütz. Webers Musik steht für sich. Den Arien und Chören ist ihr ursprünglicher Geist nicht auszutreiben. Wenn in jedem Menschen der Übeltäter, der potenzielle Mörder wohnen sollte, wie Calixto betont, dann muss dieses fragwürdige Artefakt anders bebildert und musiziert werden. Konsequent das Ende: Die Belehrenden und Verzweifelten werden zusammengeschossen. Licht aus. Kontrovers reagiert das Publikum. Wie immer, wenn Calixto inszeniert.
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Habe im letzten Jahr eine sehr gute "Freischütz"-Aufführung im Heimathafen Neukölln gesehen. Gut, weil Weber hier zu erkennen war.
Mittlerweile kann man Opernaufführungen in Berlin nur noch als Spielwiese von Regisseuren begreifen. Warum schreiben diese dann nicht ihr eigenes Libretto? |
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"Webers Ouvertüre, teils aufgetrennt, tönt wie aus dem Grab."
Was soll das denn heißen, "teils aufgetrennt"? Es ist ja nun nicht so, dass historische Stücke nicht auch hier und da so viel Raum für Interpretationen und Zeittransfers hergäben, so dass ein Regisseur arbeitslos würde. Wenn jedoch jeder Respekt für Zeit und Ort eines Stückes und seiner Musik verloren geht - und damit auch wirklich das Einfühlen -, ist ein Punkt erreicht, wo sich nicht mehr mit Freiheit der Kunst herausgeredet werden kann. Man muss ja i.F. des "Freischütz" immerhin sehen, dass Weber seine Deutung des Stoffes als durchkomponiertes Kunstwerk geschaffen hat. Ein Zeittransfer liegt auch bereits vor: Die Handlung ist im Dreißigjährigen Krieg angesiedelt, kommt aber in der Wiedergabe des 19. Jh's daher. Weber konnte das so machen - es ist zuerst sein Kunstwerk. Alle Nachfolgenden, die sich daran versuchen, es auf die Bühne zu bringen, sollten wenigstens den Respekt vor dem Schöpfer, dem Text und der Musik (beide eignen sich hier gar nicht für postmoderne Untergangsszenarien) und eben der Zeit haben. |
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Das klingt nach einem spannenden Plot. Wenn Bieito sich eine gute Death Metal Band dazu eingeladen hätte, sowas wie Fleshgod Apocalypse z.B., dann konnte das ein stimmiges Projekt werden.
Freilich hätte er's dann kaum am Opernhaus mit Subventionen machen können. |
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