Kultur

ERHELLEND | 26.11.1999 00:00 | Christiane Wagner

Selbstzerstörung der Töchter

Wenn Väter Opfer fordern und bekommen

Am Anfang stehen die Namen berühmter Töchter. Anna Freud. Erika Mann. Sylvia Plath. Dann folgt die These: "Hier wie dort treffen wir in den Biographien dieser Frauen auf ein nahezu identisches Muster der Aufopferung für den Vater - ein Opfer, das immer mit dem Verlust an eigener vitaler Lebensenergie und Selbstaufgabe verbunden ist."

Herbert Beckmann vermisst in den modernen Sozialwissenschaften und der Psychologie die Beschreibung und Analyse problematischer Vater-Tochter-Beziehungen. Er hat sich aufgemacht, dieses Neuland zu betreten, indem er die kontinuierliche Wiederkehr dieser Beziehungen in Mythos, Literatur und Film nachweist, um daraus abgeleitet Aussagen auch über die Wirklichkeit treffen zu können. Nicht vergessend, dafür eine notwendige zweite These in den Raum zu stellen: "Das wahrhaftige Produkt künstlerischer Arbeit spiegelt die Wirklichkeit in verdichteter Form wider. Die Rückübertragung verdichteter Wirklichkeit ist in diesem Sinne also nicht nur erlaubt, sondern geboten."

Gleich bei Euripides, in den Anfängen der Literatur, findet Beckmann eine der tragischsten Formen der Aufopferungen einer Tochter für ihren Vater. Iphigenie gibt ihr Leben, weil es das Orakel von Agamemnon verlangt. "Das Grundmuster. Ein starker Vater, mit dem sich die Tochter in dessen Not identifiziert." Das ist der Kern, auf den der Autor aufmerksam machen will. Es geht ihm, wie er selbst beteuert, nicht darum, Väter anzuklagen. Er sucht nicht allein nach dem repressiv-patriarchalischen Moment in der Beziehung. Er sucht nach der Antwort auf die Frage, warum sich Töchter immer wieder bereitwillig aufopfern. Das setzt die vollständige Identifikation der Tochter mit den Idealen des Vaters voraus. Nur wenn sie seine Schwäche als Ohnmacht vor der Gewalt höherer Prinzipien versteht - einer Hierarchie, einer außerfamiliären Macht, die ihn zwingt - nur wenn der Verehrte schuldlos erscheint, wird es möglich, sich selbst um des Vaters willen aufzugeben. Iphigenie gibt davon augenfällig Zeugnis: "Für alles Land von Hellas biet ich meinen Leib / Freudvoll zum Opfer am Altar der Artemis / Den Führern, wenn es also will der Gottesspruch." Der Name für das gesuchte Beziehungsmuster scheint naheliegend - das Agamemnon-Prinzip.

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Literarische Illustrationen dieses Prinzips kennt Beckmann viele. Da ist das Märchen vom Mädchen ohne Hände bei den Brüdern Grimm. Ein Teufelspakt verlangt vom Vater, dass er der Tochter beide Hände abhaue. Sie nimmt demütig an, was sie für ihr Schicksal hält. Selbst in der Bibel findet sich ein Beispiel. Es ist Lot, der seine beiden Töchter der lüsternen Meute als Ausgleich bietet, damit sie seinen Hausfrieden nicht verletze. Das missbräuchlichste Opfer schließlich, der Inzest, begegnet längst nicht nur im Grimmschen Allerleirauh-Märchen. Geläufiger wird die Geschichte des Homo Faber sein. Immer neu gestaltete Versionen des Opferprinzips fallen dem Autor ein: ob bei Shakespeare, Thomas Mann oder Ingeborg Bachmann.

Doch auch dem utopischen Gegenentwurf wird Raum gegeben. Keine geringere als Pipi Langstrumpf ist es, die das angenommene Töchter-Schema durchbricht, die üblichen Kräfteverhältnisse ins Gegenteil verkehrt. Hier ist es der Vater, der zur Tochter sagt: "Mach was du willst, das hast du immer getan." "Ich komme schon zurecht!", ruft die immer unverzagte Pipi fröhlich. Eventuelle Sorgen sind unberechtigt.

Beckmann unterscheidet zwischen leiblichem und sozialem Vater, bedenkt die nicht seltene Übertragung der Vater-Beziehung auf die Partner-Beziehung und kommt schließlich zu dem Ergebnis, dass all die ausgewählten Beispiele, mögen sie im Detail auch noch so unterschiedlich ausgeformt sein, doch diese eine wesentliche Gemeinsamkeit haben: "Ambivalenz kennzeichnet die Gefühle von Töchtern gegenüber den Vätern, die sich ihren Töchtern zuwenden. Eine Art Hassliebe ist das Resultat." Sein Mittel zur Heilung lautet: Behutsamkeit. Das Erzeugen altruistischer Tendenzen hingegen diagnostiziert er als Gift für Töchter.

Es gelingt Beckmann, These Eins sorgfältig und mit vielen Quellen überzeugend zu belegen. Indes: So anschaulich das Material auch sein mag, es bleibt ein literarisches, kein biographisches. These Zwei zu stützen, steht noch aus. Was vernachlässigt werden darf, wenn, wie hier der Fall, bereits die Illustration eines noch unverbrauchten Modells selbst übergenug interessante Aspekte und Diskussionsansätze bietet.

Neuland zu betreten ist immer ein spannendes Unterfangen. Das biographisch genaue Ausmessen mag dann getrost den Nachfolgenden überlassen bleiben.

Herbert Beckmann: Das Prinzip des Agamemnon. Töchterschicksale im Namen des Vaters. PapyRossa Verlag, Köln 1999. 147 S., 26,- DM

 
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