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Subcomandante Marcos über fremde Codes und die Waffen der Zapatisten
Zwei der wichtigsten Chronisten der mexikanischen Gesellschaft, Hermann Bellinghausen, der den Krieg in Chiapas jahrelang aus unmittelbarer Nähe verfolgt hat, und Carlos Monsivaís, scharfsinniger Beobachter der Hauptstadtkultur, haben Subcomandante Marcos, den Sprecher der Zapatisten, vor dem Auftreten der EZLN-Delegation im mexikanischen Kongress interviewt. Das Gespräch wurde in der Tageszeitung La Jornada in voller Länge veröffentlicht.
HERMANN BELLINGHAUSEN: Ihr seid als indigene Bewegung aufgetaucht, isoliert von den anderen, so wie das immer in diesem Land geschah. Aber seit eurem Erscheinen war da eine symbolische Anziehungskraft - die indigene Bewegung hat in besonderer Weise auf euch reagiert. Was habt ihr dabei entdeckt?
MARCOS: Wir haben uns immer bemüht, ehrlich zu sein. Anfangs sind wir der indigenen Bewegung eher entgegnet, als ihr zu begegnen - genauso war es mit der politischen Klasse, mit der Linken, mit der Gesellschaft. Im Untergrund hatten wir uns auf eine Welt vorbereitet, die es so gar nicht gab. Vieles verstanden wir auch nicht. Die politische Klasse hat ihre eigenen Codes, ihre Signale, die wir nicht begriffen. Begegnung fand erst statt, nachdem wir kapiert hatten, dass es nicht um die Repräsentanten der indigenen Bewegung in der politischen Klasse gehen konnte, sondern um die indigene Bewegung selbst.
Denn offenbar haben die Indígenas nie aufgehört zu widerstehen und sich im ganzen Land zu bewegen. Das brachte uns auf den Gedanken, den Dialog zur Lösung des Problems zu nutzen. Denn das Problem des EZLN besteht ja nicht darin, in der Stunde des Dialogs ein paar Forderungen erfüllt zu bekommen, sondern dass mit diesen Forderungen auch sein Verschwinden einhergeht. Schließlich geht es in unseren Gesprächen mit der Regierung um Garantien, die uns überzeugen, dass es nicht mehr nötig sein wird, das zu tun, was wir getan haben, dass wir nicht mehr sein müssen, was wir noch sind.
CARLOS MONSIVAIS: In einer sehr langen Etappe gab es eine Gemeinsamkeit mit euren Gesprächspartnern: Verbalen Überfluss - ihr habt ganz schön viel geschwafelt.
Wir sind nicht gleich, genauso wenig wie ein Schwuler und eine Lesbe gleich sind. Wir kämpfen nicht für die Gleichheit im Sinne der Gleichmacherei. Grundlegend in unserem Kampf ist die Forderung nach Anerkennung indigener Rechtsprechung und Kultur, denn das sind wir. Hieraus ergibt sich die Anerkennung der Differenz, des Anderen. Es gibt natürlich das Problem, dass wir eine Kraft sind, die nicht aus der Tradition der politischen Klasse stammt, sondern die ihre Strategie aus den indigenen Gemeinden zieht. Daher heißt "Nie mehr ein Mexiko ohne uns!" gleichzeitig "Nie mehr einen 1. Januar 1994!" (*). Die Kameras, die Medien und alles, was es sonst noch gab, das kam nachher. An jenem 1. Januar gab es Tote, Zerstörung, Verfolgung, Verzweiflung, Angst und Schrecken - alles, was Krieg bedeutet.
Wir wollen nur Garantien, dass wir Teil dieses Landes sein können, nach unseren eigenen Kriterien. Wir wollen keine Abspaltung, keinen eigenen Staat, wir wollen nicht die Union Sozialistischer Republiken Zentralamerikas.
CARLOS MONSIVAIS: Es gibt Stimmen, die sagen, dass der EZLN die Lage der indigenen Bevölkerung weder in Chiapas noch im Rest das Landes verbessert hat, sondern dass sie eher schlechter geworden ist.
Der EZLN kann nicht eine Lösung vortäuschen oder Schluss machen mit einem Spektakel seiner Anführer, die dann wichtige Ämter erhalten, meisterhafte Vorlesungen halten, Bücher signieren oder was auch immer die Zukunft für sie bereit hält - einen Gouverneursposten, die Leitung der PR-Abteilung eines neuen Regimes -, solange für den Rest der Bevölkerung alles beim Alten bleibt: Hier vielleicht noch einen Laden, dort noch eine Gesundheitsstation, wohl wissend, dass sich nichts ändert an den Bedingungen der Armut. Wir wollen die Waffe ablegen, wollen unsere Armut in ein Kampfinstrument für Freiheit und Demokratie umwandeln. Wir wollen Veränderungen, keine Almosen.
CARLOS MONSIVAIS: Ist der Satz "Nie mehr ein Mexiko ohne uns!" gleichbedeutend mit "Nie mehr ein Mexiko gegen sich selbst!"?
Genau.
CARLOS MONSIVAIS: Es gibt einen Punkt beim Vertrag von San Andrés über "Sitten und Gebräuche". Das scheint eher ein Aufruf zum Stillstand ...
Einige "Sitten und Gebräuche" in den indigenen Gemeinden taugen nichts: der Verkauf von Frauen, der Alkoholismus, die Verbannung von Frauen und Jugendlichen aus kollektiven Entscheidungen. Der Rechten ist alles, was sich mit "Ordnung und Respekt" zusammenfassen lässt, angenehm. Diese "guten" Sitten und Gebräuche würde sie am liebsten auf die ganze Nation ausdehnen.
CARLOS MONSIVAIS: Seit sieben Jahren hat Marcos eine Führungsposition innerhalb des EZLN inne. Kannst du dir vorstellen, auch ohne Waffen in der Regional- oder auch in der nationalen Politik zu agieren?
Ich spreche zwar hier mit griffbereiter Waffe und Maske, aber ich will ganz gewiss weder das eine noch das andere behalten. Nicht nur aus pazifistischer Überzeugung, sondern weil wir Politik machen wollen - dabei stören die Waffen. Aber man wird sie uns nicht im Tausch gegen nichts wegnehmen. Die Antwort auf deine Frage lautet also: Ja. Und das gilt nicht nur für mich als Person.
Übersetzung: Ulrich Mercker
(*) Ausbruch des Aufstandes.
Ausgabe 06/12
09.02.2012
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