Politik

Antonio Negri | 01.02.2002 00:00 | Im Gespräch

Porto Alegre ist nicht die Pariser Commune

Der italienische Philosoph Antonio Negri über seine Nähe und Distanz zum Weltsozialforum, den Anti-Amerikanismus und die schädlichen Illusionen eines überholten Souveränitätsbegriffs

Antonio Negri, renommierter Staatsrechtler und Theoretiker der autonomen Linken Italiens, galt stets vor allem denen als Vordenker, die einen Weg jenseits des alles durchdringenden Kapitalismus suchten. Im April 1979 wurde Negri mit 70 weiteren Linken verhaftet. Doch der Vorwurf des bewaffneten Aufstandes gegen die Staatsgewalt erwies sich als unhaltbar – die Anklage blieb jedoch bestehen. Nach einem inoffiziellen Asyl in Frankreich kehrte Negri 1997 freiwillig nach Italien zurück und wurde prompt verhaftet. Momentan lebt er zwar außerhalb der Gefängnismauern, darf das Land aber nicht verlassen. Zuletzt schrieb er zusammen mit Michael Hardt das Buch Empire, mit dem die Globalisierung als Durchdringung von Politik und Ökonomie untersucht wird.

FRAGE: Weshalb sympathisieren Sie mit den Ideen, der sich die Bewegung von Porto Alegre verschrieben hat?
TONI NEGRI: Porto Alegre ist zunächst einmal nicht die Pariser Commune. Dennoch ist das Weltsozialforum ein Ort, an dem die Großzügigkeit und das kämpferische Vermögen einer Gemeinschaft spürbar sind, die sich zu rekrutieren beginnt. Ich teile diesen Esprit, ich teile auch das Ziel, weltweit eine Opposition zum herrschenden ökonomischen Liberalismus aufzubauen und nach einer denkbaren Alternative zur Globalisierung zu suchen. Das ist das substanzielle Element - der Entwurf einer Gegenwelt. Dabei gibt es natürlich sehr unterschiedliche Positionen, woraus folgt, dass ich nicht in jedem Fall damit einverstanden bin

Spielen Sie auf den Anti-Amerikanismus an, den Teile der Bewegung vertreten?
Ich habe eher den Eindruck, dass es gerade diese Widersprüche sind, denen die Bewegung ihr Zusammenrücken verdankt. Es ist natürlich vollkommen idiotisch, anti-amerikanisch zu sein. Man muss diese falsche Position aufgeben, wonach die amerikanische Regierung der alleinige Feind sei. Diese Regierung ist zweifellos der wichtigste aller in Betracht kommenden Akteure, aber sie agiert nicht allein. Sie würde nicht existieren, gäbe es nicht die Führungseliten des Weltkapitalismus, die ihr vorbehaltlos zur Seite stehen. Die Mobilisierung der amerikanischen Arbeiter ist daher die wichtigste Mission, der sich die Globalisierungskritiker nach meinem Eindruck derzeit gegenüber sehen.

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Zu welchen Positionen gehen Sie auf Distanz?
Man muss wirklich damit brechen, dass sich allein Porto Alegre für die Dritte Welt ins Geschirr legt. Diese Dritte-Welt-Gläubigkeit war eine verhängnisvolle Illusion: Sie hat verhindert gegen den Kapitalismus zu kämpfen, weil sie ihn nicht als globales Phänomen begriff. Man muss doch sehen, dass überall auf der Welt der gleiche Widerspruch existiert: Die Arbeiter werden dank bestehender Hierarchien und ungleicher Verteilungsverhältnisse ausgebeutet. Wer ein Weltforum auf die Beine stellen will, den muss das Bewusstsein leiten, dass der Nord-Süd-Gegensatz heutzutage nur mehr ein geographischer Unterschied zwischen Nationalstaaten ist.

Wie erklären Sie dann das Wiederaufleben eines profunden "Souveränismus", der sich in Porto Alegre beispielsweise durch die Präsenz des ehemaligen französischen Innenministers Jean-Pierre Chevènement manifestiert?
Ich glaube, genau das ist die Schwäche der Bewegung. Eine Schwäche, die von der Illusion getragen ist, man könnte in eine Ära zurückkehren, die es vor der Globalisierung gab. Aber der Nationalstaat ist passé. Die Globalisierung ist keineswegs durch einen maßlosen Machtwillen der Amerikaner provoziert worden - übrigens kommt der wirkliche Anti-Amerikanismus gerade von den Souveränisten. Die Globalisierung hat dazu geführt, dass die Nationalstaaten in ihrem eigenen Wirkungsradius die Bewegungen des Kapitals nicht mehr kontrollieren können. Drei oder vier Jahrhunderte lang war der Nationalstaat eine wirklich ausgezeichneter Rahmen für die Prosperität des Kapitals und die Regulierung der gesamten Gesellschaft. Wenn diese historische Situation heute der Vergangenheit angehört, dann auch, weil selbst die Amerikaner diesen Nationalstaat nicht mehr erhalten können. Man sieht sich in der paradoxen Lage, dass der US-Präsident auch dank ausländischen Geldes gewählt wird. Das Kapital der saudi-arabischen Ölscheichs ist so in das amerikanische Wirtschaftsleben integriert, dass man wirklich nicht mehr davon sprechen kann, dass die klassische nationalstaatliche Autorität noch funktioniert. Chevènement nähert sich bei seinen Auffassungen einem Appetit auf Autonomie, wie er einem Teil des korsischen Volkes eigen ist: Der Nationalismus ist eine Form, die nicht mehr funktioniert, und der Souveränismus ist nur eine schädliche Illusion.

Birgt der engagierte Kampf gegen den Terrorismus, der in allen westlichen Staaten geführt wird, auch das Risiko, dass die globalisierungskritische Bewegung kriminalisiert wird?
Da habe ich wirklich Angst. Denn was wir zur Zeit erleben, das ist weder ein Krieg noch eine Polizeiaktion. Das ist vielleicht die neue Form des Gebrauchs von Macht auf imperialem Niveau. Die heute geführten Kriege sind weniger zerstörerisch, dafür aber mehr und mehr habituell und konstitutiv - das heißt, die Militärs entwickeln sich zum Administrator, zum konstituierenden Element der sozialen Ordnung. Die große Gefahr ist, dass damit bis hin zu den Nichtregierungsorganisationen bestimmte Funktionen absorbiert werden. Es ist offensichtlich, dass es eine Ausweitung dieser verhängnisvollen Gesetzmäßigkeit geben wird. Dennoch bin ich optimistisch, weil sich nicht nur Widerstand, sondern Gegenmacht formiert, die sich diesem Phänomen entgegen stellt. Noch vor Jahren sah ich in keiner sozialen Bewegung eine solche Kapazität und eine solche Intelligenz, um die Gewalt der Macht zu verstehen und sich durch originelle Strategien darauf einzustellen.

Dokumentiert aus der französischen Zeitung Le Monde vom 28. 1. 2002.

 
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