Jedes Jahr so um die Weihnachtszeit schlägt unser Gewissen. Plötzlich ahnen wir: der Mensch kann nicht immer und vor allem nicht immer reibungslos funktionieren. Wir schauen milder als sonst auf die, die aus ganz unterschiedlichen Gründen ins Abseits geraten sind. Hilfsverbände nutzen die Bereitschaft, ein wenig tiefer in die Geldbörse zu greifen. Auch dann, wenn der Name des edlen Spenders nicht über den Bildschirm flimmert, wird gegeben. Seit ein paar Jahren aber hören die, die mit der Sammelbüchse einer wohltätigen Organisation durch die Häuser ziehen, vor dem Klingeln in der Büchse immer häufiger den Satz: Wer weiß, ob wir nicht selbst irgendwann darauf angewiesen sein werden ...
Das reiche Land, das Deutschland noch immer ist, vermittelt statt Zukunftsvisionen vermehrt Angst. Die Berufsgruppen, die sich selbst im Aufwind sehen, sind an einer Hand abzuzählen. Bis vor etwa zwei Jahren gehörten Medienberufe, Bank-, Versicherungs- und Informatikjobs dazu. Inzwischen sind auch diese sogenannten Traumberufe von Konjunktureinbrüchen heimgesucht. Die Krise hat Allianz und Pixelpark oder die großen Zeitungskonzerne ebenso erreicht wie die Bauindustrie und die kleinen Handwerker und sorgt dafür, dass quasi über Nacht dem forschen "selber Schuld" der nachdenkliche Satz: "Heute geplante Lebensläufe sind schon morgen unrealistisch" gegenüber gestellt wird. Die Mittelschicht kommt nicht mehr ohne nasse Füße durchs Leben, da sinkt die allgemeine Stimmung tiefer als wenn es "nur" die Ungelernten oder die in den Fabriken träfe. Auch gut Ausgebildete gehen auf der Suche nach Arbeit immer häufiger über die Landesgrenzen.
Skepsis nagt am Optimismus. Es ist, als ob eine Leiter nicht mehr nach oben, sondern nur noch nach unten führt. Politik wirkt wie das Notreparaturprogramm, durch das ein Zustand auf immer geringerem Niveau mühsam erhalten werden soll. Der Mangel an Ideen führt dazu, dass Politikerauftritte immer mehr zu Werbe- oder Abschreckungsveranstaltungen der Parteien geraten, es geht nicht um Problemlösungen, nur noch um Selbstdarstellung. Und die ist umso lautstarker, je dürftiger die eigenen Konzepte sind. Deutsche Gründlichkeit arbeitet sich an Äußerlichkeiten ab, innovative Wege zur Bewältigung aufgehäufter Probleme sind Mangelware, das Mittelmaß diktiert die Normen und verhindert das Gespräch. Die Politik hat sich durch jahrzehntelang geübte Rituale beinahe ausgebremst und gründlich in den Schlamm gebohrt. Ein sachliches, politisches Gespräch, bei dem einer die Argumente des anderen aufnimmt, wägt, berücksichtigt oder begründet verwirft, gehört zur absoluten Ausnahme.
Solche Armutszeugnisse des politischen und sozialen Alltags deutlich zu machen, war für mehr als 50 deutsche Autorinnen, Autoren und Fotografen das Anliegen, als sie im Gedenken an den französischen Soziologen Pierre Bourdieu und seinen Band Das Elend der Welt vor einiger Zeit eine Art Bestandsaufnahme des Leidens an dieser reichen Gesellschaft zu planen begannen. Die drei Herausgeber Günter Grass, Daniela Dahn und Johano Strasser formulieren sehr direkt: Diese Gesellschaft ist fast so hilflos wie ihre einzelnen Mitglieder. Wirr und scheinbar konzeptlos taumeln die Politiker ebenso wie die abhängig Beschäftigten, jene, die längst über die Ränder stürzen und die, die ihr Geld zusammen zu halten versuchen durch ein vorläufig noch "wohlständiges Gehäuse", wie Grass es formuliert, besichtigen die Schadstellen, können sich aber über die Ursachen der Übel nicht einigen. Korrekturen bleiben auf der Strecke. Eine konstant hohe Anzahl Betroffener muss für lange Zeiträume von Sicherungssystemen versorgt werden, die dafür nicht ausgelegt waren.
Es geht in diesem Band aber nicht nur um Armut, die sich an Fremden, an Bettlern, Obdachlosen, Kranken oder Behinderten beschreiben lässt. Vor allem werden die subtilen, die schleichenden Formen von Unbehagen, Hilflosigkeit, Verarmung - und zwar wirtschaftlich, sozial, geistig und kulturell - ins Bewusstsein gerückt. Vorgänge, die täglich beobachtet werden können.
Solange wie möglich hält sich die große Mehrheit Erkenntnisse dieser Art vom Leib. Zeitungen drucken Meldungen vom Elend entweder als Sensation oder in den Spalten am Rand. Wie der Nebenmann vor dem Desaster lebte, wie dessen Alltag war, stört das eigene Wohlbefinden. Das Ich-Prinzip funktioniert. Wer allzu viel mitleidet, schwächt eigene Überlebenskraft. Dabei verdrängen wir gern, dass damit ein großer Teil der eigenen Menschlichkeit, des eigenen Wertesystems auf der Strecke bleibt.
Das ist auch eine Form von Verarmung. Wir passen uns an, regen uns pünktlich auf, wenn die Medien es vorgeben, schalten ebenso schnell wieder ab, befolgen ganz brav die Regelmechanismen des Arbeitsmarktes oder der Freizeitorganisatoren. Alles im Namen der Individualität. Er oder sie profilieren das Ich bis zur bedingungslosen Kompatibilität mit allen anderen. Markt, Werbung, Moden sind gar nicht abzuschalten. Wer nicht mitziehen will oder kann, kappt auch die Verbindungen zu seiner bisherigen Umwelt, vor allem Kinder und Jugendliche leiden darunter. Also versuchen wir, möglichst reibungslos zu funktionieren - oft über die körperlichen Ressourcen hinaus. Und liefern uns damit dem Einstieg in den Abstieg aus, der - auch das belegt der Band - häufig über die Erschöpfung erfolgt.
Wer krank wird, verletzt die Norm, gibt Verwundbarkeit zu, verliert damit seinen Wert als allzeit verwendbares Instrument. Dieses reiche Deutschland lässt für Regeneration wenig Raum. Oder aber zu viel, was genau so krank macht. Es verteilt die vorhandene Arbeit so, dass einige gar nicht mehr wissen, wie Leben außerhalb von Arbeit ist, und andere die leere Zeit um sie herum als Beleg für die eigenen Nichtigkeit wahrnehmen.
Der Band sammelt kleine literarische Stücke, faktenreiche Argumentationen, Überlegungen und Selbstzweifel, Protokolle und Analysen, die als Warnsignale verstanden werden wollen: Beim Umbau der Gesellschaft dürfen nach dem Verständnis der Autoren vor allem die sozialen und kulturellen Werte europäischer Zivilisation nicht geopfert werden. Wichtig auch deshalb, weil mit der Osterweiterung der EU Hoffnungen verknüpft sind, die wenigstens zu Teilen erfüllt werden müssen, wenn das Ganze nicht die allgemeine Schwäche verstärken soll.
Wer vor zwölf Jahren mit der DDR der Bundesrepublik beigetreten wurde, stellte erstaunt fest, dass die Freiheit vor Werktor oder Schreibtisch auf Mäuseformat schrumpfte. Beim Geld hörten Debatten und Freundschaften auf. Regierung und Kanzler durften - welche eine Wohltat - kritisiert werden, wer die Auflösung seiner Betriebe verhindern, die unfreundliche Übernahme durch einen Konzern per Hungerstreik aufhalten wollte, wie die Kalikumpel von Bischofferode - stürzte den ganzen Ort in Armut. Wo die Grenzen im einzelnen verliefen, hatten die Neubürger schnell zu erkennen. Wer sich für selbstbestimmt agierend hielt, konnte bald tatsächlich selbst bestimmen, allerdings nur noch über grenzenlose Freizeit. Für die große Zahl der 55-jährigen DDR-Protestler eine eher theoretische Frage. Sie wurden zum Kehraus des neuen Deutschland. Es gehörte mehr als das übliche Selbstbewusstsein dazu, diesen Fußtritt ohne den Absturz in das alkoholgetränkte Milieu zu überstehen. Viele schafften es nicht. Zuwachs für die ohnehin bevölkerten Ränder. Wobei das Wort Rand suggeriert, gewachsene Armut wäre zu übersehen. Sie ist es schon lange nicht mehr. Im Lichterglanz der Weihnachtsketten hocken die Gestrandeten mit ihren hochprozentigen Wärmeflaschen. Es werden mehr, und sie werden immer jünger. Denn Schule bereitet nur unzureichend aufs Leben vor, sie garniert Kindheit, je nach Elternhaus und individueller Zuwendung mit oder ohne krönenden Abschluss. Das in dem Buch zusammen getragene Material setzt denen ein Denkmal, die sich den diversen Problemen armer Menschen stellen, vor allem aber auch jenen, die umsteuern und neu denken wollen: Der großen Zahl von engagierten Ärzten und Ärztinnen, den Köchen und Kirchenangehörigen, denen, die Spenden sammeln oder Geld aus unterschiedlichsten Töpfen locker zu machen verstehen. Fördervereine, Hilfstruppen, ganze EU-Programme bemühen sich um Korrekturen. Unzureichend, vorläufig jedenfalls. Den Zwängen der globalisierten Ökonomie steht nationalstaatliches Tun oft drucklos gegenüber. Ein Pflock an der einen Stelle verliert mangels festem Umfeld schnell den Halt. Immer mal wieder ein Tröpfchen vom alten Sozialstaat hält die Austrocknung des Ganzen nicht auf.
Nur Weihnachten, wenn wir uns sowieso viel Sentimentalität leisten, geben wir für die Benachteiligten im eigenen Land und darüber hinaus. Euros, die in doppelter Weise helfen, den tatsächlich Bedürftigen und uns selbst. Eine List gegen die eigene Angst vor dem schleichenden Verfall und gegen die Kälte.
Günter Grass, Daniela Dahn, Johano Strasser (Hg.) In einem reichen Land - Zeugnisse alltäglichen Leidens an der Gesellschaft, Steidl Verlag, Göttingen, 2002, 638 S., 34 EUR