Politik

Krieg ist Frieden | 16.01.2004 00:00 | Jürgen Elsässer

Rauchende Colts

Oder warum hat Bush mit seinen Lügen so viel Erfolg?

George Bush und George Orwell - die Wirklichkeit hat die Lüge eingeholt. Wie hieß es in der Anti-Utopie 1984: Krieg ist Frieden, Sklaverei ist Freiheit. Tatsächlich, vor unseren Augen überlappen sich die Bilder: Ist Afghanistan ein befreites Land mit nagelneuer Verfassung - oder eine Kolonie des Imperiums mit einer Operetten-Regierung? Befindet sich der Irak auf dem Weg zur Normalität - oder sterben dort zur Zeit mehr Menschen als in den letzten Jahren Saddam Husseins? Ist Guantanamo ein Internierungslager für Terroristen - oder das größte KZ der neueren Geschichte? Das sind schwierige Fragen - aber keine, die man mit etwas Anstrengung nicht beantworten könnte. Die meisten Zeitgenossen jedoch kneifen angesichts der flimmernden Momentaufnahmen die Augen zusammen, schütteln den Kopf, zappen die Nachrichtensendung weg. Unwissenheit ist Stärke, das letzte Gegensatzpaar in Big Brothers Slogan, findet den größten Zuspruch. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Dabei war es noch nie so einfach, die Lügen zu durchschauen. Die folgenschwerste Behauptung des Jahres 2003, die von den irakischen Massenvernichtungswaffen, ist jedenfalls bis zu den Knochen abgenagt. Erinnert sich noch jemand, wie der britische Premier mit irrem Blick vor Saddams Atomraketen warnte, die in 48 Minuten einsatzbereit seien? Wie der US-Präsident Ende Januar von neuen Erkenntnissen berichtete, wonach sich der Diktator bombenfähiges Uran in Schwarzafrika besorgt habe? Wie der US-Außenminister dem UN-Sicherheitsrat Luftaufnahmen zeigte, die beweisen sollten, dass die arabischen Hurensöhne ihre Mordwerkzeuge vor den Inspekteuren versteckt hatten? Der Chef der UN-Kontrolleure, Hans Blix, hat sich schon damals nicht von diesem Propaganda-Feuerwerk beeindrucken lassen. Der britische B-Waffenexperte David Kelly wollte im Mai die Lügen seiner Regierung nicht länger mittragen und wurde das Opfer seiner Ehrlichkeit. Vor Wochenfrist zog Washington 400 Spezialisten aus dem Zweistromland ab, die dort nach verborgenem Verbotenen gefahndet hatten. "Die Verringerung des Personals wurde von Militärs als Hinweis gedeutet, dass die Regierung womöglich nicht mehr erwartet, dass noch chemische oder biologische Waffen im Irak gefunden werden", fasste die FAZ zusammen. Kurz darauf packte Bushs ehemaliger Finanzminister Paul O´Neill aus: Der Angriff auf den Irak sei bereits unmittelbar nach dem Amtsantritt der neuen Regierung im Januar 2001 geplant gewesen. Mittlerweile verschanzen sich die Betrüger in ihrem letzten Schützengraben: Saddam habe zwar keine ABC-Waffen gehabt, aber es selbst nicht gewusst - wie hätten man es da von den Alliierten verlangen können? Darüber ernsthaft zu debattieren, verbietet die Selbstachtung. Kurz und schlecht: Der Feldzug im Irak war ein Angriffskrieg, und seine Begründung ein Fake wie der Überfall auf den Sender Gleiwitz oder der Zwischenfall im Golf von Tongking, der 1964 als Initialzündung für den Vietnam-Krieg gebraucht wurde. Die Smoking Gun war nicht in Saddams Präsidentenpalast, sondern im Weißen Haus. Doch das interessiert kaum noch jemanden - ganz im Gegensatz zum Tod von Lady Di, dem Abgang von Harald Schmidt oder der Geschlechtsreife von Daniel Küblböck. Der Grund ist schnell gefunden: Bush hat mit seinen Lügen Erfolg gehabt. Zwar konnte im Irak selbst nichts entdeckt werden, was den Schmäh bewiesen hätte - aber der mit diesem Bluff geführte (und zumindest vorläufig gewonnene) Krieg hat andere Staaten so eingeschüchtert, dass sie ihre militärtauglichen Atomprogramme mehr oder weniger zur Disposition stellen. Libyen kündigte die Einstellung an, der Iran will internationale Kontrollen zulassen, selbst Nordkorea hat US-Inspektoren eingeladen. Nachdem alle Schurken so fügsam die Waffen strecken - wer wollte da dem Sheriff noch vorwerfen, dass er zuerst und ohne jeden Grund geballert hat? Mittlerweile steigen Bushs Umfragewerte sogar wieder an - die hollywoodreife Verhaftung von Saddam Hussein, der schöngerechnete Wirtschaftsaufschwung und der halluzinierte Flug zum Mars machen´s möglich. Die größten Popularitätsverluste hatte der Texaner Ende November verbuchen müssen - nach dem Monat mit dem höchsten Blutzoll der GI´s im Zweistromland. Mit anderen Worten: Was die Öffentlichkeit wirklich zum Nachdenken gebracht hat, waren nicht die scharfen Analysen aufklärerischer Journalisten oder Wissenschaftler. Es waren die mörderischen Anschläge irakischer Widerständler, die von den einen als "Freiheitskämpfer" und den anderen als "Terroristen" bezeichnet werden. Nur die eigenen Verluste rütteln die Bürger des Imperiums auf - das Leid der anderen rührt lediglich zu Krokodilstränen. Deswegen ist ein toter US-Soldat als Argument hundertmal überzeugender als ein noch so kluger Leitartikel. Sie wollen nicht hören. Sie müssen es fühlen. Marx schrieb: Wenn die Waffe der Kritik versagt, beginnt die Kritik der Waffen. Das war kein Aufruf zur Gewalt, sondern die Entdeckung einer historischen Konstante, wenn auch einer sehr deprimierenden. Oder hat jemand ein Gegenbeispiel?

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