Politik

Ein unstatthafter Vergleich | 28.10.2005 00:00 | Otto Köhler

Der Parasit

Wie Wolfgang Clement Schmarotzern zu Leibe rückt

In seinem grundlegenden Werk Vorrang für die Anständigen - Gegen Missbrauch, "Abzocke" und Selbstbedienung im Sozialstaat kommt Wolfgang Clements Wirtschaftsministerium zu dem Ergebnis: "Biologen verwenden für Organismen, die auf Kosten anderer leben, die Bezeichnung ›Parasiten‹."

Diesen Begriff "Parasit" benutzt das Ministerium nur, um zu sagen, dass es damit nichts gesagt haben will: "Natürlich ist es völlig unstatthaft, Begriffe aus dem Tierreich auf Menschen zu übertragen." Erklärt die Clement-Broschüre und erläutert dann, warum eine bestimmte Menschensorte noch schlimmer ist als der Parasit: "Schließlich ist Sozialbetrug" - das Wort kommt in verschiedenen Zusammensetzungen 15 Mal in der Clement-Schrift vor - "nicht von Natur bestimmt, sondern vom Willen des Einzelnen gesteuert" (- also schlimmer als das Verhalten von Parasiten?). Da gibt es - wie der Bericht ausdrücklich vermerkt - Hartz-IV-Empfänger mit "dicken Staubschichten" auf den Möbeln, "Essensresten und Urinflecken auf dem Teppich", kurz: "Hier haben Vandalen Quartier bezogen".

"Alles belegte Fälle", bekräftigte Anfang der Woche der parlamentarische Staatssekretär Gerd Andres im Fernsehen, "keine Erfindung von Wolfgang Clement". Trotzdem, Clement könnte, nachdem nun der Protest der Parasiten über ihn hereinschlägt, leicht sagen: Wir haben ausdrücklich diesen Vergleich als "unstatthaft" bezeichnet.

Aber er tut´s nicht. Voller Leidenschaft bekennt sich Clement zu seiner neuen Berufung als Bakteriologe am Volkskörper. In der Chemnitzer Freien Presse unterstrich er am Wochenende, er könne es nicht zulassen, dass Menschen auf Kosten anderer lebten: "Das nenne ich parasitäres Verhalten".

Es gebe Untersuchungen, so legte er nach, dass mindestens 20 Prozent der Langzeitarbeitslosen nicht berechtigt seien, Arbeitslosengeld II zu erhalten. Wir haben also unter den fünfeinhalb Millionen Hartz-IV-Menschen mindestens 1,1 Millionen Parasiten im Land. Da gebe es nichts zurückzunehmen, meinte der Minister. Er müsse doch sagen können, "wie es ist".

Nun gab es schon immer viele Menschen in diesem Land, die sagten, wie es ist. Völlig unstatthaft aber ist es, einen demokratischen Staatsmann wie Wolfgang Clement mit einem nationalsozialistischen Politiker zu vergleichen. Es geht uns hier lediglich um ein rein etymologisches Verfahren, herauszufinden, wo der Begriff "Parasit" in der politischen Auseinandersetzung herkommt.

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Adolf Hitler meinte noch, es sei "der Jude", der als "Parasit im Körper anderer Völker" auftrete. In seinem Hauptwerk erläuterte Hitler: "Er ist und bleibt der typische Parasit, ein Schmarotzer, der wie ein schädlicher Bazillus sich immer mehr ausbreitet, sowie nur ein günstiger Nährboden dazu einlädt. Die Wirkung seines Daseins aber gleicht ebenfalls der von Schmarotzern: wo er auftritt, stirbt das Wirtsvolk nach kürzerer oder längerer Zeit ab" (Mein Kampf, Seite 334).

Auch er konnte das sehr einsichtig begründen: "Im Leben der Juden als Parasit im Körper anderer Nationen und Staaten liegt eine Eigenart begründet... Das Dasein treibt den Juden zur Lüge, und zwar zur immerwährenden Lüge, wie es den Nordländer zur warmen Kleidung zwingt."

Clements Denkschrift - und da kommen wir der Sache schon näher - hat einen besonders schweren Fall von Sozialbetrug entdeckt: ein Gedicht auf der Rückseite einer Hetz-Broschüre für ALG-II-Empfänger. Erich Fried, einer der aus Deutschland emigrieren musste, weil Hitler seinesgleichen für Parasiten hielt, hat es geschrieben: "Was den Armen zu wünschen wäre für eine bessere Zukunft? / Nur dass sie alle im Kampf gegen die Reichen so unbeirrt sein sollen / so findig / und so beständig wie die Reichen / im Kampf gegen die Armen sind."

Der Clement-Sendbrief an die Parasiten nennt dies: "billige Klassenkampfparolen". Und - das ist bemerkenswert: "Empfehlungen, die sich leicht auch als Ideen zum Sozialbetrug verstehen lassen." Wir verstehen: Es ist unstatthaft, den Kampf der Reichen gegen die Armen - den es nicht gibt - mit dem Kampf der Parasiten gegen die Reichen zu vergleichen.

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