Politik

Aktuell | 08.02.2008 00:00 | Interview

Warum nimmt die Arbeitslosigkeit ab, Herr Müller?

Nachgefragt

FREITAG: Die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie zuletzt 1993 und liegt derzeit bei 3,7 Millionen. Ist das eine gute Nachricht?
ALBRECHT MÜLLER: Es ist immer eine gute Nachricht, wenn die Arbeitslosigkeit abnimmt. Es sei denn, es handelt sich nicht um eine echte Abnahme.

Und ist der Rückgang denn ein echter?
Ein kleiner Teil davon ist vermutlich die Folge der Exportfähigkeit unserer Volkswirtschaft. Im konkreten Fall wird die Freude über den Rückgang gewaltig relativiert. Erstens sind 3,7 Millionen immer noch 3,7 Millionen zu viel. Zweitens ist der Vergleich mit 1993 verlogen, weil viele Menschen in den vergangenen Jahren keine ordentliche Arbeit gefunden haben, sondern als ältere nicht mehr mitgezählt werden oder in den Niedriglohnsektor abgedrängt worden sind. Beinahe sieben Millionen Menschen waren Ende des Jahres geringfügig beschäftigt. Fast fünf Millionen davon verdienen ihr Geld mit Minijobs, 300.000 arbeiteten als Ein-Euro-Jobber. Zwischen 1995 und 2006 ist der Niedriglohnanteil um 43 Prozent gestiegen. Man kann sich beim besten Willen nicht darüber freuen, dass es immer mehr prekäre Arbeitsverhältnisse gibt.

Halten Sie denn Vollbeschäftigung noch für möglich?
Warum denn nicht? Auch wenn in rechten wie in linken Kreisen unisono behauptet wird, Vollbeschäftigung sei nicht mehr möglich, muss das ja nicht stimmen.

Was muss geschehen, damit die Arbeitslosigkeit noch weiter sinkt?
Wir müssen investieren: in die Infrastruktur, die Schulen, in die Alten- und Jugendpflege, in Umweltschutz und Forschung. Dazu bedarf es einer expansiven Geldpolitik, steigender Löhne und staatlicher Konjunkturprogramme. Es ist genug Geld da, man muss es nur besser organisieren. Und wenn man meint, es gebe nicht mehr genug Arbeit, dann kann man die Arbeitszeit doch verkürzen und auf alle verteilen.

Es heißt, dass die Globalisierung eine aktive Beschäftigungspolitik immer weniger möglich mache ...
Wer das behauptet, lässt sich auf die Reservearmee-Strategie der neoliberalen Bewegung ein: Mit einem Heer von Arbeitslosen sorgen sie dafür, dass die Arbeitnehmer nicht mehr zu kämpfen wagen. Dann drosseln sie die Löhne oder diese stagnieren so, wie das zwischen 1993 und heute geschah. Zudem höhlen die Arbeitgeber auch die Mitbestimmungs- und Kündigungsschutzrechte aus.

Das Gespräch führte Dirk F. Schneider

Albrecht Müller ist Nationalökonom, Autor von Die Reformlüge und Machtwahn sowie Mit-Herausgeber der NachDenkSeiten.de.

Dieser Text ist mir was wert: Info
 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
Liebeshandlung - Eugenides

Berlinale

Freitag_Salon

PortletSalon_120216.png

Christoph von Marschall Was ist mit den Amis los? Herder Verlag 2012

260 Seiten. Gebunden.

18,99
 
Warum sie an Barack Obama hassen, was wir lieben. 2012 steht in den USA im Zeichen des Präsidentschaftswahlkampfs und auch Europa schaut gespannt zu. Christoph von Marschall erklärt die unterschiedlichen politischen Kulturen dies- und jenseits des Atlantiks und entlarvt typische Vorurteile auf beiden Seiten >> mehr
Occupy

portlet_occupy.png

IGEL

portlet_IGEL.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Anti-Terror-Zelle Kraftklub

Ausgabe 06/12
09.02.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_05_06.jpg

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Carta
Autoren-Blog für Politik, Medien und Ökonomie

Lobby Control
Blog von lobbycontrol.de

annalist
Anne Roth verfolgt den "Krieg gegen den Terror"

Nachdenkseiten
Das kritische Tagebuch von Albrecht Müller und Wolfgang Lieb

Reporterwelt.Blog
Blog des Korrespondenten von Weltreporter.net

Latinomedia
Toni Keppeler berichtet aus Lateinamerika

politik.de
Portal für Politik und Demokratie

Sprengsatz
Der Politikblog von Michael Spreng

Lafontaines Linke
Tom Strohschneider und Co. bloggen über die Linkspartei

Bangemachen gilt nicht
Das Blog von Jürgen Link

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG