Politik

Krise | 06.02.2009 00:05 | Werner Vontobel

Inflation? Hoffentlich!

Wir haben uns zurückgehalten und die Amerikaner haben konsumiert. Jetzt ist es Zeit, die Staatsausgaben anzukurbeln, die Löhne zu steigern, und die Reichen zu besteuern!

Und wieder einmal wird die falsche Frage gestellt. Es geht nicht darum, ob der Staat die Hypo-Real-Estate-Aktionäre enteignen darf: Die Frage ist vielmehr: Muss und kann der Steuerzahler diese Zeche ganz allein zahlen? Enteignen? Lachhaft! Die HRE ist wertlos. Da gibt es nichts mehr zu enteignen. Dass die Bank an der Börse noch für wenige hundert Millionen Euro gehandelt wird, ist nur der Hoffnung auf die Erpressbarkeit des Staates zu verdanken. HRE-Chef Axel Wieandt hat den Erpresserbrief so formuliert: „Die Eskalation der Finanzkrise nach dem Fall von Lehman hat gezeigt, welche Auswirkungen Kettenreaktionen auf dem Finanzmarkt haben können.“

Richtig. Aber es sind auch andere Kettenreaktionen möglich: Der Internationale Währungsfonds schätzt in seinem neuesten Bericht, dass die Banken allein mit US-Papieren 2.200 Milliarden Dollar verlieren werden. Davon sind 800 Milliarden bereits gedeckt. Bleiben 1.400 Milliarden Dollar, die jederzeit neue Löcher in den Bankbilanzen aufreißen können. In Deutschland, in Spanien, vielleicht in Italien? Wie viel davon kann der Staat höchstens übernehmen – bis er zahlungsunfähig wird oder die Steuerlast verdoppeln muss? Kann man einem solchen Staat noch trauen? Sollte man sein Geld nicht vielleicht doch in der Schweiz in Sicherheit bringen? Oder in Liechtenstein?

Wie die Last dieser globalen Billionen-Pleite verteilen?

Im Moment geht es nur um HRE, morgen vielleicht um die Deutsche Bank, die auch nur noch 35 Milliarden Euro Eigenkapital aufweist. Doch dahinter steht eine Grundsatzfrage. Wie verteilen wir die Last dieser globalen 2,2-Billionen-Pleite (wenn es denn dabei bleibt), ohne dabei die Realwirtschaft vollends in den Abgrund zu reiten?

Dazu muss man sich in Erinnerung rufen, wie genau Real- und Finanzwirtschaft zusammenhängen. Zunächst: Die verlorenen Billionen sind nicht real. Alle Fabriken stehen noch, die Arbeitskräfte sind immer noch da, ihr Know-How auch. Die Welt hat weiterhin die Möglichkeit, Jahr für Jahr ein paar Prozent mehr zu produzieren. Aber etwas stimmt nicht mehr mit den Anteilscheinen, mit denen wir Ansprüche auf das Inlandsprodukt erheben können.

Davon können wir zwei Sorten unterscheiden: Erstens das Geld, mit dem man direkt Waren und Dienstleistungen kauft. Zweitens Wertschriften wie Aktien und Obligationen. Sie verkörpern Anrechte am produktiven Kapital und auf deren Ertrag, stellen also Ansprüche an Erträge der Zukunft dar. Wertschriften entstehen, wenn in einer bestimmten Periode mehr produziert als konsumiert wird, das heißt: ein Guthaben vorhanden ist, dem eine entsprechende Schuld gegenüber steht.

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In Deutschland ist die Binnennachfrage fast zum Erliegen gekommen

In der Welt der Finanzen geht diese doppelte Buchhaltung immer auf. In der realen Welt gibt es ein Problem: Wertschriften sind nur werthaltig, wenn dahinter produktives Kapital steckt. Produktives Kapital ist aber nicht beliebig vermehrbar, es hängt von der Höhe des Konsums ab. Was nicht konsumiert wird, wird nicht produziert. In modernen Volkswirtschaften beträgt das Verhältnis etwa 20 zu 80. Für 80 Euro Konsum braucht es 20 Euro Investition. Spart man nun aber mehr, beispielsweise 25 Euro, und konsumiert entsprechend nur noch 75 Euro, dann nehmen die Investitionen nicht zu, sondern ab. Warum sollten die Unternehmen mehr investieren, wenn weniger konsumiert wird. Wird zuviel gespart, sinkt das Inlandsprodukt, es sei denn, das Zeug könnte exportiert werden. Genau dies ist in den vergangenen Jahren geschehen. In Deutschland etwa steht der einheimische Konsum praktisch still. Dafür hat man seit 2002 insgesamt 760 Milliarden Euro Leistungsbilanzüberschüsse erzielt und – genau wie China, Japan und die Schweiz – entsprechende Guthaben angehäuft, vor allem gegenüber den USA.

Selbstverständlich haben unsere Schuldner dieses Geld nicht produktiv investieren können. Wie denn? Auch in den USA haben die meisten Firmen ihre Investitionen bis vor kurzem locker aus den eigenen Gewinnen finanziert. Nein, das Geld floss via Hypothekarkredite in den Konsum der US-Haushalte. Was die Deutschen sparten, haben die US-Amerikaner wieder ausgegeben. Sie haben damit den Güterkreislauf geschlossen – und uns vor Arbeitslosigkeit verschont – vorerst.

Das Problem ist nicht, dass zuviel konsumiert worden ist, sondern dass der globale Warenkreislauf mangels Lohneinkommen durch einen einmaligen Kreditboom geschlossen worden ist. Dass wir das erst so spät gemerkt haben, liegt an den faulen Tricks der Banken, die vom Kreditboom gut gelebt haben. Doch das Grundübel liegt nicht bei den Banken, sondern im weltweiten Rückgang der Lohnquote.

Hypotheken, Maschinen und Fabriken sind wertlos, wenn die Nachfrage fehlt

Allgemeiner gesagt: Die Kaufkraft ist nicht mehr dort, wo die Nachfrage ist: 50 Prozent der deutschen Haushalte verfügen über 14 Prozent der Markteinkommen. Zehn Prozent besitzen 61 Prozent der Vermögen. Doch was heißt schon Vermögen? Die Vermögen der Reichen sind letztlich deren Nettoforderungen an die Armen. Hypotheken, Maschinen und Fabriken sind wertlos, wenn die Nachfrage fehlt. Soll nun der Staat die Forderungen der Reichen schützen, indem er Banken verstaatlicht? Er muss wohl, weil die Wieandts sonst das Chaos ausbrechen lassen, und weil sich in Deutschland immer noch eine Mehrheit reich fühlt. Gleichzeitig muss aber die Verteilungsfrage angepackt werden und zwar auch aus funktionalen Gründen: Damit der Güterkreislauf wieder geschlossen wird. Also: Staatsausgaben ankurbeln, Löhne rauf, Sozialstaat ausbauen, Reiche besteuern!

Führt das nicht zu einer weltweiten Inflation? Hoffentlich. Schließlich müssen ja noch 2.200 Milliarden Dollar fiktiv gewordene Vermögen – die bittere Frucht der Sparwut – irgendwie entwertet und enteignet werden. In dieser heiklen Lage ist Inflation wohl das kleinste aller denkbaren Übel.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Moone schrieb am 04.02.2009 um 18:57
Danke. Endlich mal eine andere Sicht auf die ohnehin verdrehte Finanzwelt. Wie wäre es endlich mal mit einer Diskussion rund um die "notleidende Bevölkerung" anstatt über "notleidende Banken".
odradek schrieb am 05.02.2009 um 11:52
Vom Standpunkt aus argumentiert, man könne oder müsse den Kapitalismus reparieren:
"für 80 Euro Konsum braucht es 20 Euro Investition. Spart man nun aber mehr, beispielsweise 25 Euro, und konsumiert entsprechend nur noch 75 Euro, dann nehmen die Investitionen nicht zu, sondern ab. Warum sollten die Unternehmen mehr investieren, wenn weniger konsumiert wird."

Das ist so nicht ganz richtig, weil mit zunehmender Spartätigkeit die Zinsen fallen, d.h. Investitionen werden immer billiger. Die klassische Argumentation wäre dann, daß bei verbrauchten Konsummöglichkeiten die Einkünfte zur Schaffung neuer Möglichkeiten eingesetzt werden. Das akute Problem ist aber, daß verschiedene politische Maßnahmen der Vergangenheit (Deregulierung, Privatisierung sozialer Sicherung) eine Inflationierung der Kapitalmärkte eingeleitet hat, die mit einer gewissen Notwendigkeit zur Blasenbildung führt.
Der Artikel weisst darauf hin, daß unsere tollen Aussenhalndelsüberschüsse auf die unsere Politiker immer so stolz sind, natürlich auch als Kapitalüberschüsse auf den durchgeknallten Finanzmärkten gelandet sind. Man muß sich klarmachen, daß die Finanzkrise kein amerikanisch/angelsächsisches Problem ist, sondern durchaus von unserer so realen Wirtschaft mitverursacht wurde. Wir haben das Stroh ins Feuer geworfen, sozusagen. Die Aussenhandelsüberschüsse (auch von China und Japan in diesem Zusammenhang) können nicht weiterexistieren, wenn diese globale Fehlallokation behoben werden soll. Schon aus diesem Grund muß der Binnenkonsum angeworfen werden und zwar genau damit wir mehr importieren
"Hypotheken, Maschinen und Fabriken sind wertlos, wenn die Nachfrage fehlt."
Interessanterweise berührt dies einen kontroversen Punkt, der in der klassichen Ökonomie mehr oder weniger ignoriert wird, nämlich, ob Produktionsfaktoren immer über einen meßbaren Wert aggregiert werden können. Es wird die Ansicht vertreten (Sraffa usw.) , daß viele Modelle (mit denen der FAZ-Wirtschaftsteil seine Argumentation bestreitet) hinfällig werden, wenn man die gesamtwirtschaftlichen Effekte des Einsatzes von Produktionsmitteln wieder in ihre Bewertung zurückfliessen lässt.
gorz1904 schrieb am 09.02.2009 um 16:56
Ich verstehe schon nicht, warum man ` 25 Euro spart und dann ensprechend 75 Euro konsumiert`. Wie kommt dieser Betrag zustande?
Auch begreife ich nicht in dem Artikel einen Absatz vorher, daß "Wertschriften enstehen, wenn in einer Periode mehr produziert als konsumiert wird das heißt: ein Guthaben vorhanden ist. dem eine entsprechende Schuld gegenübersteht.
Vieleicht kannst du mir das mal erklären.
Ingo Stützle schrieb am 05.02.2009 um 16:53
Ganz so als wäre darüber noch nie diskutiert worden, sehen KommentatorInnen, Teile der politischen Klasse sowie die VertreterInnen des Kapitals mit der wahrscheinlichen Verstaatlichung der Hypo Real Estate den Weg in den Staatssozialismus geebnet. Bei all der Aufregung lohnt dann doch mal ein Blick in staatstheoretische Klassiker. Otto Kirchheimer zufolge schließt eine Enteignung keineswegs die Garantie des Privateigentum aus. Ganz im Gegenteil: Das "Expropriationsrecht des bürgerlichen Rechtsstaats ist nur das Korrelat der verfassungsmäßig sanktionierten Herrschaft des Privateigentums." ("Die Grenzen der Enteignung", 1930) So können nicht-willkürliche Enteignungen, die dem allgemeinen Interesse der Kapitalakkumulation dienen durchaus geboten sein. Nichts anderes wird gerade diskutiert. Dass dies nicht ohne Gezeter passiert ist ebenso klar. Noch einmal Kirchheimer: Es "hat noch keine Klasse gegeben, die freiwillig ihre Rechte preisgegeben hätte." Der Staat muss eben die Reproduktion des Kapitalverhältnis als Ganzes garantieren - auch gegen die Interessen von Einzelkapitalien. Die Garantie von Eigentum ist immer gegenüber Dritten, Privatpersonen absolut. Dem Staat gegenüber ist sie relativ - er ist ja gerade die Instanz, die das Eigentum garantiert. Deshalb wird in fast allen klassischen Verfassungen dem Staat das Recht auf Enteignung zugesprochen. Gleichzeitig erkennt er das Privateigentum weiter dadurch an, indem er die Bedingungen normiert, unter denen er sich über es hinwegsetzen darf. Dass Teile der Bourgeoisie und deren VertreterInnen z.Z. aufschreien zeigt nur deren bornierten Horizont. Das andere Teile die Enteignung hingegen begrüßen unterstreicht nicht nur den Charakter des staatlichen Eingriffs, sondern auch, dass der Ernst der Lage durchaus begriffen wird. Deshalb sollte sich aber die Linken noch lange nicht am Chor für Enteignung beteiligen. Viele - insbesondere die Linkspartei - haben immer noch nicht begriffen, dass der Staat kein Gegenprinzip zum kapitalistischen Markt darstellt, sondern vielmehr eine Bedingung zu dessen Funktionieren - gerade in Krisen. Was vielmehr ansteht ist ein Griff zu Notbremse. Dieser ist nur dann möglich, wenn eine gesellschaftliche Mehrheit endlich klarmacht: Wir zahlen nicht für eure Krise!


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